Predigt von P. Patrick Weisser zum 15. Sonntag im Jahreskreis 2021

11.07.2021

Durch das heutige Evangelium weht eine unglaubliche Freiheit. Spüren wir sie?

Jesus sendet seine Jünger aus. Die Frohbotschaft von Gottes Liebe drängt sie. Es eilt; deshalb nehmen sie nur das Nötigste mit. Wenn sie an einem Ort aufgenommen werden, ist es gut; wenn nicht, so macht das auch nichts. Denn das Wort Gottes erreicht sein Ziel auf jeden Fall.

Eine unglaubliche Freiheit weht durch das heutige Evangelium.

Die Botschaft Jesu vom barmherzigen Vater wird allen verkündet, die sich dafür interessieren, und zwar gratis, bedingungslos. Die Liebe Gottes steht allen offen. Sie ist unkäuflich, unbezahlbar, ein Geschenk für alle, die sie annehmen wollen. In Jesu Verkündigung herrscht kein Zwang. Niemand ist zur Glaubensannahme verpflichtet. Niemand wird verurteilt, wenn er Jesu Botschaft nicht annimmt, denn das muss jeder selbst wissen.

Eine unglaubliche Freiheit weht durch das heutige Evangelium.

Das ist kein Zufall, denn Jesu Evangelium ist diese unglaubliche Freiheit. Wie ganz anders sieht es in Israel im 8. Jahrhundert vor Christus aus. Amos, von Gott berufener Prophet, aber eigentlich Viehzüchter, kritisiert die Ungerechtigkeiten in der damaligen Gesellschaft freimütig und hart. Das passt den Mächtigen natürlich nicht, und Amos muss gehen. Amàzja, der offizielle Priester von Bet-El, lässt Amos wissen: „Flüchte in das Land Juda und tritt dort als Prophet auf! In Bet-El darfst du nicht mehr als Prophet reden; denn das hier ist ein Heiligtum des Königs und ein Reichstempel.“ (Am 7,12f.)

In einem Heiligtum des Königs herrscht keine Freiheit, sondern der König, und in einem Reichstempel wird nicht Gott angebetet, sondern das Reich. Freiheit und Religion verkommen zu einem staatlich unterstützten Betrieb und erstarren in einem fixen Kult, von dessen Vorschriften niemand abweichen darf. – Kommt uns das nicht bekannt vor?

Die beiden so verschiedenen Texte aus dem Buch Amos und aus dem Markusevangelium sagen uns: Es gibt zwei Arten von Religion. Es gibt eine Religion, die uns Menschen in die Freiheit führt, zur Erkenntnis, wer wir selbst sind und wer Gott wirklich ist. Das schenkt Freude. Es gibt aber auch eine Religion, die Regeln und Gesetze aufstellt und auf ihre Einhaltung dringt. Das erzeugt nur Schuldgefühle.

Welche Religion gefällt uns besser? Welche Religion möchten wir leben? – Weil die Antwort darauf klar ist, eine schwierigere Frage: Ist das Christentum, so wie wir es leben, eine Religion, die uns in die Freiheit führt, oder aber eine Religion, die uns vor Gesetze und Vorschriften stellt?

Ein Kirchenrechtler sagte einmal allen Ernstes, mit dem heutigen Evangelium habe Jesus der Kirche „das Recht und die Pflicht zur Glaubensverkündigung“ verliehen und dem Staat „die Pflicht zur Garantie der Religionsfreiheit“ auferlegt. Jesus als Kirchenrechtler? Nichts ist falscher als diese Annahme. Nichts entspricht dem Evangelium weniger als eine solche Deutung. Denn nirgends spricht Jesus von „Rechten“ und „Pflichten“ seiner Jünger. Es geht ihm allein um die Verkündigung der Frohbotschaft von Gottes Barmherzigkeit, die allen Menschen gilt.

Der tschechische Theologe Tomas Halík stellt einmal mit Bedauern fest, dass der freie Geist des frühen Christentums mit der Zeit „durch den römischen Geist des Rechts und der Moral besiegt“ wurde (Geduld mit Gott, S. 162.).  Woher kommt das nur? Um das zu verstehen, müssen wir wissen, dass das Judentum wie später auch der Islam tatsächlich Gesetzesreligionen sind. Im Gegensatz dazu ist das Christentum in seinem Ursprung eben keine Gesetzesreligion. Tomas Halík sagt es so: „Der Judaismus und der ihm in manchem ähnliche Islam sind im Grunde genommen Rechtssysteme. Jesus [dagegen] schaffte einen erstaunlichen Durchbruch und eine überraschende Wende: die Religion der Regeln durch die Religion der Liebe zu ersetzen“ (S. 162.). „Jesus schliesst einen neuen Bund, der nicht mehr auf dem Recht gegründet ist, sondern auf der Liebe: ‚Liebt einander so, wie ich euch geliebt habe.’ Das ist das einzige Gebot Jesu; es weicht vom System der Gebote und Verbote total ab“(S. 163.).

Jesus entzieht dem legalistischen Religionssystem seiner Zeit jeglichen Geltungsanspruch. Religiöses Gesetzesdenken ist mit dem Gott Jesu Christi definitiv nicht vereinbar. Paulus betont das mit aller Schärfe. Er schreibt an die Galater, „dass der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerecht wird, sondern durch den Glauben an Christus“; „denn durch Werke des Gesetzes wird niemand gerecht“. (Gal 2,16.)„Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes freigekauft.“ (Gal 3,13a.) „Bleibt daher fest und lasst euch nicht von Neuem das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (Gal 5,1.)

Weil wir Menschen aber vor der Freiheit Angst haben, weil wir an einen liebenden Gott offensichtlich nur schwer glauben können, scheinen uns klare Regeln und Vorschriften Halt und Sicherheit zu bieten. Nur so ist es zu erklären, dass die Botschaft der Freiheit und der Liebe, die Jesus verkündigt, immer wieder Gefahr läuft, zu einer Gesetzesreligion zu entarten. Das geschieht in der Kirche im Laufe der Geschichte immer wieder. Dagegen können wir als Einzelne vielleicht nicht viel unternehmen. Schlimmer ist es aber, wenn wir in unserem eigenen Leben das Christentum zur Gesetzesreligion machen und den Glauben an Gottes Barmherzigkeit durch das Einhalten von Regeln und Vorschriften ersetzen. Es ist wichtig, dass wir dagegen ganz entschieden vorgehen.

Zwei Texte von Anthony de Mello, Jesuit und Priester, möchten uns dazu ermutigen. De Mello schreibt: „Gebet, Liebe, Spiritualität, Religion bedeuten, sich von Illusionen frei zu machen. Wenn Religion einen dazu bringt, grossartig! Wenn sie einen davon abbringt, ist sie eine Krankheit, eine Plage, die es zu vermeiden gilt“(Die Fesseln lösen, S. 9.). „Religion ist keine Frage von Ritualen oder wissenschaftlichen Studien. Auch ist sie keine Art Kult und kein Vollbringen guter Taten. Bei der Religion geht es darum, die Unreinheit des Herzens zu tilgen. Das ist der Weg zur Begegnung mit Gott“ (S. 97.).

Amen.