Predigt vom Ersten Fastensonntag

21.02.2021

Am Ersten Fastensonntag, 21. Februar, hielt Pater Cyrill Bürgi folgende Predigt über das Evangelium vom Ersten Fastensonntag:

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn

Markus beginnt seinen Evangeliumsbericht mit einem Dreier­schritt. Die Taufe durch Johannes am Jordan ist der erste Schritt. Dort wird Jesus als der «geliebte Sohn» Gottes vor­gestellt. Das ist die hohe Berufung und Erwählung, die im zweiten Schritt in der Wüste und bei den wilden Tieren auf die Probe gestellt wird. Durch diese Bewährung ist Jesus nun für den dritten Schritt gestärkt, nämlich für die Verkündigung der Nähe des Reiches Gottes und dem Ruf zur Umkehr und zum Glauben an die Frohbotschaft.

Jesus selbst erfährt an sich, was er nachher verkündet. Zuerst die geistig-göttliche Berufung am Jordan, dann aber der Schock der Gefangen­nahme des Johannes des Täufers, die ihm genauso blühen könnte, und die Wüstenerfahrung und daraus die bewusste Hinkehr zu Gott. Durch die Bewährung in dieser Situation hat er sich den Glauben an die Nähe des Reiches Gottes errungen. Im Kampf gegen die Versuchungen hat er sich ganz Gott anheimgestellt. Jesus hat selbst durch­gerungen, was er verkündet hat. Er hat erfahren, Gott ist nahe in aller Bewährungs­probe. Dies ist ausgedrückt in den Engeln, die ihm in der Wüste dienten.

Diesen Dreierschritt (Erwählung – Bewährung – gereifte Zeugnis) sehe ich im Leben jeder Christin und jedes Christen vor sich gehen. Wir erfahren zu Beginn unseres Christseins eine geistig-göttliche Erwählung in der Taufe. In der frühen Christenheit nannte man den Empfang der Taufe die «Erleuchtung». Wir dürfen uns als geliebte Töchter und Söhne Gottes verstehen, die durch den Heiligen Geist befähigt und bevollmächtigt in seinem Namen wirken. Die Auferstehung und das neue Leben in Gott ist unsere Identität. Diese göttliche Erwählung muss sich nun in der Wüste des Alltags bewähren. «Die eigene Familie oder der eigene Arbeits­platz können diese trockene Umgebung sein, in der man den Glauben bewahren und versuchen muss, ihn auszu­strahlen» (Evangelii Gaudium 86). Doch gerade die Er­fah­rung der Wüste kann uns hinführen zum Wesentlichen. Man entdeckt den Wert dessen, was zum Leben wesentlich ist.

So ist die Wiederentdeckung unserer Gotteserwählung der dritte Schritt, der sich im Zeugnis für die Nähe Gottes und im Glauben an das Evangelium äussert. Das griechische Wort «μετανοεῖτε» – «kehrt um» meint im wörtlichen Sinn: «Denkt nach, denkt neu, denkt dahinter!» Der dritte Schritt will uns immer aufmerksam machen auf den ersten Schritt, die Erleuchtung und Erwählung, die wir so leicht in der Bewäh­rungsphase vergessen. Letztlich sagt der Ruf zur Umkehr und zum Glauben ans Evangelium nur, dass wir uns an unsere geistig-göttliche Wirklichkeit erinnern und ihr glauben sollen. Das ist die Frohbotschaft. Gottes Nähe, Gottes Wirklichkeit, Gottes Erwählung ist schon geschehen. Sie ist schon da. Die Gotteszeit ist schon erfüllt.

Interessant ist, dass Markus im Gegensatz zu Matthäus und Lukas nichts zum Inhalt der Versuchungen Jesu sagt. Die Bewährungsprobe wird nur angedeutet mit dem langen Aufenthalt in der Wüste und bei wilden Tieren und durch die Auslieferung des Johannes.

Wenn wir landläufig von Versuchungen sprechen, dann meinen wir die offensichtlichsten, die sexuellen und die zuckersüssen Versuchungen. Jesus hatte Versuchungen dieser Art wahrscheinlich auch gehabt, aber wie Matthäus und Lukas zeigen, waren seine Versuchungen viel subtiler – es ging um Macht, Ansehen und Unabhängigkeit.

Papst Franziskus spricht auffällig viel in seinen Ansprachen und Dokumenten von Versuchungen. Es scheint mir fast, dass er selbst solche durchlebt hat, sonst könnte er sie nicht so gut benennen.

Er spricht von den Versuchungen, die jene erleben, die in der Verkündigung tätig sind. «Enttäuscht von der Wirklichkeit, von der Kirche oder von sich selbst, leben sie in der ständigen Versuchung, sich an eine hoffnungslose, süssliche, Traurigkeit zu klammern, die sich des Herzens bemächtigt» (EG 83). «Eine der ernsthaftesten Versuchungen, die den Eifer und den Wagemut ersticken, ist das Gefühl der Niederlage» (EG 85). «Viele entwickeln eine Art Minderwertigkeits­komplex, der sie dazu führt, ihre christliche Identität und ihre Überzeugungen zu relativieren oder zu verbergen» (EG 79).

«Wenn man versucht, auf den Herrn zu hören, ist es normal, Versuchungen zu haben» (EG 153), sagt Papst Franziskus. So ruft er die jungen Menschen auf, das «Alte» hinter sich zu lassen. «Bitten wir den Herrn, er möge die Kirche von denen befreien, die sie alt machen, sie auf die Vergangenheit fest­nageln, bremsen und unbeweglich machen wollen. Bitten wir auch, dass er die Kirche von einer anderen Versuchung befreie: zu glauben, dass sie jung ist, wenn sie auf alles eingeht, was die Welt ihr anbietet; zu glauben, dass sie sich erneuert, wenn sie ihre Botschaft verbirgt und sich den anderen anpasst. Nein. Sie ist jung, wenn sie sie selbst ist und wenn sie die immer neue Kraft des Wortes Gottes, der Eucharistie, der Gegenwart Christi und der Kraft seines Geistes jeden Tag empfängt. Sie ist jung, wenn sie fähig ist, immer wieder zu ihrer Quelle zurückzukehren» (Christus vivit 35).

In der Sprache des Markusevangeliums könnten wir sagen: «μετανοεῖτε – denkt dahinter!» Denkt an den Ursprung, an die Quelle, an die geistliche Wirklichkeit dahinter. Diese ist schon da, schon erfüllt. Wir dürfen sie je neu als Frohe Botschaft zu eigen nehmen.

Wir Christen in der westlichen Hemisphäre sind in der Wüste stecken geblieben. Wir haben vergessen, dahinter zu denken und unsere göttliche Erwählung je neu zu entdecken. Wir selber glauben kaum mehr daran, dass wir der Welt Grosses zu bieten haben. Wir haben uns einschüchtern lassen von den vielen Negativ­beispielen und schweigen lieber, obwohl wir eigentlich überzeugt sind, dass der Mensch in Beziehung mit Gott Frieden und Glück finden kann. Wir isolieren uns, und outen uns im Alltag nicht als glaubende oder betende Menschen. Wir nehmen eine religiös defensive Verhaltensweise an, obwohl «Salz der Erde» und «Licht der Welt» die Umgebung eigentlich sehr aktiv beeinflussten. Wir sind enttäuscht von den kirchlichen Würdenträgern und warten auf bessere Bedingungen oder kommentieren aus sicherer Entfernung das kirchliche Geschehen und unter­halten uns eitel über das, was man tun müsste. Wir pflegen unsere grenzenlose Fantasie und verlieren den Kontakt zu der durchlittenen Wirklichkeit vieler gläubigen Menschen, die täglich ihr Kreuz tragen durch das Chaos in der Kirche und Welt (vgl. EG 96). Wir haben die Kraft des Kreuzes ver­gessen und die Hoffnung verloren, dass daraus Leben entsteht – täglich neu. Wir haben ein resignatives Gefühl ent­wickelt und schütteln hilflos die Schultern: «Gott wird es schon wieder einmal richten». Aus einem Gefühl der Minderwertig­keit entsteht keine Hoffnung und keine Zuversicht, damit auch keine Freude und keine Anziehungskraft.

Das sind unsere Versuchungen der gegenwärtigen Zeit. Wenn wir den Ruf des Evangeliums ernstnehmen: «μετανοεῖτε» – «Denkt nach, denkt dahinter!», werden wir in dieser Bewährungsphase ein gereiftes Zeugnis von der Frohbotschaft, dass Gott uns als seine geliebten Kinder erwählt hat, geben können. Wir müssen verstehen lernen, dass der Geist uns in diese Wüste getrieben hat, damit wir unsere Erwählung, unsere Erleuchtung, unsere göttliche Wirklichkeit neu entdecken. So trifft uns der Ruf Jesu heute direkt ins Herz: «Denkt nach, denkt dahinter und glaubt an die Frohbotschaft, die euch gegeben ist.»