Bei uns im Kloster hängt im Treppenhaus zum Pfarramt eine grosse Darstellung der Heilung der Tochter des Synagogenvorstehers.
Bei uns im Kloster hängt im Treppenhaus zum Pfarramt eine grosse Darstellung der Heilung der Tochter des Synagogenvorstehers.

Predigt am 13. Sonntag im Jahreskreis 2021

27.06.2021

Predigt von P. Alois Kurmann in der Klosterkirche am 27. Juni 2021 mit den Lesungen: Weish 1,13-15; 2,23-24; Mk 5,21-24.35b-43

Der griechische Philosoph Epikur, der um 300 v. Chr. gelebt hat, schreibt: „So ist also der Tod ein Nichts. Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr da. Folglich betrifft er weder die Lebendigen noch die Gestorbenen.“ Dass wir als Lebende nicht vom Tod betroffen sind, widerspricht doch ganz grundsätzlich unserer Erfahrung. Dass uns liebe Menschen vom Tod entrissen werden, betrifft uns, und die unbezweifelbare Tatsache, dass wir dem Tod entgegen gehen, lässt uns nicht gleichgültig. – Eine Strophe des Dichters Rainer Maria Rilke gibt sicher unsere Erfahrung mit Sterben und Tod besser wieder: „Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen, lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen, mitten in uns». Der Grund, dass wir heute hier sind und Gottesdienst feiern, ist ja der Tod, der vor 2000 Jahren einen Menschen getroffen hat, der Tod des Jesus von Nazareth; dass er uns immer noch betrifft, hängt mit einer Erfahrung zusammen, die der griechische Philosoph nicht haben konnte, mit der Erfahrung einer Gruppe von Menschen, die bezeugen, dass Jesus von Gott vom Tod zu neuem Leben auferweckt wurde. Darum ist die Feier von Tod und Auferstehung Jesu eine grundlegende Tatsche unseres Glaubens und unseres Lebens.

Diese Wirklichkeit, der Tod, ist das Thema der beiden heutigen Lesungen. Das alttestamentliche Buch der Weisheit sagt ganz einfach: «Gott hat den Tod nicht gemacht und er hat keine Freude am Untergang der Lebenden… Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit geschaffen.» Die folgende Aussage, dass der Tod durch den Neid des Teufels in die Welt kam, ist ein Versuch, die Erfahrung zu erklären, dass es trotzdem den Tod gibt. Im Buch der Weisheit laufen ganz verschiedene philosophische und theologische Überlegungen und Lehren aus verschiedenen Zeiten und Kulturen zusammen, die wir jetzt nicht weiter untersuchen können. Wir halten aber das Grundlegende fest: «Zum Dasein hat Gott alles geschaffen und heilbringend sind die Geschöpfe der Welt.» Diese Aussage gibt uns eine wichtige Orientierung: Wir sind auf der Erde, wir leben, um heilbringend zu sein. Unserem Leben ist von Gott die grosse Bestimmung gegeben, «heilbringend» zu sein, also Leben zu fördern, füreinander zu leben.

Das Evangelium spricht von der gleichen Wirklichkeit, vom Tod. Aber der Evangelist Markus hat eine ganz andere Sprache als das Buch der Weisheit. Er baut das, was er verkünden will, als Geschichte auf. Da kommt der Synagogenvorsteher Jairus, fällt vor Jesus auf die Füsse, fleht ihn um Hilfe für seine kranke Tochter an, sagt Jesu sogar, was er machen soll, gibt ihm eine Regieanweisung: «Leg ihr die Hände auf!» Jesus und viele Menschen gehen mit ihm. Dann kommen Leute des Jairus und melden, dass die Tochter unterdessen gestorben ist. Nicht mehr krank ist das Mädchen, sondern tot. Und die Leute raten dem Synagogenvorsteher, was jetzt das Richtige ist: Es hat doch keinen Sinn mehr, dass Jesus kommt. Doch Jesus regiert ganz anders, gibt Jairus den verheissungsvollen Befehl: «Fürchte dich nicht! Glaube nur»! Dann folgt eine neue Szene: Der Tumult im Haus des Jairus, die Totenklage, der Tadel, den Jesus über dieses Treiben ausspricht, seine der Situation angeblich unangepasste Reaktion: «Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur» und das spottende Lachen der Trauergemeinde. Die dritte Szene bringt den unerwarteten Umschwung. Jesus fasst das Mädchen an der Hand, sagt, es solle aufstehen, dieses steht sofort auf. Den Leuten, die «fassungslos vor Entsetzen sind», wie der Text sagt, verbietet Jesus, jemanden zu sagen, was da geschehen ist. Und, um zu verhindern, dass man aus dem, was geschehen ist, eine Sensation machen könnte, rät er das Alltäglichste, Allereinfachste: man am solle dem Mädchen etwas zu essen geben.

Zwei verschiedene Texte zum gleichen Thema «Tod», aber zwei ganz verschiedene Arten zu schreiben. Der Abschnitt aus dem Buch der Weisheit ist ein philosophischer Text, der argumentiert, begründet; der Evangelist Markus gestaltet das, was er verkündet, in einer Folge von verschiedenen Szenen, er präsentiert es als Theater, als Schauspiel. Mit dem Text des Weisheitsbuches haben wohl die meisten keine Schwierigkeiten, diese Überlegungen sind in unserem Glaubenswissen verankert: Gott ist der, der das Leben gibt, der uns nach unserem Tod ewiges Leben schenkt. Warum wir sterben müssen, darüber denken wir selten nach, es ist einfach eine Tatsache, es ist, wie etwa gesagt wird, «noch keiner übriggeblieben.» Dass aber Jesus Tote wieder ins Leben zurückruft, sodass das Mädchen das Jairus nun etwas zu essen braucht, das lässt immer wieder die Frage aufkommen: Stimmt das, hat Jesus Gestorbene wirklich wieder in Leben zurückgerufen? Oder ist das bildhaft gemeint? Wenn es aber ein Bild ist, was ist dann die eigentliche Botschaft, was will uns die Erzählung lehren?

Ich versuche es zu sagen: Es ist gut, die Erzählung Szene für Szene zu hören, zu lesen, zu überdenken: Jairus, der mit seiner Bitte kommt, der darauf vertraut, dass Jesus seine Tochter heilen kann, die Diener, die sagen, es habe keinen Sinn mehr, dass Jesus noch komme, nachdem das Mädchen gestorben ist, die Aufforderung Jesu, dass Jairus keine Angst haben, dass er nur glauben soll. Die spottende Trauergemeinde, Jesus, der das Mädchen an der Hand fasst, es mit seiner eigenen Kraft aufrichtet, und den Leuten, die «fassungslos vor Entsetzen sind», verbietet, daraus eine Sensation zu machen. Nicht um ein Wunder geht es, um etwas Spektakuläres, das man als Sensation verbreiten kann. Nein, um Jesus geht es, der in einer konkreten Not hilft, Angst und Furcht nimmt, dem Glauben Kraft gibt. Um Menschen geht es, die Jesus vertrauen, in ihrer Not sich an ihn wenden und seine Begleitung, seine Anteilnahme, seine Hilfe erfahren. Aber auch um Menschen geht es, die kein Vertrauen haben, die es für sinnlos halten, Jesus in ihr Leben einzulassen, die spotten, wenn andere ihm vertrauen. Um uns geht es in dieser theatralischen Geschichte, um unsere Sorgen, Schmerzen, Leiden, um unsere Trauer bei Unglück, Verlust, Misserfolg. Darum, dass wir die schmerzvollen Erfahrungen annehmen, sie Jesus anvertrauen, ihn um Hilfe und Kraft bitten, glaubend darauf hoffen, dass er jemandem oder einer Erfahrung sagt, dass uns etwas zu essen gegeben wird. Um die Verheissung des Buches der Weisheit, aus der heutigen Lesung geht es: «Das Reich der Unterwelt hat keine Macht auf der Erde», um unseren Glauben an diese Verheissung geht es.