Die Klosterkirche der Erzabtei St. Meinrad im US-Bundesstaat Indiana. Dieses Kloster wurde von Einsiedler Mönchen 1854 gegründet, um dort Zufluchtsort zu haben, sollte das eigene Kloster in der Heimat in seiner Existenz bedroht sein. Aus dem Zufluchtsort wurde ein eigenständiges Kloster mit grosser Ausstrahlung, aber auch einer belasteten Vergangenheit.
Die Klosterkirche der Erzabtei St. Meinrad im US-Bundesstaat Indiana. Dieses Kloster wurde von Einsiedler Mönchen 1854 gegründet, um dort Zufluchtsort zu haben, sollte das eigene Kloster in der Heimat in seiner Existenz bedroht sein. Aus dem Zufluchtsort wurde ein eigenständiges Kloster mit grosser Ausstrahlung, aber auch einer belasteten Vergangenheit.

Interview mit Abt Urban Federer zu den Umerziehungsinternaten in Kanada

07.07.2021

Abt Urban Federer: „Einsiedeln ist sich seiner historischen Rolle in den USA bewusst.“

Unser Kloster ist zusammen mit jenem von Engelberg in den letzten Tagen in den Schweizer Medien sehr präsent. Das mediale Interesse steht in Zusammenhang mit den traurigen Funden in den „Residential Schools“ in Kanada und der noch immer nicht abgeschlossenen Aufarbeitung durch kirchliche Institutionen und Verantwortungsträger. Der Journalist Michael Meier (Tagesanzeiger) versuchte eine direkte Verbindung der Schweizer Benediktinerklöster Engelberg und Einsiedeln herzustellen, was haltlos ist. Dennoch haben unsere Gemeinschaften auf einer anderen Ebene einen heute als sehr fragwürdig und problematisch zu bewertenden Umgang mit indigenen Kulturen mitzuverantworten. In einem Interview mit Raphael Rauch vom katholischen Schweizer Medienportal kath.ch nimmt Abt Urban dazu Stellung. Hier veröffentlichen wir das Interview in seiner vollen Länge:

Raphael Rauch: Laut dem Luzerner Historiker Manuel Menrath gibt es keine Belege dafür, dass Schweizer Benediktiner in kanadischen Umerziehungsinternaten tätig waren. Gibt es in Ihrem Kopfkino dennoch Szenarien, dass Sie eine moralische Mitverantwortung für den kulturellen Genozid haben könnten?

Abt Urban: Einige Ordensleute aus der Schweiz, auch aus dem Kloster Einsiedeln, waren an der schändlichen „Indianermission“ in den USA beteiligt und haben die unmenschliche Ideologie dahinter geteilt, dass die indianische Kultur minderwertig sei und die Indigenen zu „kultivierten Weissen“ umerzogen werden müssten. Zumindest das wissen wir. Auch wenn keine direkten Beziehungen von ehemaligen Einsiedler Mönchen zu den Umerziehungsschulen in Kanada bestanden haben, ist das schlimm genug. Als heutiger Abt des Klosters Einsiedeln stehe ich in der Verantwortung mitzuhelfen, dieses historische Unrecht aufzuklären. Das sind wir den zahllosen Opfern schuldig, dafür tragen wir Verantwortung, auch ich persönlich.

Raphael Rauch: Manuel Menrath hat in seiner Forschung eine problematische Figur entdeckt: der Einsiedler Benediktiner Martin Marty. Was sagen Sie zu den Vorwürfen gegen ihn?

Abt Urban: Das Buch von Manuel Menrath ist 2015 erschienen, ich habe das Vorwort geschrieben. Nach der Lektüre war ich gleich dreimal betroffen: als Europäer, als Katholik und als Abt von Einsiedeln. Einerseits war die Umerziehung vom Staat gewollt und diente zur Besetzung des Landes der indigenen Völker durch weisse Siedler. Dahinter stand ein fataler Eurozentrismus, wie ich in meinem Vorwort geschrieben habe. Die ‚abendländische Kultur‘ wurde als überlegen betrachtet. Ich war schockiert zu sehen, wie die Kirche mitgeholfen hat, die ganze Kultur der Indigenen auszulöschen. Dies im fatalen Irrglauben, so würden die „Seelen dieser jungen Menschen gerettet“.

Raphael Rauch: Was waren das für Mönche, die im 19. Jahrhundert von der Schweiz in die USA aufbrachen?

Abt Urban: Die Schweiz war vom Kulturkampf geprägt und in einigen Kantonen wurden dabei zwangsweise Klöster aufgehoben. In dieser Angst verliessen diese Mönche Einsiedeln, um im Süden des Staates Indiana in einer deutschsprachigen Umgebung einen Fluchtort zu gründen und den Menschen als Seelsorger beizustehen. Die Mönche waren also nicht in erster Linie Missionare und kamen dort auch nicht mit den Indigenen in Kontakt. Der erste Abt, der erwähnte Martin Marty, zog später weiter und wurde Bischof von Dakota. Als solcher entwickelte er einen Missionseifer bei den Ureinwohnerinnen und Ureinwohnern.

Raphael Rauch: Ab wann waren die Einsiedler und Engelberger Ableger in Nordamerika unabhängig? Wie lange hatten die Mutterhäuser nicht nur eine moralische, sondern auch eine juristische Verantwortung für die Häuser?

Abt Urban: Das ging alles recht schnell, wohl weil das Reisen und die Kommunikation zwischen der Schweiz und Indiana schwierig waren. 1854 gründeten die Schweizer Mönche St. Meinrad, bereits 1870 wurde das Kloster eine selbständige Abtei und damit unabhängig.

Raphael Rauch: Werden Sie nun Ihren Archivar bitten, nochmals über die Bücher zu gehen? Vielleicht finden sich Quellen, die bislang wenig Beachtung fanden.

Abt Urban: Das haben wir bereits sehr sorgfältig getan. Von Martin Marty etwa befinden sich nur einige persönliche Briefe und Predigten bei uns, die zu diesem Thema nichts aussagen. Dass unser Archiv nicht ergiebig in dieser Frage ist, muss nicht verwundern: Martys Missionierung fand in den Jahren 1876–1896 statt, also nach der Unabhängigkeit des Tochter- vom Mutterkloster. Es geht also darum, die dortigen Archive noch gründlicher zu durchforsten.

Raphael Rauch: Was können Sie noch tun, um Verantwortung zu übernehmen?

Abt Urban: Im Benediktinerorden sind wir vernetzt. Gemeinsam mit Abt Christian von Engelberg werde ich die freundschaftlichen Verbindungen mit unseren Gründungen in den USA nützen. Wir setzen uns dafür ein, dass die dortigen Verantwortlichen alles in ihrer Macht Liegende tun, um die Verbrechen an der indianischen Kultur und den Menschen aufzuklären. Auch wenn es noch so schlimm ist und einen dunklen Schatten auf das Wirken der Kirche in dieser Zeit fällt. Wir unterstützen unsere Tochterklöster dabei, so gut wir können.

Raphael Rauch: Als Literaturwissenschaftler wissen Sie: Figuren können unschuldig schuldig werden. Sind Sie unschuldig schuldig an dem, was in Nordamerika passiert ist?

Abt Urban: Das ist eine gute Frage. Schuldig werden kann im letzten nur der einzelne Mensch oder eben eine einzelne Figur. Ich kann so gesehen nicht schuldig gesprochen werden für das, was andere getan haben. Hingegen übernehme ich eine Mitverantwortung für das, was meine Vorfahren oder eine Institution wie die Kirche an Gutem und an Schlechtem getan hat. Die meisten Opfer dieser Umerziehungsinternate leben nicht mehr, doch die Folgen davon müssen ihre Nachkommen tragen. Darum muss auch jemand da sein – die Gesellschaft, der Staat, die Kirchen – die diese Nachkommen konkret unterstützt und ihnen sagt, dass ihren Vorfahren Unrecht getan wurde.

Raphael Rauch: Kanadas Premier Justin Trudeau fordert eine Entschuldigung von Papst Franziskus. Unabhängig von der aktuellen Darm-Operation: Verstehen Sie, dass der Papst erst einmal abwarten möchte?

Abt Urban: Belastend ist es für mich schon, dass sich der Kanadische Staat und andere Konfessionen entschuldigt haben, nicht aber die katholische Kirche. Papst Franziskus hat bereits seine Betroffenheit und seinen Schmerz dazu ausgedrückt. Ich gehe davon aus, dass er bei einer guten Gelegenheit die indigenen Völker Kanadas um Entschuldigung bittet. Das hat er jedenfalls 2015 bei seinem Besuch in Bolivien getan.

Raphael Rauch: Der Abtprimas in Rom stammt aus einem US-amerikanischen Kloster, das mit Engelberg verbunden ist. Könnten Sie sich vorstellen, ihn für eine grossflächige Studie zu gewinnen?

Abt Urban: Solche Studien sind sehr wichtig und werden meines Wissens bereits in Angriff genommen. Aber sie müssen völlig unabhängig sein und dürfen nicht von der Kirche selbst in Auftrag gegeben werden, da sonst deren Unabhängigkeit bezweifelt werden könnte. Gerne aber lasse ich mir mit Abtprimas Gregory zusammen solche Studien vorstellen. Und wir leisten Unterstützung, soweit wir können.

Raphael Rauch: Die Medien interessieren sich derzeit für Kanada. Dabei erscheint in den USA die Frage von Rassismus und Sklaverei wichtiger. Ist dieses Kapitel aufgearbeitet? Wissen Sie, wie sich die Einsiedler Mönche im Amerikanischen Bürgerkrieg verhalten haben?

Abt Urban: Dazu ist mir nichts bekannt. In St. Meinrad lebten sie in einem Unionsstaat (Indiana), aber nahe an der Grenze zu einem der konföderierten Südstaaten (Kentucky). Da die kulturellen Unterschiede zwischen Indiana und Kentucky heute noch zu spüren sind, muss damals die Abgrenzung und darum die Spannung an dieser Grenze gross gewesen sein.

Raphael Rauch: Wie rassistisch waren die Schweizer Töchterkloster in den USA? Wann gab es den ersten Mönch „of colour“?

Abt Urban: Als ich 1993 in St. Meinrad ankam, lernte ich ziemlich schnell einen Mönch kennen, der von sich sagte, er sei der erste Mönch „of colour“ in diesem Kloster: P. Cyprian Davis. P. Cyprian war nicht nur stolz darauf, sondern wurde auch zum führenden Wissenschaftler, um den Platz der afro-amerikanischen Bevölkerung in der römisch-katholischen Kirche zu erforschen. Für diese Bevölkerung setzte er sich auch im Alltag mit Schriften und Predigten ein. P. Cyprian trat 1950 in St. Meinrad ein. Bis da bestand die Gemeinschaft nur aus Mitgliedern mit einem europäischen Hintergrund. P. Cyprian erzählte mir eine Geschichte, die viel über die Einstellung der Weissen zur afro-amerikanischen Bevölkerung im Süden Indianas im 19. Jahrhundert aussagt. Einsiedeln hat seinen Gründungen immer eine Kopie des Einsiedler Gnadenbildes geschenkt. Für St. Meinrad musste die Madonna allerdings weiss sein. Erst im 20. Jahrhundert wurde es möglich, diese Statue durch eine Schwarze Madonna zu ersetzen.

Raphael Rauch: Als Sie in St. Meinrad studiert haben: Wie haben Sie das Thema Rassismus wahrgenommen?

Abt Urban: Es war im Hintergrund immer präsent und ich merkte rasch, wie sensibel mit diesem Thema umgegangen werden muss. Sowohl die Kirche wie die ganze Gesellschaft dort haben noch einen weiten Weg vor sich, um dieses Thema in aller Tiefe aufzuarbeiten.

Raphael Rauch: Überlegenheitsgefühle sind auch ein Problem der Gegenwart. Ihr Benediktiner-Kollege Marian Eleganti gehört zu einem rechtskatholischen Kreis, der Papst Franziskus etwa dafür kritisiert, dass bei der Amazonas-Synode die indigene Pachamama-Figur eine Rolle spielte. Muss die katholische Kirche die Lust auf Ambiguität wiederentdecken?

Abt Urban: Der Kirche ist die Inkulturation immer wieder erstaunlich gut gelungen, was ich in verschiedenen Regionen dieser Welt erleben konnte. Gerade im Benediktinerorden kommen uns die verschiedensten Kulturen entgegen, und dennoch erkennen wir uns sofort als Benediktinerinnen und Benediktiner wieder. Für mich ist das jeweils eine Bereicherung. Tatsächlich sind die Empfindlichkeiten aber gross, wenn diese Kulturen in Rom zusammenkommen, wie das Beispiel mit den Pachamama-Figuren zeigt.

Raphael Rauch: Welche kulturelle Eigenheit gibt es heute noch in Einsiedeln, die nicht gerade katholischer Kanon ist – aber ein gelungenes Beispiel von Volksfrömmigkeit und Inkulturation?

Abt Urban: Gibt es einen Kanon, wenn es um die Volksfrömmigkeit geht? Einsiedeln ist geprägt von einer langen Theatertradition, von der Fastnacht und von einer Musikbegeisterung. All das zeichnet auch den Katholizismus an diesem Ort aus. Einsiedeln ist der bunteste Ort der Schweiz. Schauen Sie sich mal die regelmässige afrikanische Wallfahrt oder die Wallfahrt der tamilischen Christen an: Solch lebensfrohe Farbenpracht erleben Sie sonst nirgendwo in einer Kirche. Und ob Sie die Kleider der Madonna unter einen katholischen Kanon setzen möchten, müssen Sie mir erklären! (lacht)

Raphael Rauch: Die Fahrenden pilgern regelmässig nach Einsiedeln. Wie gelingt Ihnen ein respektvoller Umgang – ohne die Fahrenden zu diskriminieren oder zu exotisieren?

Abt Urban: Als ich während meines Studiums in Fribourg von den Jenischen gefragt wurde, ob sie auch einmal nach Einsiedeln kommen könnten, versuchte ich Ihnen den Weg zu bereiten. Das war eine spannende Angelegenheit, da die Fahrenden nicht nur für einen Tag kommen, sondern für eine ganze Woche und dafür Standplätze brauchen. Das Aufeinander-Zugehen zwischen Jenischen und einheimischer Bevölkerung zeigt sich bei den Standplätzen: Waren sie zu Beginn noch im Hoch Ybrig untergebracht (was doch eine Wegstrecke von 20 Minuten bedeutete), können sie sich heute auf einem Platz der Gemeinde und auf einem des Klosters niederlassen. Gerade die Arbeit für die Fahrenden hat mich sensibilisiert für die Geschichte eines Volkes, das lange marginalisiert wurde, und für Ängste und Sorgen der Menschen, die unter dieser Geschichte noch leiden.

Raphael Rauch: Welcher Aspekt erscheint Ihnen noch wichtig?

Abt Urban: Es ist wichtig, sich mit der Geschichte zu beschäftigen – auch wenn sie schmerzvoll ist –, um die Gegenwart zu verstehen. Die Lehren muss ich aber im Hier und Heute ziehen. Da ich immer noch Lehrer bin, ist es für mich wichtig, Bildung nicht zu verwechseln mit dem Überstülpen meiner Meinungen. Gerne begleite ich Schülerinnen und Schüler auf einem Stück Weg und hoffe dabei, sie in die Freiheit Christi zu führen. Diese Auffassung von Mission rechnet mit der Freiheit dieser jungen Menschen und damit, dass sie selbst entdecken müssen, was in ihnen angelegt ist. Verantwortung ist für mich christlich gesehen dann eine Antwort – auf den Anruf Gottes, der an das Gewissen jedes Menschen ergeht.