Nachprimiz von P. Emmanuel Emmenegger

27.09.2021

Am Montag, 27. September 2021 feierte Pater Emmanuel Emmenegger im Rahmen der Eucharistiefeier um 09.30 Uhr eine Nachprimiz in unserer Klosterkirche. Die eindrückliche Predigt des jungen Zisterziensers aus der Abtei Hauterive bei Fribourg können Sie hier nachlesen:

Liebe Brüder und Schwestern

Soeben haben wir im Evangelium gehört, dass die Frage unter den Jüngern aufkam, wer von ihnen der Größte sei.

Weshalb stellen sich die Jünger diese Frage? Weshalb ist es so wichtig zu wissen, wer der Größte unter ihnen sei?

Der Text selbst gibt keine klare Auskunft. Doch können wir von unserer eigenen menschlichen Erfahrung her antworten.

Wir wollen groß, mächtig und wichtig sein, weil wir ein sehr starkes Bedürfnis nach Anerkennung und Respekt haben. Wir alle haben das Bedürfnis in unseren Augen und in den Augen derer, deren Meinung uns interessiert, als wichtig zu erscheinen.

Aus diesem Grunde vergleichen wir uns mit anderen und versuchen eben größer zu sein als diese, um uns so den Respekt und das Ansehen zu sichern.

Auch die Jünger sind Menschen und haben folglich ganz menschliche Bedürfnisse.

Jesus weiß dies und bejaht diese. Jesus macht ihnen keinen Vorwurf. Die Tatsache groß sein zu wollen ist an sich eine gute Sache.

Jesus tadelt die Jünger nicht, doch er zeigt ihnen, wer wirklich groß ist vor Gott. Denn er weiß genau, dass die Jünger noch eine sehr weltliche Vorstellung davon haben, was „Groß-sein“ bedeutet. Bestimmt denken die Jünger an Macht und spezielle Fähigkeiten wie Heilungen vollbringen oder Dämonen austreiben können. „Groß-sein“ für die Welt wird gleich gesetzt mit Stärke, Unabhängigkeit, Reichtum und Macht. Dieser Vorstellung von Größe stellt Jesus die Qualitäten eines Kindes gegenüber.

Ein Kind ist abhängig von den Eltern, es ist klein, arm, schwach und hilfsbedürftig. Kurz gesagt, es muss ganz auf die Eltern vertrauen, denn es kann nicht für sich selbst sorgen. Wenn ein Kind normal aufwächst, ist dieses unumstößliche Vertrauen in die Eltern ganz natürlich vorhanden. Das Kind macht sich keine Sorgen, denn es ist sich sicher, dass Vater und Mutter sich um alles kümmern. In dieser Sorglosigkeit ist es frei, um das Leben spielerisch anzugehen.

Das, was beim Kind natürlich ist, das Grundvertrauen in die Eltern, müssen Erwachsene frei wählen. Doch müssen Erwachsene nicht mehr sich ganz auf die Eltern verlassen. Auch die Eltern sind ja nur Menschen mit Schwächen und Grenzen. Es geht darum, sich ganz auf Gott zu verlassen, der ohne Unterlass für uns sorgt.

Jesus sagt, dass derjenige, der so klein sein kann wie ein Kind, wirklich groß ist. Es ist gut, dass die Jünger groß sein wollen, doch in den Augen Gottes bedeutet dies, sich ganz auf seine Güte zu verlassen und nicht ausschließlich auf sich selbst zu vertrauen und nicht sich selbst genügen zu wollen.

Denn Gott selbst ist so. Gott ist der Allmächtige und in seiner Größe nicht zu übertreffen. Doch ist es wichtig, die Allmacht und die Größe Gottes richtig zu verstehen. Gott ist die Liebe und seine Größe und Macht besteht darin, voller Vertrauen sich zu geben und den anderen so anzunehmen, wie er ist. Ja, Gott selbst ist wie ein Kind, das sich unschuldig den Menschen anvertraut und sich ihnen hingibt.

Jesus offenbart uns diesen vertrauenden und sich hingebenden Gott. Unschuldig wie ein Kind liefert er sich den Menschen aus und da die Größe Gottes im Widerspruch dazu steht, was in der Welt wichtig und angesehen ist, und die Großen seiner Zeit in ihm eine Gefahr für ihre Macht sehen, wird er getötet. Auch heute noch steht Gott im Widerspruch zum weltlichen Verständnis von Größe, und das, was Gott als groß erachtet, wird von der Welt häufig verachtet. Denken wir nur an all die Menschen, die aus verschiedenen Gründen klein, abhängig und so auf die Hilfe anderer angewiesen sind: Behinderte, Kranke, Arbeitslose, Flüchtlinge oder Betagte.

Liebe Schwestern und Brüder, das, was Jesus zu den Jüngern sagte, geht auch uns heute etwas an. Auch uns sagt Jesus, dass wir, wenn wir vor Gott groß sein wollen, klein werden sollen. Wir sollen lernen, uns ganz auf Gottes Güte und Barmherzigkeit zu verlassen.

Ein solches Vertrauen ist nicht einfach und stellt sich nicht automatisch ein. Gerne halten wir an unseren Sorgen fest, anstatt sie in Gott loszulassen. Lieber unternehmen wir nur das, was wir selbst kontrollieren können, anstatt auf die Hilfe Gottes zu hoffen. Wie schnell lassen wir unser Herz unruhig werden, anstatt unsere Zuflucht bei Gott zu suchen.

Bitten wir deshalb den Herrn häufig um die Gnade des Glaubens und des Vertrauens, damit wir als Kinder Gottes wachsen und groß vor ihm werden können. Amen.

P. Emmanuel Emmenegger OCist im wunderschönen Kreuzgang der Zisterzienserabtei Hauterive.

Pater Emmanuel Emmenegger OCist im wunderschönen Kreuzgang der Zisterzienserabtei Hauterive.