Das neue Reliquiar des heiligen Meinrad, welches im Rahmen des Gottesdienstes von Abt Urban gesegnet wurde.
Das neue Reliquiar des heiligen Meinrad, welches im Rahmen des Gottesdienstes von Abt Urban gesegnet wurde.

Predigt zum Hochfest des hl. Meinrad am 21. Januar 2021

21.01.2021

Hier die Predigt von unserem Dekan, Pater Daniel Emmenegger, zum Hochfest des heiligen Meinrad (ein Rückblick in Text und Bild folgt):

Schwestern und Brüder

Das Martyrium des heiligen Meinrad wird in jüngerer Zeit gerne als ein Martyrium der Nächstenliebe bezeichnet. Vielleicht dürfen wir es auch ein Martyrium des Empfangens nennen. Die Vita – also die Lebensbeschreibung des heiligen Meinrad – hält fest, dass Meinrad zwei Männer empfing, obwohl er wusste, dass sie gekommen waren, um ihn auszurauben und schliesslich zu töten. Es wird uns ein Heiliger vor Augen gestellt, der bis auf die Knochen auf «Empfang» war.

Solch furchtloser Empfang von Menschen ist konkrete, leibhafte Antwort des Menschen auf den Empfang von etwas unendlich Grossem, in Worte nicht zu Fassendem: Der Gottesliebe. Wo solche erfahren oder eben: empfangen wird, öffnet sie beim Menschen Herzen und in der Folge auch die Türen. Für den Christen hat diese Gottesliebe ein Gesicht: Jesus Christus. Es ist das Gesicht des Menschen, in dem und durch den Gott selber sich ausspricht und uns hinfälligen und schwachen Geschöpfen sein unwiderrufliches JA zuspricht – völlig unerwartet, nicht zu berechnen, von nirgendwo her abzuleiten, von keiner rein menschlichen Erfahrung heraus zu «verstehen», nicht in etwas in der Welt «Schon-Bekanntes» einzuordnen.

Diese Erfahrung in Christus, dass Gott dem Menschen auf völlig unerwartete Weise nahe gekommen ist und jederzeit nahekommt, kann den Menschen die Antennen der Sehnsucht ausfahren lassen, ihn auf «Empfang» stellen. Wo dies geschieht, wird der Mensch immer und überall mit dem Kommen Gottes, mit dem Einbruch des göttlichen Lebens in Welt und Zeit und in das Leben von Menschen rechnen. Einem solchen Menschen wird die Welt weit und die Zeit voll – ohne die weite Welt bereisen und die geschenkte Lebenszeit aktivistisch füllen zu müssen. Ein solcher Mensch weiss, was die Menschen in der Tiefe bewegt – ohne täglich, ja stündlich oder gar im Minutentakt durch verschiedene Medienkanäle erfahren zu müssen, was die Menschen an der Oberfläche der Welt umhertreibt.

Schauen wir nochmals auf den heiligen Meinrad: Er ist auf «Empfang». Die empfangene Gottesliebe öffnet ihm das Herz und in der Folge seine Zellentür zum Empfang von Menschen, selbst auf die Gefahr hin, dass sie ihm den Tod bringen. Er kann im Sinne der vorgetragenen Lesung sein Herz nicht vor dem Bruder verschliessen, da die Gottesliebe in ihm ist. Er kann es auch dann nicht, wenn dieser Bruder ein Räuber und Mörder ist. Sein von der Gottesliebe durchtränkte Blick sieht denn auch weniger einen potenziellen Räuber oder Mörder, sondern einen Menschen in Not, wobei der von der Gottesliebe ganz auf Empfang gestellte Mensch eben tiefer sieht und die eigentliche Not darin erkennt, dass dieser Mensch keinen «Empfang» hat! Er ist tot, auch wenn er lebt. – Einem Menschen, der lebt, auch wenn er stirbt, muss es angesichts solcher Not das Herz in der Brust zusammenziehen. Er muss die Tür öffnen und den Menschen empfangen. Die Liebe drängt ihn und lässt ihn nicht um das eigene Leben fürchten. Warum auch? – Er weiss ja, dass der Gott des Lebens für sein Leben bürgt, ja dass Gott dieses Leben in Christus schon längst aus dem Abgrund des Todes heraufgeholt hat.

Wenn der Mensch etwas fürchten muss, dann dies, dass er keinen «Empfang» hat. Ja, dass er angesichts der unerwarteten und nicht kalkulierbaren Nähe Gottes in Christus verstört wird, daran Ärgernis nimmt und in der Folge die «Antennen» einfährt, den «Empfang» abschaltet. Dann ist er tot, auch wenn er lebt. Ohne Sehnsucht, ist er vielleicht noch ein findiges Tier, das die Welt und die Menschen um sich herum nutzt, um die vielfältigen Begierden, die ein totes Leben an der Oberfläche mit sich bringt, den Namen «Sehnsucht» aber nicht verdienen, zu befriedigen. Oder aber, er entwickelt sich zu einem Untertanen der von ihm selbst oder anderen geschaffenen Algorithmen.[1] So oder so: Ein Mensch ohne Empfang bedeutet das Ende einer menschlichen Existenz; bedeutet die Selbstaufgabe des freien Menschen.

Diese wenigen Gedanken lassen unweigerlich die Frage aufkommen, wie es denn um unseren Empfang steht. Wir, die wir uns Christen, gar Nonnen und Mönche nennen, sind vor der Gefahr, die Antennen einzufahren, keineswegs gefeit! Lassen wir uns heute vom Zeugnis des heiligen Meinrad inspirieren! Er wird uns als ein Mensch vor Augen gestellt, der durch und durch auf «Empfang» eingestellt war, mit all seinen Kräften, auch den sinnlichen und leiblichen – ja, bis auf die Knochen! Einige davon bewahren wir als Reliquien in Ehrfurcht auf. Ein besonderer Ausdruck dieser Ehrfurcht ist ein neuer Reliquienschrein beim Altar des heiligen Meinrad. Er weist hin auf die Reliquie, die uns ein Kompass für unseren eigenen Weg sein will, auf dass wir unsere Antennen ausfahren und auf «Empfang» schalten.[2] Gehen Sie hin, und bitten Sie den heiligen Meinrad um seine Fürsprache!

Amen.

[1] Vgl. zu diesem Abschnitt: Karl Rahner, Warum bin ich ein Christ?, in: GS 29, S. 6

[2] Vgl. dazu: Hans Urs von Balthasar, Katholisch, S. 80.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden