Die Propstei St. Gerold im Grossen Walsertal in Vorarlberg war jahrzehntelang Wirkungsstätte von P. Nathanael. Am 19. April wird dort das Fest des hl. Gerold gefeiert. Weitere Informationen zu unserer Filiale in Österreich: www.propstei-stgerold.at
Die Propstei St. Gerold im Grossen Walsertal in Vorarlberg war jahrzehntelang Wirkungsstätte von P. Nathanael. Am 19. April wird dort das Fest des hl. Gerold gefeiert. Weitere Informationen zu unserer Filiale in Österreich: www.propstei-stgerold.at

Predigt am Dritten Sonntag der Osterzeit 2021

19.04.2021

Am Sonntag, 18. April 2021 hielt Pater Lukas Helg die folgende Predigt, in welcher er auf zwei kürzlich verstorbene Glaubenszeugen mit Ecken und Kanten einging:

Liebe Christinnen und Christen hier in der Klosterkirche, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer zu Hause am Bildschirm!

Im Jahre 2013 hatte man den berühmten katholischen Theologen Hans Küng – er war damals 85jährig – in einem Interview gefragt: „Als Christ glauben Sie an das Leben nach dem Tod. Haben Sie je daran gezweifelt?“ Hans Küng ist tot. Er ist am 6. April in Tübingen gestorben. Seine Antwort im Interview liest sich im Rückblick wie eine Art Testament, wie ein Vermächtnis. Er sagte: „Ich habe nie daran gezweifelt, aber ich weiss, dass es eine sehr schwierige Frage ist, und ich habe alle Argumente pro und kontra überlegt. Das ewige Leben ist etwas, das Raum und Zeit übersteigt, es ist eine andere Dimension. Dafür ist die reine Vernunft nach Kant nicht zuständig, man kann das nicht mathematisch-naturwissenschaftlich beweisen. Das Gegenteil freilich auch nicht. Aber ich habe gute Gründe, warum ich ein vertrauendes Ja zum ewigen Leben sage. Selbst wenn ich unrecht hätte und nach dem Tod in ein Nichts hineinfallen würde, bin ich der Überzeugung, dass ich besser gelebt habe mit dem Glauben, dass es ein ewiges Leben gibt, als ohne“. Haben Sie’s gehört? Küng sagte, er habe nie daran gezweifelt, dass es ein ewiges Leben gibt. Wenn das einer der gescheitesten und profiliertesten katholischen Denker unserer Zeit sagt, dann  kann uns dieses Wort wie ein Rettungsring auf dem hohen Wellengang unseres eigenen Lebens mit seinen Glaubensnöten und Glaubenszweifeln sein. Wenn man den Statistiken glauben will, ist Küng diesbezüglich eher eine Ausnahme. Können Sie von sich selber auch sagen, dass Sie nie an einem Leben nach dem Tod gezweifelt haben? Ich kann es nicht.

Mit unseren Glaubensnöten und Glaubenszweifeln sind wir nicht allein; wir sind sogar in guter Gesellschaft. Sie haben vorhin einen Abschnitt aus dem letzten Kapitel des Lukasevangeliums gehört. Es sollte der Höhepunkt des ganzen dritten Evangeliums werden. Man müsste doch eigentlich erwarten, dass die Elf  an die Auferstehung ihres Herrn glauben würden – nach all dem, was vorausgegangen ist.  Dreimal hat er ihnen vor seinem Leiden die Passion und die Auferstehung vorausgesagt Dann kam freilich die entsetzliche Katastrophe am Karfreitag. Aber jetzt an Ostern ist schon so viel passiert: Lesen Sie einmal das ganze Kapitel 24 des Lukasevangeliums. Nach der Vorstellung des Evangelisten geschieht alles am gleichen Tag: die Frauen stehen vor dem leeren Grab – die Emmausjünger erkennen im fremden Mitwanderer den auferstandenen Herrn beim Brechen des Brotes – Simon Petrus erlebt eine private Erscheinung des Auferstandenen (die Lukas nur nebenbei erwähnt) – von all dem haben die Elf gehört – dann die Erscheinung vor der gesamten Jüngerschaft im heute vorgelesen Abschnitt und schliesslich die Aufnahme Jesu in den Himmel in der Nähe von Bethanien.  All das am gleichen Tag. Schauen Sie, wie unverständlich die Jünger bei der Erscheinung Jesu reagieren. Man bekommt fast den Eindruck, der Evangelist Lukas konzentriere sich bei der Schilderung auf die Reaktion der Jünger, nicht auf Jesus. Sie erschrecken. Sind furchtbare Angsthasen. Sehen ein Gespenst. Wundern sich und können immer noch nicht glauben. Dabei versucht der Auferstandene ja Alles, um sie zum Glauben zu bringen. Nicht bloss der ungläubige Thomas, wie bei Johannes, nein ausdrücklich alle können seine durchbohrten Hände und Füsse anschauen und betasten. Ja, er isst sogar ein Stück gebratenen Fisch vor ihnen. Kann er eigentlich noch mehr tun, um zu beweisen, dass er von den Toten auferstanden ist? Und noch immer glauben sie es nicht – vor Freude, wie es quasi entschuldigend heisst.

Es ist ganz offensichtlich nicht einfach, an die Auferstehung Jesu zu glauben. Schon die elf Jünger hatten grosse Mühe. Es gab unter den Jüngern Zweifler. Es gab unter den Lesern und Hörern des Evangeliums Zweifler. Und es gibt massenhaft Zweifler unter den heutigen Christen. Weil der Evangelist Lukas damit rechnet, deshalb geht er so in die Einzelheiten. In den Jüngern sollen wir uns selber erkennen. So sind wir. Wir haben grosse Mühe, an die Auferstehung Jesu und damit an unsere eigene Auferstehung zu glauben. Bis Pfingsten verstecken sich die Jünger hinter verschlossenen Türen. Erst nachdem sie der Auferstandene mit seinem Heiligen Geist ausrüstet, treten sie im Auftrag des Herrn an die Öffentlichkeit und bezeugen die Botschaft von der Auferstehung vor der ganzen Welt. Wir sind gefirmt worden und haben damals bei der Firmung den Geist Gottes erhalten. Warum sind wir so scheue Zeuginnen und Zeugen der Auferstehung? Warum handeln wir nicht konsequenter danach, dass wir nur Gast sind auf Erden und uns hier für das ewige Leben vorbereiten? Nein, wir richten uns nach unserer Umwelt, verdrängen Alter und Tod, richten uns möglichst bequem und egoistisch in dieser Welt ein und tun so, als ob es nichts anderes gäbe.

Im letzten November hatten wir bei uns im Kloster teilweise coronabedingt eine richtige Todeswelle. Innerhalb dreier Monate starben sieben Mitbrüder. Einer davon, der liebe P. Nathanael, durfte an Allerheiligen seinen 90. Geburtstag feiern. Er sass an diesem Tag mit uns beim Mittagessen. Nach der Gratulation des Abtes stand er auf, trat in die Mitte seiner Mitbrüder und hielt uns eine ergreifende Ansprache. Ich zitiere frei aus dem Gedächtnis: „Ich gehe jetzt, ich verabschiede mich von Euch, ich danke Euch für die freundliche Art, wie ihr mich aufgenommen habt. Ich fühlte mich sehr zu Hause bei Euch. Jetzt ist es Zeit, zu gehen. Wir sehen uns drüben wieder.“   Knapp drei Wochen später, am 19. November, ist er überraschend gestorben.  Seit 1965, seit ich hier im Kloster bin, sind bestimmt über 150 Mitbrüder gestorben. Bei einigen durfte ich beim Sterben dabei sein. Aber einen so starken Glauben an das ewige Leben wie bei P. Nathanael habe ich noch nie erlebt.  Jedenfalls wurde er nie so sichtbar und hörbar.

Hans Küng ist sogar noch drei Jahre älter geworden als P. Nathanael. Sie wissen, vor Weihnachten 1979 hat ihm der polnische Papst Johannes Paul II. im Einverständnis mit dem damaligen Chef der Glaubenskongregation Kardinal Ratzinger die Lehrerlaubnis entzogen. Bedenklich, dass es solche Methoden auch in der katholischen Kirche gibt. Hans Küng ist trotzdem der Kirche, der Glaubensgemeinschaft und dem Evangelium treu geblieben und durfte noch erleben, woran er nicht mehr glaubte, dass durch Papst Franziskus ein Umschwung möglich ist. Papst Franziskus hat übrigens Hans Küng zweimal für ihm zugeschickte Bücher persönlich gedankt. Was man beinahe als Entschuldigung für den Bannstrahl verstehen könnte, der ihn 1979 getroffen hat.

Im zitierten Interview wurde Hans Küng auch zur Zukunft der Kirche befragt. Seine Antwort ist auch nach 8 Jahren noch aktuell: Er sagte: „Wenn die Kirche noch immer keine echte Reform hinkriegt, wenn sie etwa den Zölibat nicht aufhebt und die Frauen nicht aufwertet, dann wird sie immer mehr zu einer Grosssekte werden. Es werden dann noch mehr Leute einfach nicht mehr mitmachen – der äussere wie innere Exodus der vergangenen Jahre ist schlimm. Wenn die katholische Kirche sich jedoch neu aufs Evangelium besinnt und die Nöte der Menschen ernst nimmt – dann ist vieles möglich.“

Hans Küng wird kaum heilig gesprochen, jedenfalls nicht santo subito! Aber er hat mit seinen Büchern (viele von ihnen wurden beim Benziger Verlag bei uns in Einsiedeln gedruckt) – er hat mit seinen Büchern und seinen Vorträgen das Christentum in der Welt von heute zu einem wichtigen Gesprächsthema gemacht. Er war bestimmt für viele suchende, von Glaubenszweifeln geplagte Menschen, notabene auch für mich,  ein starker Zeuge für das ewige Leben. Hans Küng ruhe in Frieden!