Das von Abt Urban in seiner Predigt betrachtete Relief im Unteren Chor. Geschaffen von einem unbekannten Künstler aus Norditalien.
Das von Abt Urban in seiner Predigt betrachtete Relief im Unteren Chor. Geschaffen von einem unbekannten Künstler aus Norditalien.

Predigt von Abt Urban zum Fest Darstellung des Herrn 2021

03.02.2021

Am Fest Darstellung des Herrn, das wir am 2. Februar 2021 feierten, hielt Abt Urban folgende Predigt über das Festtagsevangelium aus dem 2. Kapitel des Lukasevangeliums:

Liebe Schwestern und Brüder

Woran können Sie sich erinnern, wenn Sie an das Evangelium denken, das eben verkündigt wurde? Vielleicht hatten Sie ja noch so den Kopf voll von der Arbeit oder von einem Problem, dass Sie gar nicht zuhören konnten. Dann überlegen Sie sich, woran Sie nun gerade gedacht haben. Diese Sache, oder diesen Menschen haben Sie mit in den Gottesdienst gebracht. Es wäre schade, wenn Sie Ihr Anliegen jetzt nicht mit Gott in Verbindung bringen würden.

Für andere wiederhole ich meine Frage: Was blieb bei Ihnen vom heutigen Evangelium hängen? Das Ziel ist nicht, die ganze Geschichte wortgetreu wiedergeben zu können. Vielmehr hat Sie vielleicht eine Szene, vielleicht nur ein Satz oder ein Wort getroffen. Dann sollten auch Sie dieses Wort weiter in diesen Gottesdienst hineinnehmen.

Wenn Künstler sich mit einer Bibelszene auseinandersetzen, können wir ebenfalls sehen oder hören, was bei diesen von einer biblischen Geschichte hängengeblieben ist. Eine grosse Darstellung des heutigen Festes gibt es im Chor unserer Klosterkirche; die Mitfeiernden zu Hause können dieses Relief in Kupferfassung nun sehen. Den hier Anwesenden empfehle ich, es sich nachher im Livestream ebenfalls anzuschauen. Auf den ersten Blick bekomme ich das Gefühl, der unbekannte Künstler aus Bergamo hätte die ganze Geschichte festgehalten: Maria hat eben dem greisen Simeon das Kind in seine Arme gegen, Josef steht vor den Opfergaben der beiden Tauben und hinter diesen uns bekannten Personen zeigt das Tempelpersonal an, dass wir uns im Tempel von Jerusalem befinden. Als ich das Bild länger betrachtete, musste ich Folgendes feststellen: Der hl. Josef ist ganz mit den Opfergaben beschäftigt und spricht darüber mit einem Tempeldiener. Mehr bekommt er nicht mit. Ein Priester und ein anderer Tempeldiener im Hintergrund scheinen gar nicht zu bemerken, was hier gerade geschieht und repräsentieren das emsige Treiben, das damals im Tempel herrschte. Und eine Person ganz rechts im Bild will nur gerade wissen, welches Opfer er auf seiner Tafel verzeichnen kann. Dafür schaut er über Maria und Simeon hinweg zu Josef. Was im Mittelpunkt des Bildes steht, also das, was dem Künstler wichtig war, ist eine Szene voller Intimität: Während Maria zurückhaltend froh ihren Sohn in die Arme Simeons gegeben hat, lacht dieser Jesus den alten Mann herzlich an und krault seinen Bart. Dieses Lachen ist wirklich süss! Was nur will uns dieser Künstler damit zeigen?

Ich habe das Gefühl, der Künstler unseres Bildes wolle unterscheiden zwischen dem, was gemacht werden sollte, weil es das göttliche Gesetz vorgibt, und einer Gottesbegegnung, die wir nicht machen, sondern uns nur schenken lassen können. Ja, beim heutigen Fest geht es nicht nur um ein Opfer im Tempel, nicht nur um eine Begegnung zwischen den Generationen: dem Kleinkind und dem alten Mann (und übrigens auch mit einer alten Frau, denn nach dieser Szene tritt noch die Prophetin Hanna auf). Es geht hier um eine Gottesbegegnung. Wer das begreift, sieht plötzlich die Dramatik in unserem Bild: Ein Zelt wir über dem Kind und Simeon aufgebaut, das Allerheiligste des Tempels, in dem früher die Steintafeln, die 10 Gebote Gottes aufbewahrt wurden. Nun ist die Mitte dieses Zeltes leer, da sind keine Gebote. Ob der Mann auf der rechten Seite gar eine solche Tafel hält? Nicht mehr das Gesetz ist das Zentrum des Zeltes, sondern Jesus ist nun im Mittelpunkt des Allerheiligsten und über dem Zelt erscheint eine hebräische Schrift, umgeben von Engeln: der Gottesname, der übersetzt heisst: «Ich bin da». Diese Schrift zeigt uns also: In diesem Kind ist Gott da. Haben wir an Weihnachten noch gesungen: «Gottes Sohn, o wie lacht / Lieb aus deinem göttlichen Mund», so steht nun 40 Tage später am heutigen Fest nicht die Menschwerdung Gottes im Vordergrund, der einen Mund hat, aus dem die Liebe uns entgegenlacht, sondern der Glaube, dass dieser Jesus wirklich Gottes Sohn ist und in ihm Gott nun in Liebe seinem Volk begegnet, das auf ihn wartet. Von Simeon heisst es im Evangelium: «Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe.» Jesus wurde im Lukasevangelium vorher erst einmal «Christus» – «Messias» genannt und zwar von den Engeln den Hirten gegenüber: «Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr.» Nun darf ein alter Mensch, den seine Sehnsucht im Hl. Geist zum Tempel geführt hat, in Liebe diesen Christus in seine Arme nehmen und so in seine letzte Lebensphase gehen.

Meine Lieben, ich möchte diesem Bild nun nicht länger meine Interpretation aufzwängen. Wichtig bei dieser Bildbetrachtung ist mir, was der Künstler vom heutigen Fest festhalten wollte: Zwar erfüllen Maria und Josef ein religiöses Gesetz ihrer Zeit. Doch da wird uns in ihrem Tun eine Begegnung mit Gott geschenkt und zwar in der Zärtlichkeit des Sohnes Gottes. So wie Simeon seine ganze Sehnsucht in diese Gottesbegegnung brachte, um in Frieden sterben zu können, dürfen wir das hineinlegen, was wir dabei haben: unsere Sorgen, unsere Arbeit, das Wort oder der Satz, der uns hängengeblieben ist. Offenbar will uns Gott genau dabei antreffen, wenn wir offen für die Begegnung mit ihm sind. Wer sich auf Jesus Christus einlässt, hat damit nicht einfach alle Probleme weg. Manchmal ist eine Gottesbegegnung eher so, wie es die Lesung aus dem Buch Maleachi uns zuruft: Gott ist wie Feuer, das reinigt. Die Begegnung mit dem lebendigen Gott ist oft eine Herausforderung. Aber eben auch eine Zusage: «Ich bin da» – in allem, was Dich ausmacht. Amen.