Predigt zum Vierten Fastensonntag

14.03.2021

Am Vierten Fastensonntag, dem Laetare-Sonntag, 14. März 2021, hielt Pater Cyrill Bürgi folgende Predigt:

Liebe Mitchristen,

Den eben gelesenen Evangeliumstext (Joh 3,14-21) habe ich einmal im Advent in einem Gottesdienst mit unseren älteren Stifts­schülern verwendet. Dieser Text und meine Erläuterungen dazu kamen gar nicht gut an. Die Jugend­lichen haben den einen Satz, «Wer nicht glaubt, ist schon gerichtet», gehört und sind darin stecken geblieben. Offenbar haben sie sich betroffen gefühlt. Den Rest meiner Ausführungen konnten sie gar nicht mehr hören. Gewisse Jugendlichen äusserten sich danach in der Richtung, dass sie eigentlich von diesem Gottesdienst nichts anderes erwartet haben. Es sei eh immer dasselbe: Verbote, Gebote, Sünde, Gericht und Verdammnis. Die Kirche sei in der Ver­gangenheit festge­nagelt und unbeweglich. Sie wünschten eine Kirche, die mehr zuhört und nicht ständig die Welt verdammt. Sie wollen keine Kirche, die immer Krieg führt wegen zwei oder drei Themen, auf die sie fixiert ist (vgl. CV 35.41).

Ich hoffe, dass es Ihnen nun nicht genauso ergangen ist, und Sie bei einer Negativaussage des Evangeliums stecken geblieben sind und die Laetare-, die Freudenbotschaft gar nicht gehört haben.

Es ist nicht die Intention des Johannes, ein Gericht her­aufzubeschwören. Er pflegt in seinem ganzen Evangelium keine Vorstellung von einem Endgericht, das apokalyptisch über die Welt hereinbricht. Im Gegenteil erscheint das Ziel des Handelns Gottes die Teilhabe des Menschen am Leben Gottes. Im heutigen Evangelium kommt diese Intentions­richtung dreimal mit einem positiven «ἵνα – damit» vor: «damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat», «damit die Welt durch ihn gerettet wird», «damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern ewiges Leben hat».

Der Kirchenvater Irenäus von Lyon, gestorben um 200 n. Chr., spricht in diesem Zusammenhang von Theosis, Ver­göttlichung oder noch stärker von Vergottung. Es geht Johannes darum, dass wir in der Einheit mit Gott leben und dass wir in der Tat schon in Gottes Licht und Leben sind, weil wir Christus glauben.

Denn als Gott seinen Sohn hingab, hat er nicht einen Teil von sich gegeben, quasi als Stellvertreter, nein, er hat sich selbst in seinem Sohn gegeben und am Kreuz erhöht. Gott selbst hat am Kreuz gelitten. Wenn Christus am Kreuz erhöht wird, dann ereignet sich die Entäusserung Gottes, der Tod, aber auch die Aufweckung und die Vollendung in Herrlichkeit. Indem wir Christus glauben, werden wir in diesen Prozess der Entäusserung und der Erhöhung in seine Herrlichkeit hereingenommen. So können wir im Glauben mit Jesus am Kreuz sagen, «es ist vollbracht!» (Joh 19,30), und unseren Geist Gott übergeben. Gott hat sich uns gegeben, damit auch wir uns ihm geben.

Uff, das mag jetzt ein wenig zu hoch und zu theoretisch gewesen sein. Vielleicht geht es einfacher: Wenn wir glauben, sagen wir nicht einfach «Ja» zu etwas, das wir nicht wissen oder wissenschaftlich nicht beweisen können. Glauben bedeutet, sich auf eine Beziehung mit Gott einzulassen, das Risiko des Vertrauens zu wagen und Gottes Verheissungen zu glauben, allein aufgrund des Wortes Christi: «Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater ausser durch mich» (Joh 14,6). Glauben bedeutet, sich selbst hinzugeben, allein auf das Wort hin: «Ich bin mit dir!» (Gen 28,15).

In diesem Sinn fordert der Glaube die ganze Person. Es geht nicht darum, etwas für wahr zu halten oder nicht. Es geht hier um mein Leben als ganzes. Will ich ihm eine Richtung geben? Es geht hier um ein veritables Risiko, das ich eingehe. Eigentlich kann ich im Glauben nicht sagen: «Ja, ich probier’s mal und schaue, was kommt.» Das sagt schon unsere menschliche Erfahrung. Wenn ich bei der Hochzeit mit dieser passiven Haltung Ja zu meinem Partner sage, steht schon zu Beginn ein grosses Frage­zeichen über dieser Beziehung. Nur wer wirklich wagt, kann auch gewinnen. «Frisch gewagt, ist halb gewonnen», sagt man in einem Sprichwort. Wer das Risiko nicht wirklich eingeht und springt, wer den einen Fuss noch zurückbehält, hat schon von Vornherein ver­loren. In diesem Sinn dürfen wir auch den Stein des Anstosses im heutigen Evangelium verstehen: «Wer nicht glaubt, ist schon gerichtet». Wer das Risiko des Glaubens nicht auf sich nimmt, hat schon verloren. Johannes geht es nicht um die Verurteilung sogenannter «Ungläubiger». Es geht ihn um den Ansporn, jener, die sich auf Christus eingelassen haben, aber irgend­wie noch alte Sicherheiten suchen. Weil Gott sich selbst aus Liebe ganz hingegeben hat, dürfen auch wir diesen Sprung in die Entäusserung wagen, denn darin werden wir das Leben finden. Diesem Risikosprung des Glaubens ist schon Ewiges Leben, das heisst Leben mit Gott, verheissen.

In seinem Schreiben an die jungen Menschen «CHRISTUS VIVIT» stellt Papst Franziskus Maria als Vorbild im Glauben hin: «Sie ist das grosse Vorbild für eine junge Kirche, die Christus mit Frische und Fügsamkeit nach­folgen will. Als sie noch sehr jung war, erhielt sie die Botschaft des Engels und unterliess es nicht, Fragen zu stellen (vgl. Lk 1,34). Doch sie hatte eine bereitwillige Seele und sagte: «Siehe, ich bin die Magd des Herrn» (Lk 1,38).

«Noch immer beeindruckt die Kraft des «Ja» der jungen Maria. Die Kraft jenes «Mir geschehe», das sie zu dem Engel sagte. Dies war keine passive oder resignierte Einwilligung. Es war etwas Anderes als ein «Ja», im Sinne eines «Gut, schauen wir mal, was passiert». Maria kannte diesen Ausdruck nicht: «Schauen wir mal, was passiert.» Sie war entschlossen, sie hat verstanden, worum es ging, und sagte «Ja», ohne Umschweife. Es war mehr, es war etwas Anderes. Es war das «Ja» eines Menschen, der sich einbringen und Risiken eingehen will und alles auf eine Karte setzen will, mit keiner anderen Garantie als der Gewissheit, Trägerin einer Verheissung zu sein. Und ich frage einen jeden von euch: Fühlt ihr euch als Träger einer Verheissung? Welche Verheissung trage ich im Herzen, für die ich mich einsetzen muss? Maria würde zweifelsohne eine schwierige Mission haben, aber die Schwierigkeiten waren kein Grund, «Nein» zu sagen. Es war klar, dass es Komplikationen geben würde, aber es wären nicht dieselben Komplikationen gewesen, die auftreten, wenn die Feigheit uns lähmt, weil wir nicht im Voraus schon alles geklärt oder abgesichert haben. Maria hat keine Lebens­versicherung abgeschlossen! Maria ging das Risiko ein und deswegen war sie stark, deswegen ist sie eine Influencerin, ist sie die Influencerin Gottes! Das «Ja» und der Wunsch zu dienen, waren stärker als die Zweifel und Schwierigkeiten» (CV 43-44).

Es geht nicht darum, dass wir Super-Glaubende sind. Es geht aber darum, dass wir einen Glaubensschritt, wie klein er auch sein mag, wagen und nicht schon zum Vornherein abwinken, denn dann haben wir tatsächlich schon verloren.

Gerade der Laetare-Sonntag will uns sagen, dass wir das Ewige Leben schon haben, weil wir auf dem Weg des Glaubens sind. Auch wenn unser Schritt, unser Risiko, unser Glaubensmut noch nicht so gross sein mag, wie der von Maria, wir sind trotzdem schon Trägerinnen und Träger einer Verheissung. Der Glaube mag minimal sein. Ja, vielleicht nur gerade so gross, das es zu einer Empörung reicht – einer Empörung gegen falsche Akzente in der Verkündigung der eigentlich frohmachenden Botschaft.

Die Empörung der jungen Stiftsschüler mag gerechtfertigt gewesen sein. Denn sie haben wirklich verstanden: Es darf in der Verkündigung nicht um Gericht und Verdammnis gehen. Der Akzent liegt auf der Verheissung, dass jeder, der den Sprung des Glaubens wagt, und mag dieser noch so klein sein, schon jetzt Ewiges Leben hat.