"Jesus wird in seiner Heimat abgelehnt. Er zeigt sich so, wie er ist. Er spricht so, wie er denkt. Er handelt so, wie er im tiefsten Herzen überzeugt ist, ganz vereint mit der Kraft seines himmlischen Vaters."
"Jesus wird in seiner Heimat abgelehnt. Er zeigt sich so, wie er ist. Er spricht so, wie er denkt. Er handelt so, wie er im tiefsten Herzen überzeugt ist, ganz vereint mit der Kraft seines himmlischen Vaters."

Predigt am 14. Sonntag im Jahreskreis 2021

04.07.2021

Am Sonntag, 4. Juli 2021 hielt Pater Benedict Arpagaus folgende Predigt zum Thema „Von der Kraft in der Schwäch“:

Letzte Woche hatte ich ein Treffen mit Spitalseelsorgerinnen und Spitalseelsorgern des Universitätsspitals Zürich. Es ging bei diesem Treffen auch um das Thema der Berufung. Als ich konkret gefragt wurde, was ich denn vom Begriff „Berufung“ hielte, überlegte ich kurz und erklärte, dass ich nach 20 Jahren Mönchsleben und insgesamt 50 Lebensjahren diesbezüglich recht ernüchtert sei. Grosse Augen! Ich denke, dass dieser Begriff in manchen religiösen Kreisen arg überstrapaziert wird. Da wird oft grossartig von Berufung geredet, vom grossen Moment der Bekehrung, das aber die meisten religiösen Menschen so gar nicht kennen. Jedenfalls, meine Stellungnahme und Offenheit ermunterte die Teilnehmenden des Treffens, offen von ihrer Berufungsgeschichte zu erzählen.

Mit Blick auf die Gnade Gottes, die in und durch unsere Schwachheit wirkt, erkenne ich in dieser Ernüchterung in Bezug auf das grosse Wort „Berufung“ gerade das, was der Apostel Paulus wohl erfahren hat. Früher war der Begriff Berufung auch für mich ein grosses Wort. Ich bin berufen zum Mönchtum. Ich bin berufen zum Priestertum. Ich bin berufen als Seelsorger und so weiter (ui ui ui, einfach grossartig, ich fühle mich gut!). Heute erkenne ich mehr und mehr, dass ein hoher Prozentsatz dieser so genannten Berufungsgeschichte sehr viel mit Psychologie zu tun hat. Da spielen so viele Aspekte hinein, wie die sozialen und familiären Prägungen, die charakterlichen Eigenschaften, die persönlichen Erfahrungen mit der Institution Kirche, persönliche Vorlieben, Begabungen und Talente, schöne und traurige Erlebnisse, die Erfahrung von Freude und Traurigkeit, erlittene Verletzungen, Enttäuschungen, vielleicht ein schwerer Vertrauensbruch, die Herzenssehnsucht nach Heilung, Stabilität, Liebe, Freundschaft, Sicherheit und Heimat. Doch nun kommt die Erfahrung des Paulus hinein, der Befreiungsschlag: Selbst wenn meine Berufungsgeschichte vor allem soziologisch und psychologisch erklärbar ist, bleibt es so: Für Gott genügt der kleinste Prozentsatz, um mit mir und durch mich Wunderbares und Grosses wirken zu können. Er braucht eigentlich nur, wie damals bei Maria, der Mutter Jesu, und bei Paulus nach dessen Bekehrung, ein überzeugtes JA! Die Berufungsgeschichte? Wenn wir ehrlich sind: eine sehr schlichte, nüchterne und ohne Geschnörkel daherkommende Angelegenheit. Aber auf dieses JA kommt es an. Auf meine Bereitschaft, auf Gott hören und Christus Jesus nachfolgen zu wollen. Wo ich schwach bin, da bin ich stark, weil Gott nur mein Ja benötigt – natürlich nicht bloss mit dem Munde, sondern vor allem mit meinem Herzen.

Doch wer zeigt sich schon gerne schwach. Schon gar nicht in unserer Gesellschaft, die gerne Stärke zelebriert. Schwäche. Sie ist irgendwie peinlich, unangenehm und sie kann uns beschämen. Kaum jemand zeigt gerne Schwäche. Sicher, wir sollen uns nicht mit unserer Verwundbarkeit zur Schau stellen. Darum geht es nicht. Dennoch ist bei uns klar eine Tendenz zu erkennen: Wir wollen uns auf keinen Fall eine Blösse geben, wir wollen keinesfalls unser Gesicht verlieren, und wir wollen sicher nicht als Schwächling oder als „Weichei“ dastehen. Und „ohnmächtig“ sein – davon spricht Paulus ja auch –, das möchte erst recht niemand. Es ist für unser Wohlbefinden angenehmer, etwas Macht zu haben und eine gewisse Kontrolle zu behalten. Wir fühlen uns dann sicherer. Mit Stärke assoziieren wir in unserer Gesellschaft vor allem Überlegenheit, Macht, Kontrolle und schliesslich die Fähigkeit, gegen aussen eine top erscheinende Fassade aufrechtzuerhalten, sowie eine Rolle zu spielen. Nein, ohnmächtig sein, schwach sein, auf keinen Fall, dann zeige ich mich ja verwundbar, als verletzliches Wesen. Dann würde ich ganz schön blöd dastehen. Andererseits kann es sehr befreiend sein, Schwäche zeigen zu dürfen, sowohl für denjenigen, der sich schwach fühlt, als auch für diejenigen, die von der Schwäche des Anderen erfahren.

Unser Apostel Paulus geniert sich jedenfalls nicht, sich eine Blösse zu geben, sich zu „outen“ als einer, der nicht nur einige Schwächen hat, sondern offensichtlich eine ausgeprägt belastende Schwachstelle. Da spricht er von einem Stachel in seinem Fleisch, den er liebend gerne loswerden würde. Offenbar eine Schwachstelle in seinem Wesen, die ihm das Leben und sein Wirken schwer macht, ein persönliches Kreuz, das er zu tragen hat. Wir wissen nicht, was genau er damit meint, mit seinem Stachel im Fleisch. Der muss ihn aber gewaltig gestört haben, sonst hätte er nicht Gott inständig darum gebeten, von diesem Stachel im Fleisch befreit zu werden. Doch Jesu Christi Antwort darauf ist schlicht: „Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit.“ Das mag auf den ersten Blick nicht sonderlich tröstlich sein, und doch ist es eine befreiende Aussage. Denn da wird gesagt, dass es nie auf mich allein ankommt, dass nicht alles an mir allein hängt, dass ich nicht alles allein vollbringen muss, und dass Christus mit uns ist, dass er auch in und durch unsere Schwachstellen und Baustellen hindurch wirken kann und wirken will.

Wenn wir Gott in unser Lebensboot holen, so die Erfahrung des Apostels Paulus, wenn wir auf Christus bauen, dann kommt aus dem Grunde der vermeintlichen Schwäche eine Kraft zum Vorschein, eine bislang verborgene Stärke, die nun freigelegt, neue Lebendigkeit freisetzt und uns neue Fähigkeiten entdecken lässt, die wir zuvor vielleicht nicht einmal erahnt haben.

In meiner Ausbildung an der Heilpraktikerschule Luzern finden intensive Theorie- und Praxisblöcke statt. Letzte Woche hatten wir einen Supervisionstag. Die Supervision ist wichtig. Wie können wir andere Menschen begleiten, wenn wir uns nicht selbst begleiten lassen und immer reflektieren, weshalb wir so oder so reden, handeln und reagieren. Selbsterkenntnis und Selbstreflexion sollten ganz selbstverständlich zum religiösen Leben gehören; das gilt natürlich ganz besonders für Bischöfe und Priester, für Ordensleute, für Seelsorgende.

Nun, während einer Supervision kommen persönliche Erfahrungen zur Sprache, Erlebnisse und Geschichten. Ganz natürlich sehen sich die Teilnehmenden mit sich selbst konfrontiert. Es geht dann auch darum, sich seiner inneren Baustellen und Schwächen bewusst zu werden. Wenn solche Selbstoffenbarung in einem geschützten Rahmen geschieht und das Ziel ist, seine Persönlichkeit zu entwickeln, in den Schwächen auch die Stärken zu erkennen, dann ist dies etwas ungemein Befreiendes und Heilsames. Ich war immer wieder davon berührt, wie ehrlich und authentisch die Teilnehmenden sprachen und wie kompetent einfühlsam wir begleitet wurden von der Dozentin. Und wie ganz selbstverständlich fielen in dieser Runde Worte wie „Demut“, „Gott“, „dem Göttlichen vertrauen“; wohlverstanden in einem Kreis von Leuten, die längst nicht alle explizit kirchlich und spezifisch religiös sind. In dieser Runde zeigten sich die Menschen auch mal schwach, begrenzt und bedürftig. Es flossen auch Tränen. Wer solches nun als Gefühlsduselei entwerten möchte, dem sage ich: Du bist noch nicht in Deinem Herzen angekommen! Das ist nicht Gefühlsduselei. Das ist authentisches Leben, ungeschmückt, nicht inszeniert, nicht gespielt und deshalb befreiend, heilend und so sympathisch menschlich.

Ja, da gibt man sich eine Blösse, da kommt man nicht grossartig daher. Da zeigen Menschen sich von ihrer verletzlichen und schwachen Seite. Und das ist auch gut so. Denn wie wollen Menschen andere Menschen einfühlsam und kompetent therapieren, seelsorgerlich betreuen und begleiten, unterstützen und trösten, wenn sie nicht mit der eigenen Bedürftigkeit und Schwäche in Berührung sind, nicht angekommen in ihrem Herzen? Es geschieht Wunderbares in solchen Momenten: Durch die Authentizität der Teilnehmenden, durch ihre Ehrlichkeit und Demut, in der sie auch, nicht nur, aber auch ihre Bedürftigkeit, ihre Verletzlichkeit und Unsicherheit ausdrücken, dadurch entsteht Gemeinschaft, ein Miteinander und Füreinander. Ich staune jedes Mal, wie schnell sich das Nebeneinander und Übereinander und Gegeneinander auflöst. Das ist befreiend und wohltuend. Es wird so klar und deutlich: Wir Menschen sind wirklich alle gleich, Kinder desselben Gottes, mit ihren Hoffnungen, Sehnsüchten, Freuden und Leiden, mit ihren Schwachstellen und inneren Baustellen, die ihren Rucksack, ihren Stachel im Fleisch zu tragen haben. Aber mit dem Mut zur Demut, mit dem Mut zur Offenheit und Verwundbarkeit, erfahren Menschen das Getragensein des Miteinanders und Füreinanders. Wir, gerade in religiösen Institutionen, wir bewerten und verurteilen viel zu viel. Das ist ein grosses Problem. Denn damit verbauen wir allzu oft heilsame und befreiende Prozesse in den Menschen. Und tun wir uns nicht gerade in der Kirche sehr schwer, wenn es darum geht, nicht nur von der Demut zu sprechen, sondern sie vor allem zu leben?

Jesus wird in seiner Heimat abgelehnt. Er zeigt sich so, wie er ist. Er spricht so, wie er denkt. Er handelt so, wie er im tiefsten Herzen überzeugt ist, ganz vereint mit der Kraft seines himmlischen Vaters. Sein Weg und seine Botschaft ist weder für das damalige noch für das heutige Wertedenken Ausdruck von Stärke, im Gegenteil. Und doch erweist sich durch sein Leben und Wirken und nicht zuletzt in seiner Ganzhingabe am Kreuz, der Offenbarung absoluter Liebe, die wahre Stärke, die wahre Kraft, die wahre Macht, die selbst den Tod entmachtet. Doch der Weg dahin scheidet die Geister. Davor aber sollten wir uns nicht fürchten. Wenn wir Schwäche zeigen, dann wird es Menschen geben, die sich von uns abwenden werden. Es gibt wiederum andere Menschen, die erst recht zu uns finden werden und mit uns gehen wollen, weil wir so sind, wie wir sind. Für mich sind Menschen, die ihre Schwäche und Verletzlichkeit zeigen können, sympathisch und sie ermutigen mich, schlicht und einfach mich selbst zu sein, und darauf zu vertrauen, dass ich – verbunden mit Jesus Christus – selbst in der Schwachheit und Bedürftigkeit meines Wesens, schlicht und einfach stark bin.

Echt stark! Amen.