Gotische Statue des Auferstandenen in der Unterkirche.
Gotische Statue des Auferstandenen in der Unterkirche.

Predigt am Ostersonntag 2021

04.04.2021

Im feierlichen Pontifikalamt am Ostersonntag, dem Abt Urban vorstand, hielt Pater Mauritius Honegger die folgende Predigt:

Liebe Mitchristen,

der Ostersonntag ist der Wendepunkt zwischen dem Evangelium und der Apostelgeschichte. Aus beiden Texten haben wir soeben Abschnitte gehört. Die Evangelien berichten uns vom Leben und Wirken Jesu. Sie sind seine Biografien. In der Apostelgeschichte lesen wir, wie es nach dem irdischen Leben Jesu weitergegangen ist.

Der Wendepunkt ist die Auferstehung Jesu am Ostersonntag. Davon lesen wir auf den letzten Seiten der Evangelien. Die anschaulichen Auferstehungsberichte, wie Jesus Maria Magdalena erscheint, Petrus, Thomas oder den anderen Aposteln, diese Texte dürften allerdings relativ spät entstanden sein. Das älteste Evangelium, das des Markus, ist auch das kürzeste und das nüchternste. Das merken wir gerade auch bei den Auferstehungsberichten: Am Schluss des Markusevangeliums steht das leere Grab.

Den Bericht von der Auffindung des leeren Grabes hat Johannes in sein Evangelium übernommen und heute haben wir seine Version davon gehört. Johannes berichtet, dass es Maria von Magdala war, die am Ostermorgen als erste das leere Grab entdeckte. Auf ihren Hinweis hin kommen Petrus und der andere Jünger zum Grab und überzeugen sich selber davon, dass der Leichnam Jesu nicht mehr da ist.

In der Apostelgeschichte erfahren wir dann, wie sich die Botschaft von der Auferstehung Jesu von Jerusalem aus verbreitet hat, wie am Pfingsttag der Heilige Geist auf die Jünger herabkam und wie sie dann mit Mut und Kraft den Glauben an Jesus Christus verkündeten – zuerst unter ihren jüdischen Landsleuten, dann aber auch bei den Heiden.

Die heutige Lesung aus der Apostelgeschichte ist so eine Verkündigungspredigt, eine Katechese, eine Einführung in den christlichen Glauben. Es ist denn auch ganz klar eine Verkündigungssituation, in der Petrus hier spricht. Er befindet sich in der bedeutenden Hafenstadt Cäsarea Maritima, wo der Statthalter des Kaisers residiert, seit die Römer Palästina erobert und als Provinz in ihr Weltreich eingegliedert haben. Petrus ist zu Gast im Haus des römischen Hauptmannes Kornelius, eines hohen Funktionärs in der Armee der Besatzungsmacht. Kornelius zeigt sich interessiert am christlichen Glauben und in Folge der Predigt des Petrus lässt er sich mit seiner ganzen Familie taufen.

Für den Heiden Kornelius fasst Petrus zusammen, woran er und die anderen Christen glauben, was sie als lebensverändernde Wahrheit erkannt haben. Und wenn wir diese Rede des Petrus genau anschauen, können wir vielleicht ein paar Grundlinien ausmachen, die auch für uns heute relevant sein könnten.

Petrus redet über das Leben und Wirken des Jesus von Nazaret, wie alles anfing in Galiläa mit der Taufe des Johannes, dann von den Heilungen und guten Werken Jesu, bis hin zu seinem Tod und seiner Auferstehung. Die Predigt des Petrus ist christozentrisch, Jesus Christus steht im Mittelpunkt seiner Verkündigung.

Aber Petrus spricht nicht einfach so von Jesus, sondern weil er im Leben und Wirken Jesu das Wirken Gottes erkannt hat. Als Jude ist sich Petrus bewusst, dass Gott schon immer da gewesen ist, schon bei der Schöpfung, als er diese Welt aus dem Nichts erschaffen und alle Lebewesen ins Dasein gerufen hat. Dann paradigmatisch bei der Befreiung aus der Knechtschaft des Pharaos und bei vielen anderen Gelegenheiten in der Geschichte seines Volkes. Gott ist immer schon wirksam gegenwärtig gewesen, aber in Jesus Christus – davon ist Petrus überzeugt – ist er es auf neue und nicht mehr zu überbietende Weise.

Jesus ist mit dem Heiligen Geist gesalbt. Er ist der Geistträger, in dem die Kraft Gottes wirkt, heilend und rettend für alle, die ihm begegnen. Und Gott ist es auch, der Jesus nach seinem Tod wieder Leben einhaucht und ihn in der Kraft seines lebendig machenden Geistes wieder aufstehen lässt vom Grab.

Im Leben, im Tod und in der Auferstehung Jesu ist Gottes Kraft wirksam. Das hat Petrus erfahren dürfen und davon will er Zeugnis ablegen. In das Heilswirken Gottes, das klein und unscheinbar begonnen hat im ländlichen Galiläa, im Fischerdorf Kafarnaum, seiner Heimat, in dieses Heilswirken sieht sich Petrus selber hineingenommen. Darum spricht er von „Uns, den von Gott vorherbestimmten Zeugen“. Petrus und die anderen Apostel sind Zeugen für das Wirken Jesu in Galiläa, für seinen Tod in Jerusalem und sie sind schliesslich auch Zeugen geworden für seine Auferstehung. Gott hat ihn erscheinen lassen „uns, die mit ihm nach seiner Auferstehung gegessen und getrunken haben“.

Darum ist die Rede des Petrus vor Kornelius nicht nur christozentrisch, sondern gleichzeitig auch theozentrisch. Denn wer Jesus Christus in den Mittelpunkt stellt, der stellt automatisch auch Gott in den Mittelpunkt. Wer von Jesus Christus spricht, spricht unausweichlich auch vom Wirken Gottes an ihm und durch ihn.

Und schliesslich stellt Petrus mit seiner Rede auch den Menschen in den Mittelpunkt. Zweifellos vermögen gläubige Augen überall die Spuren Gottes zu erkennen: in der unendlichen Grösse des Universums, in der Schönheit der Erde, in den Kräften der Natur. Aber typisch christlich ist es, den Menschen als den Ort der Anwesenheit Gottes zu erkennen. Die Evangelien sind die Biografien Jesu und in ihnen erkennen wir das Wirken Gottes an und durch einen konkreten Menschen. Aber nicht nur im Leben Jesu, sondern auch in unserem eigenen Leben und im Leben unserer Mitmenschen wirkt Gottes lebendig machender Geist. Aufmerksam zu sein für die Spuren Gottes in unserem Leben und in dem unserer Mitmenschen, macht uns immer mehr zu dankbaren und wertschätzenden Menschen.

Die Auferstehung Jesu ist der Wendepunkt. Mit Ostern beginnt die Apostelgeschichte, die Geschichte von Menschen, die sich in den Dienst nehmen lassen für das grosse Projekt der Liebe Gottes. Heute sind wir an der Reihe: Lassen auch wir uns anrühren von Jesus Christus und Zeugen für seine Auferstehung sein. Amen.