Der Tempel von Jerusalem, wie er wohl zur Zeit Jesu ausgesehen hat.
Der Tempel von Jerusalem, wie er wohl zur Zeit Jesu ausgesehen hat.

Predigt zum Dritten Fastensonntag

07.03.2021

Am Dritten Fastensonntag, 7. März 2021, hielt Pater Theo Flury folgende Predigt:

Liebe Brüder und Schwestern

Als Jesu Verwandte einmal von dessen Wirken als Heiler und Austreiber von Dämonen hörten, dachten sie, er wäre von Sinnen, er hätte den Verstand verloren, und wollten ihn festnehmen. So ist es bei Mk 3, 21 überliefert.

Auch wir treffen heute auf ein Evangelium, das nicht nur die Zeitgenossen Jesu, sondern auch uns verstören mag: dieser Jähzorn, dieses impulsive Verhalten Menschen gegenüber, die mit dem Handel von Opfertieren im Tempel wohl guten Glaubens ihr tägliches Brot verdienten! “Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!”

Der Tempel war der Ort, wo Gott Tier – und Weihrauchopfer dargebracht wurden, die einen zur Sühne der Sünden, die andern zum Lob Gottes. Auch Joseph und Maria brachten für den neugeborenen Jesus zwei Turteltauben dar, sie folgten treu der Tradition ihrer Religion. Bereits im Alten Testament finden wir aber eine Kritik der offenbar zwiespältigen Tieropfer. So lesen wir in Psalm 50 folgende Verse: “Höre, mein Volk, ich rede. Israel, ich klage dich an. Nicht wegen deiner Opfer rüge ich dich, deine Brandopfer sind mir immer vor Augen. Doch nehme ich von dir Stiere nicht an, noch Böcke aus deinen Hürden. Denn mir gehört alles Getier des Waldes, das Wild auf den Bergen zu Tausenden.” Der Mensch kann Gott nichts darbringen, das ihm ja bereits gehört.

Ob Jesus seinen Zeitgenossen diese Tatsache in Erinnerung rufen wollte – oder hatte sich am Ende etwa ein leichtfertiger Umgang mit dem Heiligen eingeschlichen? Hatte man den Glauben der einfachen Leute benutzt, um sich selbst zu bereichern und insgeheim über diese Menschen zu lachen? Wir können es nicht mit Sicherheit sagen.

Die Pharisäer und Schriftgelehrten fragten Jesus, mit welcher Autorität er sein rabiates Handeln rechtfertigen würde, er möge ihnen ein Zeichen dafür geben. Darauf antwortete Jesus, sie möchten den Tempel doch abreissen, er würde ihn in drei Tagen wieder aufbauen. Das sei das Zeichen seiner Vollmacht. Damit hatte Jesus aber nicht den Tempel aus Stein gemeint, sondern seinen Leib, der am Karfreitag gekreuzigt und an Ostern verklärt auferweckt worden war. So zumindest wird Jesu Antwort vom Evangelisten Johannes interpretiert.

Interessant: Das Bild des Tempels, der Opferstätte, überträgt, nach dem Johannesevangelium, Jesus auf sich selbst. Er selbst ist der neue Tempel, das neue Opfer und der neue Hohepriester in einem. Diese Deutung Jesu kennzeichnet auch in besonderer Weise den Hebräerbrief, eine der späteren Schriften, die in die vielgestaltige und vielfarbige Büchersammlung des Neuen Testaments aufgenommen worden sind.

Ich möchte jetzt versuchen, der Frage nachzugehen, was denn eigentlich ein Opfer sei, ein Begriff, der gerade in unseren gottesdienstlichen Texten doch recht häufig anzutreffen ist, aber kaum mehr erklärt wird. Sacrificium bedeutet sacrum facere, etwas heilig, heil machen. Ist das denn nicht aktuell? Ein Blick in die weite Welt überzeugt uns unmittelbar, dass mit dem Menschen etwas nicht stimmt. Die Theologie spricht in diesem Zusammenhang von der Erbsünde, die den Menschen nicht nur in sich und in den Beziehungen zu anderen und zur Welt verstört, sondern auch die Beziehung zu Gott tiefgreifend verletzt hat. Wie nur kann der so in sich gekrümmte Mensch wieder heil und beziehungsfähig werden, beziehungsfähig auch im Hinblick auf Gott? Wie kann er leben? Wie kann sein Leben gelingen? Gott hätte einfach alle Hindernisse aus dem Weg räumen können mit dem Wort: «Keine Sorge – alles ist wieder gut, ich richte das schon wieder; mach dir nichts draus.» Oder: «Streng dich bloss ein bisschen mehr an, dann schaffst du das.» Beides hat er offensichtlich nicht gesagt. Gottes Plan war ein völlig anderer. Ein möglicher Blick auf Karfreitag und Ostern, auf die wir uns zu bewegen, ist folgender: Die in der Sünde wirkende Bosheit brachte Jesus, den Gottmenschen, ans Kreuz in der Hoffnung, dadurch in ihm Gott zu besiegen und den Menschen endgültig zu zerstören. Nach dem Evangelisten Johannes geschah dies zur Stunde, in der im Tempel von Jerusalem die Osterlämmer für das Paschafest bereitet wurden. So wird in der johanneischen Interpretation des Kreuzes eine deutliche Kontinuität zur alttestamentlichen Opferpraxis sichtbar – allerdings mit einem völlig neuen Inhalt und in einer völlig neuen Gestalt: Am Kreuz wurde durch Jesus die durch Schuld, Schmerz und Leid gebrochene menschliche Natur Gott dargebracht, um sie wieder heil und heilig werden zu lassen. Das Böse, das Adam zu Fall und Jesus ans Kreuz gebracht hatte, hatte diese Möglichkeit offenbar nicht in Betracht gezogen: Jesus sollte nicht ein sacrificium, sondern eine victima, ein Besiegter und am Boden Zerstörter sein. So hat Gott das Böse überlistet und mit dessen eigenen Waffen geschlagen. Dieses neue und endgültige Opfergeschehen ist, übrigens, ein wichtiges Merkmal jeder Eucharistiefeier, wenn bei den Einsetzungsworten gesagt wird: “Dies ist mein Leib, der für euch hingegeben wird – dies ist mein Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden.”

Der heilige Paulus spricht aber noch von einem dritten Tempel, dem Tempel unseres Leibes in 1 Kor 6,19.: “Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst, denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!” Der teure Preis, um den wir losgekauft worden sind, sind Tod und Auferstehung Jesu, sind das Geschehen rund um den zweiten Tempel. Unser ganzes Leben soll ein durch den Heiligen Geist inspiriertes Opfer werden: ein Leben voll des Lobes und der Hingabe an Gott und den Nächsten.

Amen.