Ein kleines Detail: Die Figur des Auferstandenen über dem Tabernakel unserer Klosterkirche erhält am Vorabend von Christi Himmelfahrt einen Palmwedel in die linke Hand. Dieser ersetzt die Siegesfahne von Ostern und dient zum Winken zum Abschied. Nach Christi Himmelfahrt wird die Christusfigur durch das Kruzifix ersetzt.
Ein kleines Detail: Die Figur des Auferstandenen über dem Tabernakel unserer Klosterkirche erhält am Vorabend von Christi Himmelfahrt einen Palmwedel in die linke Hand. Dieser ersetzt die Siegesfahne von Ostern und dient zum Winken zum Abschied. Nach Christi Himmelfahrt wird die Christusfigur durch das Kruzifix ersetzt.

Predigt an Christi Himmelfahrt 2021

13.05.2021

Am Hochfest Christi Himmelfahrt, 13. Mai 2021, hielt Abt Urban im Rahmen des festlichen Pontifikalamts in der Klosterkirche die folgende Predigt:

«Chum zu mir!» Wer diese Aufforderung ausspricht, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, spricht eine Einladung aus: Komm zu mir, lehne Dich bei mir an, komm bei mir zu Ruhe, sprich Dich bei mir aus. «Chum zu mir», sagen Eltern zu einem übermüdeten Kind oder sagt eine Frau zum bedrückten Mann. Wenn «Chum zu mir» nicht drohend ausgesprochen wird, ist dieser Satz eine heilende Einladung, da sie unserer Sehnsucht nach Frieden und Glück entgegenkommt.

«Chömet zu mir.» So predigte Jesus, wenn er sagte: «Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch Ruhe verschaffen» (Mt 11,28). Wie sollen nun die elf Apostel diese Einladung, zu Christus zu kommen, weitergeben, wenn ihnen dieser ein zweites Mal genommen ist? Nach seinem gewaltsamen Tod am Karfreitag haben sie zuerst einmal gar nicht mehr gepredigt, zu gross waren ihre Frustration und ihre Angst; niemand wusste, wie es weitergeht. Und nun wird er ihnen wieder genommen – «in den Himmel aufgenommen», wie es im Evangelium heisst. Wie kommt es, dass nun die elf Apostel und alle, die an Christus glauben, sich nicht wieder furchtsam verstecken, sondern allen, die es hören wollen, im Namen Jesu zurufen: «Chömet zu mir!»? «Sie aber zogen aus und verkündeten überall», heisst es dazu im Evangelium.

Natürlich, das junge Christentum hat eine Erfahrung gemacht: Ostern, die Auferstehung Jesu, diese umwerfende Botschaft, dass der Gekreuzigte lebt, dass er ihnen vorangeht, oder wie es im Evangelium heisst: «Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte das Wort durch die Zeichen, die es begleiteten.» Aber in Lesung und Evangelium kommt noch ein zweites hinzu, was zeigt, warum aus diesen erschreckten und frustrierten Menschen mutige Jüngerinnen und Jünger Jesu geworden sind: Die erste Kirche entdeckte im Gebet jene Kraft und jenes Vertrauen, das ihnen diesen Mut gab! Dazu heisst es im Evangelium: «Er wurde in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes.» Und im Brief an die Gemeinde in Ephesus wird noch deutlicher, dass der Verfasser glaubt, Gottes «Kraft und Stärke» komme ihnen zu «in Christus, den er […] im Himmel zu seiner Rechten erhoben hat.» Dazu müssen wir wissen, dass das junge Christentum unglaublich gerne Psalm 110 betete, ein jüdisches Gebet, dass Jesus selbst gebetet hatte. Immer wieder wird dieser Psalm zitiert: auch im ersten Brief an die Gemeinde in Korinth und im Brief an die Gemeinde in Philippi, im Hebräerbrief mehrfach, im Matthäusevangelium und in der Apostelgeschichte. Und so betet auch heute die Kirche Psalm 110 immer an Sonntagen und an Festtagen wie heute. Psalm 110 beginnt so: «So spricht der HERR zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten und ich lege deine Feinde als Schemel unter deine Füsse.» Mit dem ‘Herrn’, der spricht, ist Gott gemeint. Wenn im alten Israel ein neuer König den Thron bestieg, wurde er in den Tempel geführt. Er durfte dann auf der rechten Seite der Bundeslade sitzen, die als Gottes Thron galt. Wenn nun die junge Kirche diesen Psalm betet, bekennt sie damit: Christus hat sich zur Rechten Gottes im Himmel gesetzt und ist so unser König geworden: Er siegt über Sünde und Tod, er lebt und ist selbst Gott. Niemand kann uns von ihm trennen und er wird uns darum immer zurufen können: «Chömet zu mir!»

Meine Lieben, der Himmel ist dort, wo Gott ist. Christus ist im Glauben der ersten Kirche nicht etwa verschwunden, sondern ist eben im Himmel: in Gott. Die junge Kirche schöpfte ihr Vertrauen aus dem Gebet: «So spricht Gottvater zu Christus: Chum zu mir, ich schenke dir die Macht, das Gottesreich auszubreiten.» Und darum können wir heute als seine Kirche aus dem Gebet das Vertrauen gewinnen, anderen zurufen zu dürfen: «Chömed zu im, mit allem, was Euch bedrückt, mit all Eurem Ballast. Er zeigt Euch den Weg zu Leben, zum Glück!» Denn die Kirche glaubt nie nur an die Auferstehung der Toten, als wäre mit Ostern einfach alles gut geworden, was am Karfreitag geschehen ist. Mit Ostern hat eine Dynamik begonnen, die auch uns ergreifen soll und durch uns alle Menschen, die es hören wollen! Unser Glaube sagt uns nicht: Es gab einmal Ostern, wo alles gut wurde. Nichts ist einfach gut geworden: Menschen werden weiterhin getötet, Gewalt herrscht, der Schöpfung wird Gewalt angetan und ohne die Lüge gibt es kein Überleben. Das heutige Fest sagt vielmehr: Es gibt ein Ziel, einen Himmel. Dort sagt der Vater zum Sohn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich all das Schreckliche, das geschieht, zum Schemel deiner Füsse mache. Christus wird siegen. Und Gott wartet auf den Sieg seines Sohnes. Er wartet, bis der Sohn alle Sünde und alle Feindschaft überwunden hat und ihm so das Gottesreich übergeben wird. In der Sprache des Glaubensbekenntnisses, das wir jetzt dann beten werden, heisst das: «Ich glaube an Jesus Christus, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.»

Liebe Schwestern und Brüder in Christus, an Ostern beginnt jenes Vertrauen, das uns sagt: Gottes Reich geht niemals unter. Wir sind dafür Zeuginnen und Zeugen. Und wir nähren uns dafür aus Gebeten wie Psalm 110 und aus der Feier der Eucharistie. Wir beten und feiern zusammen, um uns so die Worte der heutigen Lesung zuzurufen: Gott «erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid.» Und wenn ich zu jemandem sage: «Chum zu mir!», braucht es nicht einmal viele Worte, dass dieser andere Mensch merkt, dass auch er oder sie zur Hoffnung berufen ist für den Himmel, in dem Gott uns in diese Dynamik der Hoffnung aufnehmen möchte und uns darum zuruft: «Chömet zu mir!». Amen.