P. Benedict erwähnt in seiner Predigt die byzantinsche Osterikone. Hier ein Beispiel.
P. Benedict erwähnt in seiner Predigt die byzantinsche Osterikone. Hier ein Beispiel.

Predigt in der Osternacht 2021

04.04.2021

In der Osternacht richtete Pater Benedict Arpagaus folgende Predigtworte an unsere Klostergemeinschaft und die in der Klosterkirche mit uns versammelten Gläubigen sowie an die vielen Mitfeiernden via Livestream:

Liebe Schwestern und Brüder

Nun ist sie endlich da, die ersehnte Osternacht, die den Schmerz des Karfreitags in den Schatten stellt. Wenn eine Mutter ein Kind gebiert und in den Wehen liegt, dominiert der Schmerz. Doch in dem Augenblick, in welchem die Mutter ihr Kindlein erblickt und an die Brust nimmt und an ihr Herz drückt, herrscht nur noch Freude und der Schmerz ist vergessen. So erfuhr es offenbar eine Mutter nach der Geburt ihres Kindes und als ich sie auf die Wehen und Schmerzen ansprach, so konnte sie sich nicht mehr daran erinnern. Während der Geburtswehen sagte sie erschöpft: „Ich kann nicht mehr.“ Doch selbst diese Aussage war ihr nicht mehr gegenwärtig, als sie ihr Kindlein in den Armen hielt. Der vergangene Schmerz war wie ausgelöscht. Die Freude über das neugewonnene Leben dominierte und stellte das Vergangene in den Schatten.

Doch in der Osternacht feiern wir nicht, dass Vergangenes, alte quälende Geschichten und Wunden einfach ausgelöscht werden. Weil Gott uns ernst nimmt, ist es nicht SEIN Anliegen, dass unsere vergangene und verwundete Lebensgeschichte einfach vergessen wird. Nein, Gott vergisst unsere Schmerzen und Wunden nicht, keine Träne geht bei IHM verloren. Die Wunden aber werden verwandelt, geheilt oder verklärt, wie auch immer wir das nennen wollen, und sie haben deshalb keine Macht mehr über uns. Das Alte hat keine Macht mehr über uns. Vielmehr ist Neues geworden, ein Mehr an Leben, eine Tiefe voll Freude, eine Weite voll Freiheit, erfüllt von Frieden und Liebe. So erscheint der auferstandene Christus nicht als Geist, sondern leibhaftig gibt ER sich seinen Jüngern und Jüngerinnen zu erkennen. Und klar erkennbar bleiben die in der Vergangenheit IHM zugefügten Wunden. Sie sind Teil SEINER Geschichte mit uns Menschen. So wie unsere Wunden Teil sind unserer Geschichte mit den Menschen und dem Leben auf Erden. Gott nimmt uns ernst. Gott beschönigt nichts. ER vertröstet nicht. ER beschwichtigt und verdrängt nie. Gott heilt voll und ganz bis auf den letzten Grund. Und dazu gehört, dass unsere Lebensgeschichte, und wenn sie noch so verwundet ist, enttäuscht und erdrückt, in diesen Heilungsprozess hineingenommen wird, die zur Fülle des Lebens führt.

Osternacht. Wir lesen und hören oft die Aussage, dass der Karfreitag zum Leben, zur irdischen Pilgerschaft gehört und Ostern erst möglich wird, wenn wir den, auch unseren persönlichen Karfreitag, durchschritten haben. Dabei vergessen wir oder verdrängen wir, dass der Karsamstag genauso dazu gehört. Er ist der heilige Durchzug und Übergang. Wie damals das Volk Israel aus Ägypten, aus dem Lande der Unterdrückung und des Todes aufbrach, ohne das Gelobte Land schon erblicken zu können und erst noch durch die Wüste wandern musste. Da galt es Vieles auszuhalten, tapfer zu bleiben und das Vertrauen in Gott zu bewahren. Aushalten müssen, dass etwas vorbei ist und das Neue noch nicht erkennbar. Das ist der Karsamstag.

Die Versuchung ist sehr gross, den Karsamstag zu sehen als eine tote Zeit, in der nichts passiert. Das ist grundfalsch. Es passiert gerade dann sehr viel, wenn wir vordergründig nichts wahrnehmen und nichts erfahren, wenn wir uns vielleicht sogar gottverlassen fühlen. Wir wissen es ja von der Ostergeschichte her und wir kennen es aus unserem eigenen Leben. Gerade dann, wo vordergründig nichts zu geschehen scheint, passiert ganz viel an Verwandlung und Neuordnung. Das Samenkorn, das in der dunklen Erde liegt und stirbt, öffnet sich – unseren Augen verborgen – und beginnt zu keimen und zu neuem Leben zu erwachen. Im Samenkorn drin geschieht ganz viel an Bewegung und Verwandlung. Dasselbe gilt für die Knospen, die am winterlichen Baum bereits dem Frühling entgegen harren. Sie sind nicht einfach tot. Und Gleiches gilt für die verpuppte Raupe.

Nicht anders in der Grabkammer Jesu! Denn Gottes Liebe ruht niemals! Die Liebe Gottes kann nicht anders, als stets neu zu bewegen, aufzurichten und zu beleben. Wo Gott ist, da ist Liebe und diese Liebe will Leben, volles Leben! Diese von aussen nicht wahrnehmbare Zwischenphase, die es schmerzlich auszuhalten gilt und in welcher unser Gottvertrauen bis aufs Äusserste herausgefordert werden kann, darauf deutet das Glaubensbekenntnis wohl mit der Aussage: „Er (Christus) stieg hinab in das Reich des Todes.“ Auf byzantinischen Ikonen wird bildhaft dargestellt, wie Jesus das Tote zum Leben zurückführt.

Osternacht! Die Auferstehung Jesu damals war nichts Pompöses und hatte keinen Eventcharakter. Sie ereignete sich still, schlicht, einfach und bescheiden. Während im Evangelium der heutigen Osternacht berichtet wird, wie die Frauen und Jünger erstaunt vor dem leeren Grab stehen und nicht wissen, was sie glauben sollen, erzählt das Evangelium von morgen Ostersonntag, dass der auferstandene Herr Jesus Christus Maria von Magdala begegnet. Sie, die noch gefangen ist im Schmerz des Karfreitags und auf die Leere des Karsamstags starrt, wird liebevoll zärtlich bei ihrem Namen gerufen: „Maria“. Dieses liebevoll Angesprochen-Sein und Angeschaut-Sein öffnete Magdalenas Augen und Herz. Ein liebevoller Blick, eine liebevolle Stimme, die den Namen ausspricht und es geschieht bereits Heilung, Befreiung und Erlösung.

In der Predigt am Hohen Donnerstag haben wir bereits gehört, dass wir als Christen und Christinnen beauftragt sind, die frohe Botschaft weiterzutragen. Und wir können auf vielfältige Weise österliche Botschafter sein. Mit ganz kleinen, schlichten, einfachen und bescheidenen Zeichen. Ich staune immer wieder, wie viel Angst und Spannung sich über einen liebevollen Blick lösen kann, wie eine liebevolle Stimme, die bloss schon den Namen ausspricht, Ruhe und Geborgenheit schenkt und alte Wunden durch einen liebevollen Blick zu heilen beginnen.

Der liebevolle Blick des auferstandenen Herrn Jesus Christus, SEINE liebevolle Stimme, die uns beim Namen ruft, SEINE liebende Hand, die er uns entgegenstreckt wie auf den byzantinischen Osterikonen, all dies berührt, heilt und belebt uns. Unsere Wunden bleiben sichtbar, aber sie haben keine Macht mehr, uns zu schmerzen und sie entstellen uns nicht mehr, und sie vermögen uns nicht mehr in destruktive Lebensmuster hineinzuzwingen.

Ich danke Gott, dass ich inmitten des Alltags Ostern feiern darf, da ich Menschen von nah und fern kenne, manchmal unbekannten Menschen begegne, die diese österliche Begabung haben, nämlich im richtigen Augenblick liebevoll zu schauen und liebevoll ein Wort zu schenken, und sei es nur mein Name. Es ist nicht zu unterschätzen, welch Erlösungspotential ein liebevoller Blick, ein liebevolles Wort, eine liebevolle Geste und eine liebevolle Berührung in sich tragen, wie sie alte und frische Verwundungen in einen Heilungsprozess führen und ermöglichen, eine alte unheilvolle Geschichte mitsamt ihrem destruktiven Denk- und Verhaltensmuster langsam aber sicher aufzulösen. Das sind für mich Auferstehungsmomente inmitten des Alltags. Solange wir auf Erden sind, werden wir unsere Karfreitage und Karsamstage erleiden und aushalten müssen. Aber wir haben es in der Hand, dass für unsere Mitmenschen eine Vorahnung auf das ENDGÜLTIGE OSTERFEST möglich wird, heute schon und auf das ganze Jahr verteilt. Und wenn wir schon hier und heute solche Auferstehungsmomente erfahren dürfen, wie umso mehr werden wir überwältigt sein, wenn dereinst DIE Auferstehung uns ergreift und uns aufrichtet, wenn der auferstandene Christus uns an der Hand nimmt und hinaufzieht, heimwärts, wo Gott alles in allem sein wird und unser Leben wahrhaft ganz und heil ist und all unsere Sehnsucht gestillt. Ja, wirklich gestillt, weil es – so glaube ich fest – nichts Weiteres mehr zu erstreben gibt, wenn die vollkommene Liebe, die aus Gott, dem himmlischen Vater fliesst, die damals SEINEN Sohn auferweckte, uns dereinst bei der Hand nimmt, uns beim Namen ruft und auferweckt für den neuen Tag, der keinen Abend mehr kennt. Amen.