Predigt zum Zweiten Fastensonntag – Dies Judaicus

01.03.2021

Predigt von Pater Lorenz Moser, die er am Zweiten Fastensonntag am 28. Februar 2021 gehalten hat:

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer

Bereits zum 10. Mal begehen wir heute den „Dies Judaicus“, den „Tag des Judentums“. 2011 ins Leben gerufen nimmt dieser Gedenktag einen Impuls des 2. Vatikanischen Konzils wieder auf, wo das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen, insbesondere auch zum Judentum grundlegend neu bestimmt worden ist: statt Ablehnung, ja oft gar verbitterte Feindschaft nun Respekt und Anerkennung.

Der jährlich am 2. Fastensonntag begangene „Dies Judaicus“ soll in uns diese neue Grundhaltung dem Judentum gegenüber wecken und bestärken, ein konkretes Umdenken, zu dem wir in der Fastenzeit ohnehin aufgerufen sind.

In den ersten Jahren war die Urgemeinde noch voll und ganz im Judentum verankert; als ein konkretes Beispiel sei an die Zahl der Apostel erinnert, die den zwölf Stämmen Israels entsprach und die durch die Wahl des Apostels Matthias ergänzt wurde, als Judas Iskariot ausgeschieden war. Später hat man dies dann nicht mehr getan.

Mit dem Wachsen der christlichen Gemeinde, vor allem mit der Aufnahme von „Heiden“ begann dann sehr bald eine schrittweise Ablösung von bisherigen Traditionen, ein nicht immer einfacher Prozess, mussten sich doch die Apostel von Inhalten trennen, die bisher zu ihrem Glaubensgut gehörten: so ist die Beschneidung keine Voraussetzung mehr, um Christ zu werden; es gibt kein Fleisch mehr, das zu essen verboten wäre, und die akribische Gesetzesfrömmigkeit hat schon Jesus relativiert und auf den eigentlichen Kern konzentriert, auf die Gottes- und Nächstenliebe. Schliesslich schieden sich die Wege zwischen Juden und Christen definitiv an der Gestalt Christi, und wie es in unserem menschlichen Leben immer wieder passiert, aus dem Nebeneinander wurde mehr und mehr ein Gegeneinander, ja eine religiös motivierte und begründete Feindschaft.

Doch die gemeinsamen Wurzeln sind geblieben, aber man hat sie mehr und mehr aus dem Auge verloren, obwohl sie einem im Neuen Testament auf Schritt und Tritt begegnen; vor allem das Matthäusevangelium wird nicht müde, Jesus und sein Wirken als die Erfüllung der Schrift zu deuten.

Diese Brücke zum Alten Testament wird auch im heutigen Evangelium sichtbar: Jesus wurde auf dem Berg verklärt, und da gesellten sich Elija und Mose zu ihm und redeten mit ihm. Vom Inhalt wird nichts gesagt, doch dass die drei sich gleichsam auf Augenhöhe begegnen, ist ein deutliches Zeichen dafür, dass es um eine gemeinsame Sache geht, dass die Sendung Jesu in engster Beziehung zu dem steht, wofür Mose und Elias stehen.

Elias und die Propheten: sie kündigten das Heil an, das Gott einst zu den Menschen bringen wird, die Heilszeit, die nun mit Jesus Christus angebrochen ist;

und Mose: unter seiner Führung ist das alttestamentliche Volk zum Volk Gottes herangewachsen, auserwählt und geführt durch Gott selber, jenes Volk, zu dem auch Jesus gehörte und mit ihm alle, die ihm später nachfolgen sollten – auch wir.

Was diese – im Auftrag Gottes – grundgelegt haben, ist der Grund und Boden, aus dem heraus Jesus Christus sein Wirken verstanden hat. Und so sind die Auserwählung des Volkes im Alten Testament und die vielfältigen Verheissungen der Propheten die Wurzel, aus der das Erlösungswerk Christi herausgewachsen ist.

Paulus drückt diesen Zusammenhang im Römerbrief mit einem anschaulichen Bild aus; er bezeichnet die Heidenchristen, also die nicht-jüdischen Christen, als Zweige vom wilden Ölbaum, die an Stelle der herausgebrochenen, also der Juden, die Jesus nicht gefolgt sind, eingepfropft worden sind. Sie wachsen auf dem Baum, auf dem ursprünglich auch die Juden gewachsen sind.

In und durch Jesus Christus leben wir von der Wurzel, die tief ins Alte Testament zurückreicht. Es ist dieselbe Wurzel, aus der auch die Juden leben.

Dieses Bewusstsein erinnert uns nicht nur an das, was wir mit den Juden gemeinsam haben, es könnte uns auch helfen, die Gefahr des Individualismus zu überwinden, dem wir heute in vielfältiger Weise ausgeliefert sind:

– meine persönliche Erlösung ist nicht einfach ein individuelles, vertikales Geschehen zwischen Gott und mir, sie ist die Erfüllung einer Verheissung, die uns allen durch unsere gemeinsame Vergangenheit geschenkt ist,

– und mein Heil ist nicht etwas rein Individuelles, sondern ich bin erlöst als Glied des Volkes Gottes, von Gott gerufen und berufen zusammen mit den vielen anderen, die auch zu diesem Volk gehören.

Wir sind nicht nur Brüder und Schwestern im Herrn, da wir zu Kindern des himmlischen Vaters geworden sind, wird sind nicht nur Glieder der Gemeinschaft der Christus-Gläubigen, wir gehören auch zum Volk Gottes, das Gott sich in der alten Geschichte der Juden erwählt hat, das er durch die ganze Geschichte begleitet hat, und das er heute noch begleitet. Amen.