Predigt von P. Philipp Steiner zum 17. Sonntag im Jahreskreis

25.07.2021

Predigt von P. Philipp Steiner am 25. Juli 2021, ausgehend vom Evangelium über die Speisung der Fünftausend bei Johannes 6,1-15:

Liebe Schwestern und Brüder

Wir haben gerade eben eine der bekanntesten Erzählungen aus dem Neuen Testament gehört. Es gibt wohl keine Kinderbibel, welche die Speisung der Fünftausend nicht darstellen und beschreiben würde. Sie hat sich auch bei uns Erwachsenen tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben und prägt unser Jesusbild. Die Geschichte hat etwas Märchenhaftes, sie ist fast zu schön, um wahr zu sein. Jesus ist zweifellos der Hauptakteur in dieser wundersamen Geschichte, die uns ihn als der Geber aller guten Gaben im verschwenderischen Übermass vor Augen stellen will. Ich möchte jedoch das Augenmerk zunächst auf die drei Nebendarsteller richten.

Philippus und Andreas

Da sind zuerst einmal die beiden Apostel Philippus und Andreas. Dem Philippus kommt die undankbare Rolle zu, von Jesus auf die Probe gestellt zu werden. Dieser stellt ihm eine verfängliche Frage und führt ihn so auf die falsche Fährte: «Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?». Philippus antwortet wie erwartet: Er macht eine Hochrechnung und weist auf die sehr hohen Kosten bei begrenzten finanziellen Mittel hin: «Brot für zweihundert Denare reicht nicht aus, wenn jeder von ihnen auch nur ein kleines Stück bekommen soll». Philippus repräsentiert hier einen Jüngertyp, der auch heute in der Kirche anzutreffen ist: der ressourcenorientierte Personalplaner, der Krisenmanager, der Pessimist. Ganz anders ist da der zweite Jünger: Andreas, der wie Philippus aus dem nahen Betsaida stammt und wie dieser einen griechischen Namen trägt. Andreas wird die Frage Jesu an Philippus zwar gehört haben, bringt jedoch einen ganz anderen Lösungsvorschlag. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf einen kleinen Jungen, der fünf Gerstenbrote und zwei Fische mit sich trägt. Andreas steht für jene Menschen in der Kirche, die ihren Blick auf das richten, was da ist. Sie sehen auch das Kleine, das Unscheinbare. Menschen wie Andreas sind keine abgehobenen Frömmler, sondern geerdete Realisten mit einem weiten Blick und einem weiten Herzen. Aber auch bei ihm schwingt ein Hauch von Resignation mit, wenn er anfügt: «Doch was ist das für so viele?» Auch Andreas scheint also nicht über alle Zweifel erhaben zu sein. Auch in ihm steckt eine Spur des «philipp’schen Pessimismus».

Und wie sieht es bei uns aus? Auch wir werden beides kennen: Zuversicht, die aus dem Glauben kommt und gleichzeitig immer wieder auch Ängstlichkeit und Resignation angesichts der Situation in Kirche und Welt. Wir sind Philippus und Andreas zugleich.

Der Junge mit den Gaben

Anders als die beiden Apostel trägt der dritte Nebendarsteller, der kleine Junge mit den Gerstenbroten und den zwei Fischen, keinen Namen. Er wird von Andreas aus der Masse der Fünftausend herausgeholt, stellt seine Gaben Jesus zur Verfügung und verschwindet wieder in der Anonymität des Grossereignisses.

Der Evangelist Johannes überlässt es uns, uns seine strahlenden Augen und seinen offenen Mund vorzustellen, wenn er das Wunder, das aufgrund seiner fünf Brote und zwei Fische geschieht, begreift. Ich stelle mir auch gerne vor, wie er einen schönen Teil der übriggebliebenen Brote voll Freude nach Hause trägt. Schade, dass wir seinen Namen nicht kennen.

Der damaligen gesellschaftlichen Norm entsprechend, tragen aber auch alle anderen in den Evangelien genannten Kinder und Jugendlichen keine Namen. Nur die Erwachsenen werden manchmal durch einen Namen als eigenständige Persönlichkeiten charakterisiert. Die Tochter des Synagogenvorstehers, der Jüngling von Naïm und die Tochter der Syrophönizierin bleiben wie der Junge mit den fünf Broten und zwei Fischen anonym. Doch hier scheint uns der Evangelist noch etwas anderes sagen zu wollen: der kleine Junge sind wir! Er trägt den Namen eines jeden und einer jeden von uns. Auch wir sind eingeladen, uns mit unseren Begabungen zu Jesus führen zu lassen. Auch wenn unsere Existenz unscheinbar ist und wir vielleicht nur wenig zu bieten haben: Wenn wir es Jesus anvertrauen, wenn wir es ihm übergeben, dann kann er daraus Grosses machen. Dies ist auch die Botschaft des heute erstmals begangenen «Welttages der Grosseltern und der betagten Menschen». Papst Franziskus ermutigt gerade auch sie, ihre Zeit, ihr Gebet, ihr Leid in den Dienst der Kirche zu stellen und so eine Fruchtbarkeit zu entfalten, die weit über die rein biologische hinausreicht.

Nimm das, was du hast, danke und teile es.

Kommen wir nun zum Hauptdarsteller im heutigen Evangelium. Von ihm heisst es: «Dann nahm Jesus die Brote, sprach das Dankgebet und teilte an die Leute aus, so viel sie wollten; ebenso machte er es mit den Fischen» – diese Beschreibung der Handlung Jesu bildet den Höhepunkt der Erzählung. Sie ist auch Geheimnis eines fruchtbaren Lebens in der Nachfolge Jesu. Im Annehmen, Danken und Teilen erkennen wir den Dreiklang christlichen Lebens. Jesus hat die Nahrung für die Fünftausend nicht vom Himmel regnen lassen oder sie aus dem Nichts herbeigezaubert. Er nahm das entgegen, was ihm der kleine Junge durch die Vermittlung des Andreas überlassen hat. Im Dankgebet wendet er sich an seinen und unseren Vater im Himmel, den Geber aller guten Gaben. Im Austeilen schliesslich ereignet sich das Wunder. Durch das Teilen wird aus den Gaben nicht weniger, sondern mehr, so dass alle satt werden.

Dieser Dreiklang des Annehmens, Dankens und Teilens kann auch aus unserem Leben, aus unseren Begabungen aber auch Beschränkungen Segen für andere werden lassen. Dafür brauchen wir den aufmerksamen Blick des Andreas auf das, was ist, das mutige Vertrauen des kleinen Jungen, es Jesus zu überlassen und die liebevolle Verbundenheit Jesu mit seinem Vater im Himmel. Ich wage mir gar nicht vorzustellen, was werden könnte, wenn wir Christinnen und Christen konsequent so handeln würden. Dann würden aus unseren Pfarreien und Gemeinschaften Orte, wo sich das Wunder der Brotvermehrung auch heute ereignet. Doch an dieser Vision haftet nichts Märchenhaftes, sie ist nicht zu schön, um wahr zu sein.

Sie ist Verheissung, die uns immer neu herausruft aus unserem Egoismus, aus unserer Ängstlichkeit und Schwarzmalerei. Sie realisiert sich bereits im Kleinen und wird Frucht tragen im Reich Gottes. Lassen wir uns vom heutigen Evangelium inspirieren, und wir werden merken, dass wir mit dem Dreiklang Annehmen, Danken und Teilen niemals zu kurz kommen, sondern dass es für uns und andere reicht – in Fülle.

Amen.