Predigt am Vierten Sonntag der Osterzeit 2021

25.04.2021

Der Vierte Sonntag der Osterzeit wird aufgrund des Evangeliums auch als „Gut-Hirt-Sonntag“ bezeichnet und als Gebetstag für Geistliche Berufungen begangen. Pater Jean-Sébastien Charrière hielt im Konventamt am 25. April 2021 folgende Predigt: 

Liebe Schwestern und Brüder

Ist es nicht merkwürdig, dass der gute Hirt viermal in dem kleinen Abschnitt des Evangeliums, den wir soeben gehört haben, seinen Tod verkündet!? Wie kann ein guter Hirt sich töten lassen und seine Herde zurücklassen? Die Aufgabe eines Hirten ist zu begleiten, zum Ziel zu führen, nicht auf dem Weg des Lebens seine Schafe allein zu lassen.

Unser Leben wird oft verglichen mit einer Wanderung. Von unserem ersten Atemzug bis zum letzten, sind wir unterwegs. Unser Leben ist ein Pfad mit Höhen und Tiefen, Irrwegen, Sackgassen und Stolpersteinen, aber auch ein Weg mit erholsamen Abschnitten, schönen Entdeckungen und Überraschungen. Manchmal ruhig, manchmal hektisch, erstreckt sich unser Weg zwischen dem Alpha und dem Omega unseres Lebens.

Auch wenn wir uns vielleicht manchmal auf diesem Weg einsam fühlen, sind wir auf dieser grossen Wanderung nicht allein. Ob schön, bereichernd oder verletzend, was wir oder wer wir heute sind – unsere Identität ist zum grössten Teil die Frucht unserer Begegnungen auf diesem Weg. Begegnung und Austausch sind wesentlich im Leben.

Gott selbst ist Begegnung, Beziehung und Einheit. Er ist einer und drei. Er hat uns als Abbild dieser Beziehung geschaffen und lädt uns ein, an dieser Beziehung und Einheit teilzuhaben. Deshalb wird Gott Mensch und zeigt uns den Weg des Lebens. Er selbst ist dieser Weg, die Wahrheit, das Leben und die Liebe, die allem Sinn und Erfüllung gibt.

Im heutigen Evangelium offenbart sich Jesus als der gute Hirt. Dieses für seine Zeitgenossen so klare Bild ist uns heute fremd geworden. Auch wenn wir eine Ahnung haben, was ein Hirt sein sollte und oft von den Hirten der Kirche sprechen, sind für die meisten von uns die Aufgabe und der Alltag eines Hirten, einer Hirtin fremd geworden. Sogar die Schweizer Schafe hatten bis vor Kurzem keine Angst mehr vor den Wölfen.

Jesus weist bildlich auf zwei gegensätzliche Arten von Hirten hin.

Die einen sind an sich keine wahren Hirten, denn die Schafe gehören ihnen nicht. Sie sind nicht frei, sondern Knechte. Sie sind bezahlt für ihre Arbeit. Das heisst, dass sie ein Eigeninteresse haben: ihren Lohn. Sie suchen ihren Vorteil. Im Grunde sind ihnen die Schafe nicht wichtig, sie sind nur Mittel zum Zweck, denn diese «Hirten» verlassen sie, wenn Gefahr kommt.

Im übertragenen Sinn stellen sie alle Menschen dar, die eine Führungsposition haben und nur an ihrem eigenen Erfolg interessiert sind. Ihr Interesse ist die Anerkennung, der finanzielle oder geistliche Gewinn. Sie wissen, wie man sich profiliert und verkauft. Sie machen sich attraktiv oder gleichen sich sogar ihrer Beute an, um ihr Ziel zu erreichen. Deshalb warnt Jesus im Matthäusevangelium «Hütet euch vor den falschen Propheten; sie kommen zu euch in Schafskleidern, im Inneren aber sind sie reissende Wölfe. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.» (Matthäus 7,15-16). Doch Früchte brauchen Zeit, um zu reifen und die negative Ernte kommt leider oft erst später, manchmal sogar zu spät! Deshalb müssen wir überlegt und achtsam bleiben.

Für den guten oder wahren Hirten hingegen, steht jedes Schaf der Herde im Vordergrund. Er ist sogar bereit, neunundneunzig Schafe in der Wüste zurückzulassen, um ein verlorenes Schaf zu suchen (siehe Lk 15,4-7; Mt 18,12-14)). Wie gehört, wiederholt Jesus viermal in dieser kurzen Perikope, dass er sein Leben für seine Schafe hingibt. Es geht hier um Liebe, denn die Liebe ist bereit alles zu geben, sogar ihr eigenes Wohl und Leben für die Nächsten.

Der gute Hirt kennt die Seinen: «Er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen» (Johannes 10,3). Es heisst, dass er die Schafe nicht als Gruppe wahrnimmt, sondern als einzelne. Sie sind keine Nummern und wenn er den Namen kennt, bedeutet dies, dass er sie voneinander unterscheiden kann, dass er ihre Eigenschaften wahrnimmt. Er verwechselt nicht die Einheit seiner Herde mit der Gleichheit aller Schafe.

Jesus, unser Vorbild, ist aber gleichsam der gute Hirt, der uns zum Ziel begleitet und führt, und das Lamm Gottes, das sein Leben für uns hingibt. Es geht hier nicht zuerst um eine äussere Führung, sondern um eine innere Begleitung: die Führung der Liebe.

Liebe Schwestern und Brüder

Jesus Christus ist der gute Hirt, der uns im Wort und im Sakrament begegnet. Er ist aber auch das Wort, das hinter der ganzen Schöpfung steht und uns in jedem Menschen begegnen will. Das Wort als guten Hirten zu nehmen, heisst wachsam zu werden und auf ihn zu hören. Dem Wort Gottes zu lauschen, heisst aber auch danach zu handeln und nach dem zu leben, was wir gehört haben. Und wenn wir trotzdem stolpern, falsche Entscheidungen treffen, sogar fallen oder falsche Wege einschlagen und Umwege machen, sollten wir nie vergessen, «dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt» (Römer 8:28). AMEN