Predigt bei der Feierlichen Profess von Fr. Meinrad Hötzel – 18. Juli 2021

18.07.2021

Predigt von P. Theo Flury bei der Feierlichen Profess von Fr. Meinrad Hötzel, am Sonntag, 18. Juli 2021, der Äusseren Feier des Festes Unserer Lieben Frau von Einsiedeln

Liebe Brüder und Schwestern, lieber Fr. Meinrad

Heute feiert ein Mitbruder von uns Ewige Profess. In diesem gottesdienstlichen Akt drückt Fr. Meinrad seinen Willen aus, als Teil unserer Gemeinschaft ein Leben lang Gott zu suchen, ihm zu dienen, in der Liebe zu ihm und den Mitmenschen zu wachsen mit dem Ziel, dereinst zur Vollendung in der Ewigen Seligkeit Gottes zu gelangen, das Beste am Schluss zu erwarten.

Bis vor einigen Jahrzehnten war es bei der Professfeier Brauch, über dem zum Gebet am Boden liegenden Bruder ein schwarzes Sargtuch auszubreiten und die Totenglocke läuten zu lassen. Das Alte soll vergehen; Neues möge werden! Nach dem Gottesdienst wurde derjenige, der Profess abgelegt hatte, in die Kukulle, in das Mönchsgewand, eingenäht, das er während dreier Tage und Nächte nicht ausziehen durfte. Seltsame Bräuche, nicht wahr?

Beim Nachdenken darüber kam mir eine Geschichte aus dem Alten Testament in den Sinn: diejenige vom Propheten Jona. Er sollte auf Geheiss Gottes nach Ninive gehen und die Stadt zur Umkehr bewegen. Der Prophet zweifelte und verzweifelte, er wollte sich dieser schwierigen Aufgabe entziehen und vor Gott fliehen. Im Sturm liess er sich bei der Überfahrt nach Tarschisch ins Meer werfen, da er das aufgekommene Unwetter als Strafe Gottes deutete und nicht wollte, dass das Schiff mit der gesamten Besatzung seinetwegen sinke. Doch da kam ein grosser Fisch und verschluckte ihn ganz und gar. Drei Tage und drei Nächte blieb Jona im Bauch des Fisches stecken, bis dieser ihn wieder ausspuckte: ausgerechnet in der Nähe der Stadt Ninive, genau dort, wo Gott ihn haben wollte.

Drei Tage und drei Nächte. Nach der Kreuzigung stieg Jesus hinab in das Reich des Todes, so bekennen wir im Glaubensbekenntnis. Und weiter: “Am dritten Tage ist er auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des Vaters, von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.” Da treffen wir sie wieder, die drei Tage und drei Nächte!

Denken wir noch etwas weiter. Im Epheserbrief erklärt der Verfasser die Taufe. In ihr sind wir Christus gleichgeworden im Tod und in der Auferstehung. Der ursprüngliche Ritus dieses Sakraments bestand darin, dass der zu Taufende von Westen, vom Reich der Finsternis her, in das mit Wasser gefüllte Taufbecken steigen musste, dort ganz untergetaucht wurde, um dann im Osten, in der Richtung der aufgehenden Sonne, wieder auszusteigen. Hier verbinden sich das Geschick von Jesus Christus und die Geschichte von Jona im Getauften. Die Taufe ist Angleichung an Jesus Christus und Annahme in ihm, dem Sohn, als Kind Gottes des Vaters. Damit ist die Berufung zur Heiligkeit verbunden, die Berufung, so zu leben, wie Jesus Christus gelebt hat. Der Weg der Heiligkeit führt auch hier zuerst in die Unterwelt, in die Fluten des Taufwassers, und von da aus ins neue Leben. Wie Jona wird der zu Taufende von einem Fisch verschluckt: vom Auferstandenen, der ihn vom todbringenden Wasser der Sünde und der Gottferne rettet und gewissermassen am Ufer wieder ausspuckt, genau vor seinem Ninive, vor seinem konkreten Alltag mit den verschiedenen unausweichlichen Aufgaben und Herausforderungen.

Denken wir nun an das Sargtuch und an die drei Tage und drei Nächte im zugenähten Mönchsgewand zurück. Der Mönch, der Profess abgelegt hat, gleicht Jona. Er hat Ja zu seiner Berufung gesagt und wird doch manchmal zweifeln und zurückschrecken. Gott findet aber immer Wege und Mittel, um uns dorthin zu bringen, wo es wahr und richtig ist für uns.

Könnte an diesem Punkt die Predigt nicht schliessen? Keineswegs! Denn das heutige Fest geht uns alle etwas an! Sind denn nicht die meisten von uns getauft? Sind wir nicht alle Christen und Christinnen geworden? Gilt für uns nicht die gleiche Berufung zur Heiligkeit? Sind nicht auch wir alle schon einmal vom Fisch verschluckt und nach drei Tagen dort ausgespuckt worden, wo Gott auf uns wartet: mitten in unserem Alltag? Profess kommt vom lateinischen Wort profiteri. Es bedeutet, etwas öffentlich und feierlich zu bekennen. Das Fest von Fr. Meinrad soll zu unser aller Fest werden: Bekennen wir mit unserem Mitfeiern, dass wir alle zur Heiligkeit berufen sind und dass wir Ja sagen zu dieser Berufung, zum Ruf mitten hinein nicht in eine ideale heile Welt, sondern in unseren Alltag.

Heiligkeit? Was ist das? Einerseits ist sie eine vorsittliche geschenkte neue Grundlage für unser Leben: Durch die Taufe sind wir Kinder Gottes geworden. Andererseits geht es darum, dieses Geschenk immer wieder neu mit Geist, Herz und Tat zu bezeugen und fruchtbar zu machen.

Heute feiern wir in besonderer Weise Unsere Liebe Frau von Einsiedeln. Ihre Heiligkeit drückte sich vorzüglich in ihrem Ja aus, ohne dieses das Ewige Wort des Vaters nicht hätte Fleisch, Mensch werden können. Lernen wir von ihr: Alles, auch Bescheidenes und Unscheinbares, das wir bejahen und im Geist Jesu gestalten, hat seine Bedeutung für die guten Pläne Gottes.

Ein Letztes. Die christliche Schriftstellerin Ida Frederike Görres mahnt vor dem synthetischen Heiligen, vor einer falschen Heiligkeit, die mehr darin besteht, etwas äusserlich darzustellen, als die von Gott im Wesen eines jeden und einer jeden angelegten natürlichen und übernatürlichen Keime zu entfalten. Sie vergleicht ein solches Leben mit einem Weihnachtsbaum, der von der Wurzel abgeschnitten worden ist, der nicht seine eigentlichen Früchte tragen kann, sondern Lametta, Gebäck und farbige Kugeln. Wir sollen echt sein – echt auch in den Beziehungen, in der Familie und in der Gemeinschaft. Das geht nicht ohne den Mut, sich angemessen auszudrücken, nicht ohne den Mut auch zu kultivierten Auseinandersetzungen. Hingegen wäre Sturheit keine Frucht der Echtheit, sondern eine giftige Frucht der Weigerung, über sich hinauszuwachsen. Mögen unsere Früchte nach dem Apostel Paulus das Siegel des Heiligen Geistes tragen: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Mässigung (Gal 5,22f). Amen.