Hans Küng mit Abt Martin im angeregten Gespräch 2011. Foto: Bruder Gerold Zenoni
Hans Küng mit Abt Martin im angeregten Gespräch 2011. Foto: Bruder Gerold Zenoni

Erinnerung an Hans Küng (+6. April 2021)

09.04.2021

Am Osterdienstag, 6. April 2021 verstarb der bekannte Schweizer Theologe Hans Küng in Tübingen D. Der streitbare Priester und Theologieprofessor kam oft als einfacher Pilger nach Einsiedeln. Seine Besuche bei Unserer Lieben Frau von Einsiedeln erregten kein grosses Aufsehen, doch ergänzen sie das Bild, das viele von ihm haben, um eine wertvolle Facette.

Abt Martin lud Hans Küng im Sommer 2011 zum Mittagessen in unser Kloster ein. In der Folge stand er Bruder Gerold für ein längeres Interview für unsere Klosterzeitschrift «Salve» (Nr. 5 – 2012) zur Verfügung, welches wir anlässlich seines Heimgangs gerne nochmals publizieren. Sein letzter Satz aus dem Jahr 2012 hat sich nun definitiv erfüllt: «Das Ende meiner Tage ist gekommen. Ich lebe in der Hoffnung auf ein anderes Leben.» 

Kirchlicher Kämpfer für Freiheit

Sein Renommée als kirchlicher Kämpfer für die Freiheit strahlt weltweit aus. Er trifft sich mit den Grossen des Globus und hat mit seiner Stiftung «Weltethos» ein markantes Zeichen für Toleranz und Verständigung zwischen den Menschen gesetzt. Jetzt gewährte der vielgefragte Interviewpartner Hans Küng «Salve» ein Interview. Die Fragen stellte Bruder Gerold Zenoni.

Professor Hans Küng, ein Bekannter von mir verlor durch einen tragischen Verkehrsunfall seinen 16-jährigen Sohn. Er bat mich, Ihnen, der Sie mit «Ewiges Leben?» ein ganzes Buch zur Problematik verfasst haben, folgende Frage zu stellen: Glauben Sie an ein Weiterleben nach dem Tode?

Hans Küng: Ja, ich glaube an ein Leben aus dem Tod. Aber dabei geht es nicht einfach um ein »Weiterleben«, sondern um ein Eingehen in eine andere Dimension jenseits von Raum und Zeit, in Gottes Ewigkeit. Es geht um ein ewiges Leben.

«Dem Theologen wird es in erster Linie um das gehen müssen, was Theologie (=Rede von Gott) , meint: so von Gott in der heutigen Welt zu sprechen, dass es die Menschen verstehen.» Diesen Satz sagten Sie 1975 in einem Interview mit der Zeitung «Die Tat». Denken Sie 2012 genau gleich?

Ich denke immer noch genau gleich. Es geht darum, die uralte Botschaft von Gott und seinem Christus in immer wieder neuen Zeiten zu verkünden, aber dabei nicht einfach nur die alten Formeln zu gebrauchen, sondern sie so in der heutigen Sprache der Menschen zu erklären, dass ihre Botschaft auch wirklich glaubwürdig und verständlich ist.

Die einen sagen, dass man im Alter milder werde, andere verweisen auf die Akzentuierung gewisser Charakterzüge mit fortgeschrittenen Jahren. Wie ist das bei Ihnen: Sind Sie milder oder gar kämpferischer geworden?

Ich war schon immer milder als mein Image in der Öffentlichkeit aussieht, wo man oft nur die kurzen Sätze in Interviews lesen oder sehen kann. Aber kämpferisch bin ich geblieben und hoffe es auch weiterhin zu bleiben, wo immer es um wesentliche Anliegen wie die Reform der Kirche geht.

Ihr späterer Lehrer, der Priester und Schriftsteller Josef Vital Kopp, der dem Kloster Einsiedeln eine grosse barocke astronomische Uhr vermacht hat, die heute im Grossen Saal des Stifts zu bewundern ist, schrieb 1936 an Bord der «Tjinagave»: «Immer weniger scheint mir meine Wissenschaft ein ausreichendes Ziel für das Leben. Das wahre Interesse meines Lebens gilt schon seit langer Zeit einem gewissen Bemühen, Gott in der Welt besser zu entdecken.» Sind Sie ebenfalls auf der Suche nach diesem Gott in der Welt?

 Mein Lehrer in Latein und Griechisch hat sich mit der Zeit immer mehr der Romanschriftstellerei und Teilhard de Chardin zugewandt. Ich selber habe mich schon sehr früh ganz in die Geschichte von Welt und Kirche eingegraben und habe die Gottesfrage schon immer im Kontext dieser Welt betrachtet. Bei mir ging es um ständige Vertiefung und vor allem Ausweitung des Horizonts: von der Einheit der christlichen Kirchen über den Frieden der Religionen bis zur Gemeinschaft der Nationen.

Ihr Kollege Tomáš Halík, der Mitarbeiter von Vaclav Havel war und mit Ehrentiteln des Vatikans ausgezeichnet wurde,  sagt: «Ein reifer Glaube ist ein geduldiges Ausharren in der Nacht des Geheimnisses.» Stimmen Sie dieser Aussage zu?

Ich liebe es nicht, von der »Nacht des Geheimnisses« zu reden, weil in dieser Nacht alle Katzen grau sind und alle möglichen Dogmen den Menschen aufgeschwätzt werden können. Geheimnis ist für mich immer dort, wo Gott selber ins Spiel kommt: sei es nun in der Schöpfung der Welt und des Menschen, sei es im Tod und in der Vollendung, sei es aber auch mitten im Leben. Da gibt es selbstverständlich immer auch Dunkelheit, wenn wir nach dem Licht streben sollen.

Ich formuliere folgende Aussage: der treue aber kritische bis streitbare Katholik Hans Küng ist in seinem Handeln als Theologe und Kirchenkritiker nur erklär- und verstehbar vor dem Hintergrund seiner Herkunft aus einem Innerschweizer Kanton – einmal rezitierten Sie als Gymnasiast sogar den Rütlischwur aus Schillers «Tell» am Originalschauplatz – mit föderalistischen und demokratischen Strukturen, die sich naturgemäss reiben mit dem hierarchischen Aufbau der katholischen Kirche?

Ich bin sicher ein überzeugter Patriot, wenngleich ein kritischer Eidgenosse. Ja, ich bin stolz auf unsere demokratische Tradition und stehe noch immer zum Satz, wie ihn der Schwabe Schiller den Eidgenossen auf dem Rütli in den Mund gelegt hat »Wir wollen frei sein wie die Väter waren, eher den Tod, als in der Knechtschaft leben«. Wir haben allen Diktatoren widerstanden, sollten aber auch den Diktatoren in der Kirche widerstehen. Wir beugen uns nicht vor Gessler-Hüten, ob sie nun von Politikern oder von Bischöfen getragen werden. Ich bin folglich auch stolz darauf, dass in der Schweizer Kirche und besonders im Bistum Basel gewisse demokratische Traditionen erhalten geblieben sind, die nicht vom kurialen Apparat zerstört werden konnten wie in anderen Ländern.

Im zweiten Band Ihrer Autobiographie «Umstrittene Wahrheit – Erinnerungen» schreiben Sie: «Freiheit und Wahrheit sind und bleiben zwei Kernwerte meiner geistigen Existenz,» Können Sie uns das genauer erläutern?

Freiheit unterscheidet den Menschen vom Tier, ohne Selbstbestimmung lebt der Mensch unter seinem Niveau. Selbstverständlich darf die Freiheit nicht zur Willkür degenerieren. Sie darf sich vor allem nicht gegen die Wahrheit wenden, in religiösen Dingen vor allem so, wie sie sich im Alten und Neuen Testament offenbart.

Sie gelten als brillanter spiritueller Denker, Philosoph und Zeitgeist. Ist es anstrengend für Sie immer den Erwartungen Ihrer Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner gerecht werden zu können? Ist es nicht manchmal mühsam oder anstrengend so intelligent wie Sie zu sein?

Intelligent zu sein, ist keine Anstrengung, sondern erspart manche Mühsal. Ich habe auch durch all die Jahrzehnte versucht, auf die Fragen, die an mich schriftlich oder mündlich gerichtet wurden, zu antworten. Aber ich gebe zu, dass das nicht immer zu schaffen ist. Je mehr Menschen in aller Welt meine Bücher gelesen haben, umso mehr bekomme ich meist begeisterte Zustimmung. Ich kann das dann oft nur ganz kurz verdanken.

Stört oder ärgert Sie das Etikett «Kirchenkritiker», das Ihnen anhaftet wie die angebrannte Milch an der Herdplatte?

Ja, dieses Attribut stört mich und manchmal stinkt es auch. Genau wie die angebrannte Milch. Kirchenkritiker ist ja kein Beruf, und ich bin erst zum Kirchenkritiker geworden durch die negativen Entwicklungen, die sich in der Kirche abgezeichnet haben. Aber meine Bücher auch über die Kirche sind konstruktiv und aufbauend und im übrigen reicht mein theologisches Interesse weit über die Kirche hinaus, wie es sich gerade im Projekt Weltethos zeigt.

1957 erschien im Johannes Verlag Einsiedeln Ihr Buch «Rechtfertigung – Die Lehre Karl Barths und eine katholische Besinnung – Mit einem Geleitbrief von Karl Barth». Wie kam es zu dieser Veröffentlichung in einem Einsiedler Verlag?

Hans Urs von Balthasar war damals ein Exponent der fortschrittlichen Theologie, und ich hatte schon von Rom aus Kontakt mit ihm aufgenommen, und er hat mich sehr gut beraten bezüglich meines Promotionsthemas. Er hat sich dann anerboten, meine Dissertation, die ihn erstaunt hat, in seinem eigenen Johannes Verlag zu publizieren und hat das auch fabelhaft gemacht. Durch den Johannes Verlag hatte ich natürlich auch Beziehungen zum Benziger Verlag, wo all diese Bücher gedruckt wurden. Und ich lernte sehr früh Dr. Oskar Bettschart kennen, der sich sehr für die neue Theologie einsetzte. Bei ihm habe ich die Serie «Theologische Meditationen», die sehr viele prominente Namen der Theologie umfasst, publiziert. Und vor allem hat sich Dr. Bettschart eingesetzt für die Publikation von «Unfehlbar? Eine Anfrage». Das war eine kühne Tat für einen katholischen Verleger, aber sie hat ihm ja auch einiges eingebracht.

Später erschienen Ihre Bücher im Benziger Verlag, der historisch gesehen aus der Druckerei des Klosters Einsiedeln hervorgegangen ist. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit und wieso wurde sie eingestellt, denn heute erscheinen Ihre Bücher im Piper Verlag?

Die Zusammenarbeit mit Benziger ist nie eigentlich eingestellt worden. Aber der Benziger Verlag hat sich finanziell nicht halten können und wurde schließlich in einen anderen Verlag aufgenommen. Ich habe mich natürlich schon sehr früh mit dem Buch »Christ sein« (1974) dem großen Publikumsverlag Piper zugewendet, der viel höhere Auflagen erzielte als die katholischen Verlage und mir vor allem volle Freiheit gab, das zu schreiben, was ich für richtig ansah.

Haben Sie Erinnerungen an Klosterbesuche in Einsiedeln?

Selbstverständlich. Ich war schon mit meinem Großvater verschiedentlich in Einsiedeln und erinnere mich an die Gnadenkapelle, aber auch an das Hotel »Drei Könige«, wo wir immer dasselbe Mittagessen hatten: Pastetli und Rüebli und Böhnli. Traurig war aber, dass meine Großmutter auf der Rückfahrt von einer Wallfahrt in Einsiedeln bei Nottwil am Sempachersee mit dem Auto ums Leben kam, was mich etwas vorsichtig machte in Bezug auf die Wunder, die angeblich im Zusammenhang mit Einsiedeln passieren sollten.

Haben Sie je eine Heilige Messe in der Gnadenkapelle vor der Schwarzen Muttergottes von Einsiedeln gelesen?

Nein, das nicht. Aber ich habe oft davor gebetet.

Sind Sie ein Wallfahrer, ein Pilger zu heiligen Orten?

Ich bin ein Pilger zu allen Orten dieser Welt, meistens im Zusammenhang mit Vorträgen und anderen Verpflichtungen. Ich freue mich immer, wenn ich an berühmte sakrale Orte komme. Und für die Filmserie «Spurensuche» haben wir an heiligen Stätten verschiedener Religionen wunderbare Aufnahmen gemacht.

Hatten Sie Kontakt mit Mönchen des Klosters Einsiedeln? Ich denke an Pater Magnus Löhrer, der als Mitherausgeber der ab 1965 erschienenen Reihe  «Mysterium Salutis» eine bedeutende theologische Arbeit geleistet hat und der im Buch «Fehlbar? – Eine Bilanz», das als Reaktion auf Ihre bekanntes Werk «Unfehlbar ? – Eine Anfrage» aus dem Jahre 1970 erschien, zusammen mit Franz Böckle, Hermann Häring, Walter Kasper und weiteren Autorinnen und Autoren einen Text verfasste?

Die große Bilanz «Fehlbar?» bestätigt die volle Berechtigung der Anfrage «Unfehlbar?». Mit Pater Magnus Löhrer hatte ich beste Beziehungen. Ich habe ihn geschätzt wegen seiner großen Kenntnisse und wegen seiner Wahrhaftigkeit. Er hat in seinen ganzen theologischen und editorischen Arbeiten stets versucht, die Wahrheit in Wahrhaftigkeit zu vertreten. Natürlich habe ich verschiedene Patres im Lauf der Jahre kennengelernt, bin aber besonders erfreut über den intensiven Kontakt, den ich mit Ihrem Abt Martin Werlen gefunden habe. Wenn alle Bischöfe sein Format hätten, wären wir in der Kirche besser dran.

«Mysterium Salutis» über das die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» nach Erscheinen schrieb «Mit ‹Mysterium Salutis› stellt sich eine Theologie vor, ohne die katholische Dogmatik in den nächsten Jahren und Jahrzehnten nicht betrieben werden kann…» wird heute eingestandenermassen selbst in der eigenen Theologischen Hauslehranstalt des Klosters Einsiedeln kaum mehr erwähnt. Die Halbwertzeit von theologischen Büchern scheint kurz zu sein, Rechnen Sie damit, dass Ihre Werke in dreissig Jahren noch gelesen werden?

Ich freue mich darüber, dass meine Dissertation «Rechtfertigung» (1957) nach 55 Jahren immer neu aufgelegt wird und sogar für mich immer noch ein bescheidenes Honorar abfällt. Auch der Großteil meiner übrigen Bücher wird ständig weiter aufgelegt und vermehrt in andere Sprachen übersetzt. So bekomme ich nach fast vierzig Jahren noch begeisterte Zuschriften etwa über das Buch «Christ sein». Und das Buch «Unfehlbar? – Eine Anfrage» will man jetzt als E-book neu herausgeben usw.

Ein Mönch des Klosters sagte mir offen, dass er sicher kein Buch von Ihnen lesen werde. Möchten Sie diesen Küng-Ignoranten an dieser Stelle vom möglichen Gewinn, der einem Leser bei der Lektüre Ihrer Bücher erwächst, überzeugen?

Nein, der gute Pater kann auch selig werden, ohne Küng-Bücher gelesen zu haben.

Sie sprachen vor der UNO-Vollversammlung in New York, am Weltwirtschaftforum in Davos, Ihre Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt, man bezeichnet Sie als Giganten des Glaubens, vergleicht Sie gar mit Luther und zweifellos sind Sie weltweit einer der bekanntesten Theologen. Sie sind das Musterbeispiel eines Erfolgsmenschen. In meinem letzten Interview fragte ich den TV-Moderator Nik Hartmann, ob Erfolg süchtig mache. Nach längerem Überlegen bejahte Hartmann. Ich möchte auch Sie fragen, ob Erfolg süchtig macht?

Jedermann hat gern Erfolg. Aber ich arbeite nicht für meine eigene Firma und nicht zur Steigerung meines Einkommens, sondern für eine Sache, die mir sehr am Herzen liegt. Insofern hätte ich gern, wenn man in Rom endlich auch die Reformforderungen, die ich für Millionen von Menschen vertrete, hören würde. Ich würde auch gern mehr Erfolg in der UNO und UNESCO sehen in Fragen der Völkerverständigung und des Friedens. Aber ich muss mich damit abfinden, dass andere über das entscheiden, was sich an meinen eigenen Ideen realisieren lässt.

Wie erklären Sie einem Menschen, der noch nie etwas von der Stiftung «Weltethos» gehört hat diese von Ihnen initiierte Institution in drei Sätzen?

Kein Friede unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen.
Kein Friede unter den Religionen ohne Dialog der Religionen.
Kein Dialog der Religionen ohne gemeinsame Werte und Maßstäbe.

Den Vorsitz der Stiftung «Weltethos» haben Sie an Horst Köhler, den ehemaligen Deutschen Bundespräsident, übergeben. Im Gegensatz zu Ihrem praktisch gleichaltrigen ehemaligen Kollegen und jetzigen Papst Benedikt scheinen Sie Ihre Tätigkeit zu reduzieren. Was haben Sie für Pläne und Hoffnungen für die Ihnen verbleibende Lebenszeit?

Ich bin froh, dass ich für die drei Stiftungen, die ich durch viele Jahre präsidiert habe, hervorragende Nachfolger gefunden habe: Altbundespräsident Prof. Dr. Horst Köhler für die Stiftung Weltethos Deutschland, Prof. Dr. Walter Kirchschläger als Präsident der Stiftung Weltethos Schweiz, Dr. Erwin Koller für die Herbert-Haag-Stiftung «Für Freiheit in der Kirche». Ich konzentriere mich nun ganz auf den dritten Band meiner Erinnerungen, der durch meine Lebensgeschichte ja auch einen schönen Teil Kirchen- und Gesellschaftsgeschichte umfasst. Sie sehen, ich arbeite so lange und soviel ich kann, aber ich weiß auch aufzuhören. Das Ende meiner Tage ist gekommen. Ich lebe in der Hoffnung auf ein anderes Leben.