Predigt von Pater Markus Steiner am 22. Sonntag im Jahreskreis

30.08.2021

Ich gestehe, der Evangeliumsabschnitt, den wir eben gehört haben, zählt nicht zu meinen Lieblingstexten im Neuen Testament. Das liegt an der Pharisäerschelte, die sich darin findet. Als einzelner Abschnitt geht es noch. Aber wenn sich während der Woche mehrere solche Texte, besonders aus dem Matthäusevangelium, aneinanderreihen, so wird es für mich schwierig. Wird da nicht sehr pauschal mit einer Gruppe abgerechnet? Übertritt da Jesus nicht sein eigenes Gebot „Richtet nicht!“?

Es hilft ein wenig, wenn man sich bewusst macht, dass diese Texte weniger die Situation zur Zeit Jesu widerspiegeln als diejenige der jungen Kirche nach der Zerstörung des Tempels, als die Evangelien zu ihrer endgültigen Form fanden. Gewiss, Jesus geriet in Auseinandersetzung mit Pharisäern, die sich vor allem um das Sabbatgebot, den Umgang mit Sündern und um die Reinheitsgesetze drehten. Und Jesus hat sich immer sehr pointiert ausgedrückt. Aber er hat in den Pharisäern als Gruppe nicht einfach seine Gegner gesehen. Er liess sich von Pharisäern einladen. Vielleicht erinnern Sie sich auch an das Gespräch mit einem Pharisäer über das wichtigste Gebot, das Jesus mit den Worten abschloss: „Du bist nicht fern vom Reiche Gottes.“ Tatsächlich stand Jesus den Pharisäern in Vielem näher als etwas den Sadduzäern, die auch seine Hinrichtung betrieben.

Nach der Zerstörung des Tempels blieben von den verschiedenen Strömungen im Judentum eigentlich nur noch zwei übrig: die Pharisäer und die Christen. Die Pharisäer entwickelten sich weiter zum rabbinischen Judentum, das über lange Zeit fast konkurrenzlos war. Die Christen aber öffneten sich zu den Heiden, stellten den Glauben an Jesus, den Christus, über das Gesetz, wuchsen immer mehr aus der Gemeinschaft des jüdischen Volkes hinaus. Sie mussten sich abgrenzen, ihren eigenen Weg rechtfertigen. Aus dieser Konkurrenzsituation heraus ist die Polemik zu verstehen, die wir in den Evangelien finden.

Ob sie aber wirklich den Geist Jesu widerspiegelt? Sie mag uns stören, aber die Texte sind Teil der Heiligen Schrift, wir können sie nicht einfach weglassen oder übergehen. So müssen wir uns fragen, was sie uns zu sagen haben. Zunächst einmal: Es ist tatsächlich so, dass wir nicht mit ungewaschenen Händen essen sollten, aber nicht wegen der Begründung der Pharisäer, dass das kultisch unrein macht, sondern weil es in dieser Pandemie-Zeit krank machen kann. Die Vorschrift ist sinnvoll, aber sie soll sich nicht verselbständigen. Ein Zweites: Das, was unrein macht kommt aus unserem Herzen, sagt Jesus. Wir haben vor allem unserem Herzen zu misstrauen, können Schuld und Versagen nicht nach aussen abschieben. Und schliesslich: Wir sollen keine Heuchler sein, innen und aussen sollen übereinstimmen. Das ist eine ziemlich harte Nuss, denn immer wieder möchten wir ein wenig besser scheinen, als wir es wirklich sind.

Es gibt vermutlich viele biblische Texte, die uns ärgern. Legen wir sie nicht vorschnell beiseite. Auch sie können uns etwas zu sagen haben.