Predigt von Pater Justinus Pagnamenta zum 21. Sonntag im Jahreskreis

22.08.2021

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Wir haben soeben den Abschluss der langen eucharistischen Rede gehört. Es ist ein dramatischer Moment für Jesus, denn viele seiner Jünger verlassen ihn.

Wo liegt das Problem? Warum finden sie Jesu Worte unerträglich? Sicher weil es ja wirklich anstössig klingt, dass Jesus sein Fleisch und sein Blut als Nahrung und Trank geben will. Liegt aber das Problem nur darin, dass die Leute diese Worte in ihrer sakramentalen Bedeutung nicht verstanden haben? Oder steht hinter der Empörung vielleicht etwas mehr? Es wäre zu oberflächlich, die eucharistische Rede bloss als eine Katechese über die Realpräsenz Christi in den eucharistischen Gestalten anzusehen.

«Diese Rede ist hart» – sagten viele der Jünger Jesu. Dabei kann uns die Bedeutung des hier verwendeten griechischen Wortes weiterhelfen. Skleròs heisst es im Originaltext und wird im Deutschen mit hart übersetzt. Dieser Begriff skleròs benutzt man nicht, um z.B. zu sagen, dass ein Stein hart ist (das wäre logisch). Skleròs bezeichnet eher etwas Hartes, das aber an sich weich oder elastisch sein sollte. Auf Deutsch kennen wir das Wort Arteriosklerose. Arterien sollen an sich elastisch sein; werden sie hart und steif, dann haben wir ein Problem; das ist unerwünscht. Das griechische Wort skleròs verweist also auf etwas, das enttäuscht, denn man erwartet etwas Weiches oder etwas Angenehmes, aber man trifft etwas Hartes vor.

So muss es vielen Menschen gegangen sein. Viele hatten die Zeichen gesehen, die Jesus wirkte. Wie er Kranke heilte, Dämonen austrieb und Wunder tat. Die Brotvermehrung machte alle satt. Das war es, was den Menschen gefiel. So war es einfach und bequem Jesus nachzufolgen.

Nicht wenige hofften, dass Jesus sogar die Befreiung vom Joch der römischen Besatzung bringt. So einen Messias hätten sie gerne gehabt. Sie wollten ihn zum König machen (vgl. Joh 6,15). Sie dachten, in Jesus jenen Messias gefunden zu haben, der ihre Probleme gelöst hätte, der ihnen das Leben einfacher und bequemer gemacht hätte.

Die wunderbare Brotvermehrung schien ihnen ein Vorgeschmack des Überflusses an materiellen Gütern, die sie vom Messias erwarteten. Aber Jesus enttäuscht bald ihre Erwartungen. In der langen eucharistischen Rede ist schon der Weg, der zum Golgota führt, angekündigt: «Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt» (Joh 6,51). Hier ist nicht die Rede von einem siegreichen politischen König, sondern von einem Messias, der sein Leben aufopfert. Viele Menschen fühlen sich um ihre Hoffnung betrogen, sind zutiefst enttäuscht und wenden sich von Jesus ab.

Ist es heute anders? Laufen nicht auch wir Gefahr, an einen Gott zu glauben, der uns das Leben erleichtern und die Probleme lösen soll; Probleme, die wir selbst nicht lösen wollen?

Gerade die Erzählung der wunderbaren Brotvermehrung, die im Johannesevangelium der langen eucharistischen Rede vorangestellt ist … gerade diese Erzählung lehrt uns, dass wir selbst angesichts von Schwierigkeiten und Problemen die Initiative ergreifen sollen; auch dann, wenn unsere Möglichkeiten sehr begrenzt erscheinen: Was waren denn fünf Gerstenbrote und zwei Fische für so viele Menschen? (Vgl. Joh 6,9). Und doch sagt uns Jesus: «Beginnt mit dem wenigen, was ihr könnt, unternimmt doch etwas!» Das ist Vertrauen in Gott! Wir können nicht einfach warten, bis er eingreift; das wäre kein Vertrauen, das wäre Resignation.

«Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt» (Joh 6,51). Mit Recht sieht die Kirche in diesen Worten eine Ankündigung des Sakramentes der Eucharistie. In den eucharistischen Gestalten schenkt sich uns Christus, der ganze Christus: seine Gottheit (das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist) und seine Menschheit (das Fleisch für das Leben der Welt).

Wenn wir die Kommunion empfangen, haben wir Anteil an beiden: am göttlichen und am menschlichen Leben Jesu Christi. Wir können nicht das eine wählen und das andere weglassen. Das geht nicht! Wir können nicht Christus teilen.

Jesus will Menschen, die ihm nachfolgen. Menschen, die seine Wege gehen zu den Armen und Kranken, die nicht raffen, sondern teilen, die nicht zuerst fragen: «Was bringt mir das?», sondern «Was kann ich geben?»

Liebe Brüder und Schwestern!

Um die Kommunion empfangen zu dürfen, reicht nicht der blosse Glaube, dass Christus wahrhaftig in den eucharistischen Gestalten gegenwärtig ist. Mit dem Empfang der Kommunion bekennen wir uns zu Christus und sind zugleich aufgefordert, selber eucharistische Menschen zu werden, Menschen, die sich uneigennützig für die anderen verzehren. Unser Leben soll eine Pro-Existenz sein … ein Dasein für die anderen. Alles andere würde einer Entweihung der eucharistischen Gestalten gleichkommen.

Was Jesus uns anbietet, ist kein bequemes und sorgenfreies Leben, sondern das enge Tor und den schmalen Weg, der aber zum wahren, ewigen, göttlichen Leben führt.

Amen!