Das Altarbild im "Oberen Chor" unserer Klosterkirche. Leider ist dieser Gebetsraum nicht öffentlich zugänglich.
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Predigt von Abt Urban am Karfreitag, 2. April 2021

02.04.2021

In der feierlichen Karfreitagsliturgie um 16.00 Uhr hielt Abt Urban folgende Predigt:

Es ist ein Kreuz mit dem Kreuz: In der Öffentlichkeit sollte es für einige Menschen nicht mehr hängen, weil es ein religiöses Symbol ist, das vereinnahmt und nicht tragbar ist für Menschen, die sich nicht zum Christentum bekennen. Auf der anderen Seite ist das Kreuz in der Öffentlichkeit omnipräsent, angebracht an uns Menschen: als Anhänger um den Hals, als Piercing am Ohr oder auf der Nase, als Tattoo auf der Haut. Als Tattoo beliebt ist es, wurde mir versichert, weil die horizontale Linie des Kreuzes an die Natur erinnere, die vertikale an das spirituelle Leben, die in einem Punkt zusammenkommen und eins werden. Und wenn ich weitere Kommentare zum Kreuz lese, dann möchte ich diese so zusammenfassen: Ein öffentliches Kreuz könnte Menschen, die das nicht wollen, verletzen und erniedrigen, während das Kreuz als Schmuck den Menschen spirituell und ästhetisch erhöht.

Ein Kreuz, das erhöht oder erniedrigt: ja gibt es denn verschiedene Kreuze? Und hat das noch etwas mit dem Kreuz Christi zu tun? Wenn wir auf die vier Evangelisten schauen, gibt es schon in der Bibel unterschiedliche Zugänge zum Kreuz des Karfreitags. Die drei Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas widmen der Leidensgeschichte Jesus je zwei Kapitel, die darin gipfeln, dass Jesus das Kreuz trägt, darunter aber offenbar zusammenbricht und darum Simon von Kyrene gezwungen wird, das Kreuz für Jesus zu tragen, der schlussendlich daran einen grausamen Tod findet. Sein Schrei am Kreuz ist unerträglich: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Nur gerade der Evangelist Lukas lässt Jesus am Kreuz einen weiteren Satz des Vertrauens sprechen: «Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist» (Lk 23, 46). Das Kreuz erniedrigt den Gottessohn auf dem Weg nach Golgota und am Kreuz bis in den Tod und wer ihm nachfolgt, wird auch diesen Weg gehen. So jedenfalls lesen wir bei Matthäus, Markus und Lukas: «Wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir hergeht, der kann nicht mein Jünger sein» (Lk 14, 27).

Auf diese Weise erniedrigt wird Jesus im etwas jüngeren Johannesevangelium nicht, aus dem uns die vier Kantoren vorgesungen haben. Johannes widmet mehr als die Hälft seines Evangeliums dem Weg Jesu in seine Passion, auch wenn die eigentliche Verhaftung, der Kreuzweg und der Tod auch in diesem Evangelium zwei Kapitel einnehmen. Auffällig ist bei Johannes, dass Christus sein Kreuz bis zum Schluss selbst trägt und dass das letzte Wort Jesu nach Johannes nicht eine Klage ist, sondern ein Wort der Verkündigung, der Erklärung ist: «Es ist vollbracht!» Was denn ist vollbracht? Jesus sagt im Johannesevangelium schon früh: «Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, dass Ich es bin» (Joh 8, 28). Frei übersetzt: Wenn ihr mich kreuzigen werdet, werdet ihr erkennen, dass ich Gott bin. Die Kreuzigung ist nach Johannes also in dem Sinne eine Erhöhung, als dass am Kreuz sichtbar erhoben nun alle diesen Jesus als Sohn Gottes erkennen können. Das Bild aus dem Oberen Chor unserer Kirche, das Sie zu Hause nun sehen können und Sie in der Kirche sich nachher auf unserer Homepage oder auf unserem Livestream anschauen können, zeigt dieses Verständnis der Kreuzigung nach Johannes: Alles auf dem Bild ist dunkel. Was erleuchtet ist, etwa die Gesichter seiner Mutter, das Gesicht von Maria Magdalena oder von Johannes, bekommt Licht vom Jesus am Kreuz, von dem allein Licht ausgeht. Bei Johannes geht demnach ein österlicher Glanz vom Gekreuzigten aus. Im Johannesevangelium ist also die Kreuzigung nicht nur Karfreitag – nicht nur Mord und Erniedrigung –, sondern auch Erhöhung, österliche Hoffnung, die von Gott kommt.

Liebe Schwestern und Brüder, so gibt es also auch in der Bibel beides: das Kreuz, das erniedrigt, das Menschen fertig macht, Menschen weghaben will und sie ausradiert, und das Kreuz, das auch im Leiden nach der Hoffnung sucht, nach dem Licht, das uns einen Weg weist und uns die Kraft gibt, das Kreuz in der Nachfolge Jesu selbst zu tragen. Kurz zusammengefasst haben wir beide Sichtweisen am Schluss der Lesung aus dem Hebräerbrief gehört: «Obwohl er der Sohn war, hat er durch das, was er gelitten hat, den Gehorsam gelernt; zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden.» Gott kennt also beides: das Leiden und den Weg des Heils für uns, Karfreitag und Ostern in einem. Insofern finde ich mich auch in einem Tattoo-Kreuz wieder, wenn dieses zuerst gar nicht christlich gemeint ist: In meinem Glauben steht die horizontale Linie ebenfalls für die Natur, das Leben, auch für das leidvolle Leben, für das Kreuz als Mordinstrument. Und die vertikale Linie zeigt für mich das spirituelle Leben, österliche Hoffnung, die in jenem Punkt aufleuchtet, wo sich Horizontale und Vertikale treffen und eins werden: in Jesus Christus, der zugleich ganz Mensch und ganz Gott ist. (Wenn ich hier die Horizontale und die Vertikale mit je einem Cello-Bogen darstelle, dann auf dem Hintergrund, dass in der Musik ein Kreuz erhöht und nicht etwa Hoffnung nimmt).

Bleibt mir, meine Lieben zum Abschluss meiner Predigtworte noch den Hebräerbrief auf unseren Alltag hin weiterzudenken. Wenn Christus für alle, die ihm gehorchen, zum Urheber des Heils geworden ist, heisst das für mich, dass jene Menschen, die auf ihn hören und ihm folgen, zum Heil, zum Glück, zu Leben finden können. Es ist also nicht unwichtig, was wir aus dem Karfreitag, was wir aus dem Kreuz Jesu machen. Unsere Botschaft, unser Leben, kann andere erniedrigen oder erhöhen, wir können einander vereinnahmen und mit unserer Wahrheit zudecken und einander bösartig im Leben Kreuze aufrichten, oder wir können Wege des Lichts und der Hoffnung aufzeigen durch unsere konkreten Taten und durch einen österlichen Blick auf jedes Kreuz. Wenn Kreuze heute nicht nur von Blut triefen, sondern auch schön geschmückt werden wie jenes, das ich um den Hals trage, dann ist das ein Bekenntnis dazu, dass das Kreuz nie das letzte Wort haben darf, sondern Ostern. Auch jedes Tattoo-Kreuz soll darum eine Aufforderung sein, das Leben zu wählen – für die tätowierte Person selbst und für andere.