Predigt von P. Jean-Sébastien zum 19. Sonntag im Jahreskreis

08.08.2021

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Lehre Jesu im heutigen Evangelium weist darauf hin, dass unsere menschliche Vernunft nicht genügt, um die Wirklichkeit zu erkennen.

Jesus verkündet, dass er vom Himmel herabgekommen ist, dass niemand den Vater gesehen hat ausser er, der von Gott ist, und dass er das lebendige Brot ist, welches das ewige Leben spendet. Gegenüber solchen Aussagen murren seine Gegner und antworten: «Ist das nicht Jesus, der Sohn Josefs, dessen Vater und Mutter wir kennen?» Mit dieser Feststellung, die nicht falsch ist, reduzieren sie die Wirklichkeit auf das, was sie glauben zu wissen und zu verstehen. Ihre begrenzte Sicht hindert sie aber daran, die Botschaft Jesu wirklich zu hören, zu verstehen und anzunehmen.

Auch bei uns besteht die Gefahr, die Wirklichkeit darauf zu reduzieren, was wir verstehen und messen können. Aber unsere Sinne, unsere Messinstrumente sowie unser Denkvermögen sind begrenzt und nehmen nur einen kleinen Teil der Wirklichkeit wahr. Sogar die wertvolle und wichtige Philosophie – die Wissenschaft des Denkens – bringt keine endgültige Antwort. Sie sucht Antworten aber ihre Aufgabe besteht vor allem darin, Fragen zu stellen und die Logik unserer Denkweise zu überprüfen. Antworten haben aber mit Glauben zu tun. Deshalb können auch die grössten Philosophen zu den unterschiedlichsten Ergebnissen und Antworten kommen. Je nach dem, was sie glauben, was sie als Voraussetzungen angenommen haben, werden sie ihre unterschiedlichen Hypothesen aufbauen. Ein «gläubiger» Philosoph zum Beispiel, wird mit logischen Gedanken zu beweisen versuchen, dass es Gott gibt. Ein «atheistischer» Philosoph hingegen, wird mit ebenso logischen Gedanken zu beweisen versuchen, dass es keinen Gott gibt! So sehen wir, dass die Logik, die reine Vernunft, nicht genügt, um Antworten zu finden. Sogar die «Antworten» der Naturwissenschaft sind nur gültig bis zur nächsten Erkenntnis, die uns vielleicht näher zur Wahrheit führt, aber auch alles wieder infrage stellen kann, wie dies schon mehrmals in der Geschichte geschehen ist und sicher auch noch weiter passieren wird!

Antworten sowie Wahrheit sind keine Sache, die wir besitzen können. Deshalb sollten wir immer eine grosse Demut pflegen, bei den Antworten, die wir im Leben finden.

Für uns Christen ist Jesus die Antwort. Eine Antwort, die wir nie fertig werden zu erforschen und zu bewundern. Er ist das Wort – der Logos des Vaters – das für uns Fleisch und Brot geworden ist. Mehr als sechs Mal kommt das Wort oder das Thema des Brotes in dem kleinen Evangeliums-Abschnitt vor, den wir soeben gehört haben. Christus betont, dass er das Brot ist, das vom Himmel herabgekommen ist (v. 41) und weiter, dass er sogar das Brot des Lebens ist (v. 48).

Das Brot steht als Sinnbild für unsere Grundnahrung. Brot hat aber keinen Selbstzweck. Es ist dazu da, gegessen zu werden, um uns aufzubauen und zu stärken. Dafür müssen wir das Brot suchen, es essen, gut kauen und verdauen, damit es seinen Zweck erfüllt: uns nähren, stärken und aufbauen. Ebenso geht es mit Gott, der sich uns als Brot hingibt. Es genügt nicht bloss zu kommunizieren, um das ewige Leben zu empfangen, um uns mit Gott zu vereinen. Eucharistie und Kommunion ist viel mehr. Gott ist unser tägliches Brot, das wir immer und überall suchen müssen. Das Brot, das Christus ist, übersteigt die wertvolle Hostie. Gott gibt sich auch in den Lesungen als Brot des Lebens, das wir lange kauen und wiederkäuen, meditieren und studieren sollen. Machen wir das? Es geht aber noch weiter. In jedem Menschen begegnen wir Christus. Auch in den Begegnungen schenkt sich uns Christus als Nahrung, als Brot des Lebens. Sind wir uns dessen bewusst? Gott will uns aber auch durch seine Schöpfung – die Ausdruck seines Wortes ist – nähren und stärken. Suchen wir ihn auch dort?

So ist unser ganzes Leben berufen, Eucharistie und Kommunion, Begegnung und Vereinigung mit Gott zu sein.

Liebe Schwestern und Brüder!

Weisheit, Verstand, Erkenntnis und Wissenschaft zählen zu den Gaben des Heiligen Geistes. Gaben, die wir berufen sind, durch unseren Fleiss zu kultivieren. Für uns ist Gott der Ursprung und die Erfüllung alles Wissens. Er ist die Wahrheit. Gott inspiriert uns auch in unserem Innern, durch unser Gewissen. Vielleicht müssen wir manchmal die Augen schliessen und die Stille pflegen, um Gott besser zu sehen und zu hören. So werden wir alle Schüler und Schülerinnen Gottes sein, wie das heutige Evangelium es verkündet.

Vernunft, Wissenschaft und Glaube stehen nicht im Gegensatz zueinander, sie ergänzen, befruchten und korrigieren sich gegenseitig. Glaube muss vernünftig sein. Deshalb sind für gläubige Menschen auch die Ergebnisse der Naturwissenschaften, die Algebra oder der Geometrie Verkündigung des Schöpfers, der hinter allem steht und sein Wort dadurch ausdrückt. Mit dem Bewusstsein des Glaubens wird alles zur Nahrung, die uns stärkt, aufbaut und näher zu Gott führt. Christus, der allgegenwärtig ist, ist das lebendige Brot, das sich als Nahrung hingibt. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben.

Amen.