Predigt von Abt Urban Federer am Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel

15.08.2021

«Als Elisabet den Gruss Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib.» Bei der Begegnung zwischen den beiden Frauen Elisabeth und Maria, liebe Schwestern und Brüder, geht es sehr körperlich zu. Elisabeth muss sich über den Besuch Marias so gefreut haben, dass sich das werdende Leben in ihrem Leib zu bewegen, oder wie es heisst: zu hüpfen beginnt. Und betont leiblich ist dann auch die Antwort Elisabeths an Maria: «Gesegnet ist die Frucht deines Leibes.» Die Körperlichkeit ist im Christentum also von Beginn weg sehr wichtig. Jetzt, in dieser Corona-Zeit, fällt mir das mehr auf als in anderen Zeiten. Fehlt uns nicht bereits das Weihwasser im Becken beim Eintritt in eine Kirche, wo wir im Gedächtnis an unsere Taufe ein Kreuzzeichen über uns machen können? Musste beim Friedensgruss der körperliche Kontakt nicht einem flüchtigen Blick weichen, der hinter der Maske eher verstohlen als freudig aussieht? Mir fehlt auch jetzt Ihr Gesichtsausdruck, während ich hier predige, da Sie ihn hinter der Maske verstecken. Und die Kommunion, dieses Eins-Werden zwischen dem Leib Christi und meinem Leib und dem Leib der Kirche, steht in dieser Corona-Zeit schon fast unter Generalverdacht: Achtung Gefahr, zu viel Berührung könnte ansteckend sein.

Meine Lieben, was zeigt uns diese gegenwärtige Situation, wenn wir im Moment eher leiblos feiern und uns ohne Körperkontakt beistehen müssen? Wie wichtig eigentlich die Leiblichkeit in unseren Gottesdiensten, ja in unserem Glauben ist und wie sehr wir im Moment darauf verzichten müssen! Das Geheimnis unseres Glaubens beginnt damit, dass Gott in Jesus Christus Mensch wird. Garantin für diese Nähe Gottes zu uns Menschen ist Maria. Darum gibt es die Tradition, im Glaubensbekenntnis sich zu verneigen, wenn wir das Bekenntnis sprechen: «Geboren von der Jungfrau Maria.» Als im 5. Jahrhundert darüber gestritten wurde, wer dieser Jesus Christus genau sei, hat die Kirche festgehalten: Er ist ganz Gott und zugleich ganz Mensch. Darum wurde 431 n. Chr. auf dem Konzil von Ephesus bestätigt, dass Maria «Gottesgebärerin» sei: Mutter des Gott-Menschen Jesus Christus. Wo Maria verehrt wird, wird demnach der Glaube ausgedrückt, Gott sei wirklich Mensch geworden, damit wir Menschen zu Gott finden, göttlich werden. Und auch das heutige Fest betont die Körperlichkeit unseres Glaubens: Die ewige Vollendung des Menschen in Gott ist nicht etwa ein vergeistigter Vorgang. Das ewige Ostern für Maria geschieht mit Leib und Seele – und das ist auch die Hoffnung für uns selbst. Alles was Maria ausgemacht hat – von der freundvollen Begegnung mit Elisabeth über die Geburt Jesu bis hin zum Leiden unter dem Kreuz ihres Sohnes – all das wird von Gott nicht weggewischt, als wäre nur alles Spirituelle wichtig. Auch die leiblichen Erfahrungen Marias haben Platz im Moment ihrer Aufnahme in seinen Himmel.

Maria ist ein Aufruf an uns. Wer nach Einsiedeln pilgert, trifft auf eine schwarze Madonna, die als Gottesgebärerin mit Kind gezeigt wird. Die Einsiedler Muttergottes macht uns so darauf aufmerksam, wie wichtig es Gott ist, unter den Menschen zu sein, und wie wichtig es ist, dass wir uns für diese Nähe zu den Menschen als Werkzeug zur Verfügung stellen. Wer in diesen letzten Monaten einmal eine Hand eines alten oder gar sterbenden Menschen gesehen hat, die ins Leere griff, weil alle Menschen darum herum sich hinter Plexiglas oder in Schutzanzügen befanden, weiss um die Brutalität solch köperlosen Alleinseins. Wer Menschen begegnet ist, die beim Sterben ihrer Liebsten nicht dabei sein durften, schätzt danach die menschliche Nähe umso mehr. Maria ist uns als Gottesgebärerin Auftrag, näher bei den Menschen zu sein, all unsere Fantasie aufzuwenden, wie wir einander auch in Zeiten der Pandemie in unserer Leiblichkeit erstnehmen und begleiten können. Dies gilt auch in unserem Versagen oder in Krankheit, wo der Menschen besonders bedürftig ist nach Nähe und Zärtlichkeit. Die heutige Lesung aus der Offenbarung des Johannes wirft uns zurück auf unser Versagen. Wir sind mit der heutigen Lesung in der Mitte dieses Buches angelangt. Diese Stelle zeigt, warum Menschen angefochten und verfolgt werden. Es geht letztlich um die Gegnerschaft des Drachen gegen Christus, des Bösen gegen den Willen Gottes, der das Heil für uns Menschen sucht. Für die Offenbarung des Johannes kann das Böse weder Gott noch seinem Volk, wohl aber dem einzelnen Gläubigen gefährlich werden. Jede und jeder von uns weiss wohl um die eigene Verführbarkeit unseres Herzens. Wir kennen den Drang, Dinge zu tun, die uns eigentlich schaden. Dieses Unvermögen, das zu tun, was gut für uns wäre, wird in der Lesung als Geburtswehen dargestellt, also als körperlicher Schmerz, der Heilung sucht: die Nähe zum Guten, zu Gott. Auch in unserer Verletzlichkeit und in unserem Versagen kennt die Kirche darum die leibliche Nähe Gottes zum Menschen, etwa im Beichtgespräch, in der Krankensalbung und auch im eucharistischen Brot. Und da in der Frau der heutigen Lesung von der Kirche schon früh die Gottesmutter Maria gesehen wurde, ist sie uns in unserer Schwachheit, auf den Irrwegen unseres Lebens ein Hoffnungszeichen: Gott ist uns gerade auch nahe, wenn wir schwach und offen für sein Heil sind.

Liebe Brüder und Schwestern, weil in Jesus Christus das Heil immer konkret Mensch wird, wird Maria vor allem dort verehrt, wo an die heilende Kraft der Sakramente geglaubt wird, an die konkrete Nähe Gottes zum Menschen, der für uns Mensch geworden ist, das Leiden auf sich genommen und uns in seinem Tod am Kreuz die Türe zum Paradies aufgestossen hat. Diese Nähe ist in den Sakramenten immer auch eine leibliche, was wir mit den Zeichen von Wasser, Öl, dem Wort der Lossprechung, mit Brot und Wein feiern. Als getaufte und gefirmte Gläubige dürfen wir die Hoffnung auf Gottes Heil darum immer auch ganz konkret weitergeben, wie sie uns das heutige Fest vor Augen stellt: Wie Maria sind wir alle mit Leib und Seele für ein ewiges Ostern in Gott berufen. Amen.