Pieter Lastman (1583–1633), “Jonas und der Wal”
Pieter Lastman (1583–1633), “Jonas und der Wal”

Predigt von Pater Lukas zum 3. Sonntag im Jahreskreis

25.01.2021

Am Sonntag, 24. Januar 2021, hielt Pater Lukas Helg folgende Predigt über die erste Lesung aus dem Buch Jona:

Liebe Mitchristen hier in der kalten Kirche und bei Ihnen zu Hause am Bildschirm in der warmen Stube!

Wissen Sie, welches das witzigste Buch des Alten Testamentes ist?  Das Buch Jona, aus dem heute die erste Lesung vorgetragen wurde.  Allerdings merkt man dem vorgelesen Abschnitt den Witz überhaupt nicht mehr an. Ja, wer den Inhalt eines der kürzesten Schriften des Alten Testamentes nicht kennt, der erfährt nicht einmal in groben Umrissen den grösseren Zusammenhang. Er muss der Meinung sein: Jona wird nach Ninive gesandt, predigt, und Ninive bekehrt sich. Die Sache ist viel dramatischer, als es der heutige Abschnitt vortäuscht. Der Jude Jona ist über Gottes Auftrag ganz ausser sich. „Nach Ninive soll ich gehen, in diese sittlich total verkommene Stadt? In die Hauptstadt unseres Erzfeindes Assyrien?  Nein, mach ich nicht. Herrgott! Such Dir einen Anderen.“ Und Jona flieht in die Gegenrichtung, gerät in einen Seesturm, wird von der Besatzung ins Meer geworfen. Gott holt ihn mit dem Walfisch-Taxi zurück und schickt ihn ein zweites Mal nach Ninive. Hier setzt unsere heutige Lesung ein. Jetzt geht Jona hin und hält seine Predigt, die kürzeste Predigt, die wohl je gehalten worden ist. Sie besteht nämlich nur aus einem einzigen Satz mit 7 Wörten: „Noch 40 Tage und Ninive ist zerstört. Amen.“ – Mit einem einzigen Satz eine ganze Stadt bekehren, das ist ein sensationeller Erfolg, davon kann ich armseliger Prediger mit sowieso viel zu langen Predigten nur träumen! Aber Jona freut sich überhaupt nicht über seinen Erfolg. Er hat im Gegenteil eine Wut im Bauch, setzt sich ausserhalb der Stadt auf einen Aussichtspunkt. Von da oben will er zusehen, wie die 120‘000 Einwohner wegen ihrer Bosheit durch Gottes Gerechtigkeit vernichtet werden. Aber Gott ist Gott sei Dank anders als Jona ihn sich vorstellt. Gott sieht, wie die Stadt sich bekehrt. „Da reute ihn das Unheil, das er ihr angedroht hat, und er tat es nicht.“ Ja, Gott tut noch mehr. Er kümmert sich wie ein einfühlsamer Psychiater oder wie eine liebende Mutter um Jona,  sein frustriertes Bodenpersonalmitglied, der unterdessen zum Patron der religiösen Fundamentalisten geworden ist. Gott lässt einen Rizinusstrauch wachsen, der dem erhitzten Jona Schatten spendet. Über Nacht schickt er einen Wurm, den Strauch zu vernichten, damit der wütende Jona einen Sonnenbrand bekommt. Und erst jetzt spricht er Jona an: „Dir ist es leid um den Rizinusstrauch, für den du nicht gearbeitet und den du nicht grossgezogen hast. Mir aber sollte es nicht leid sein um Ninive, in der mehr als 120‘000 Menschen leben?“ Das ist der letzte Satz des Buches. Ein offener Schluss! Ein uns herausfordernder  Schluss!

Eine wirklich witzige Geschichte, zumindest witzig erzählt. Aber die Sache, um die es geht, ist alles andere als witzig. Sie ist sehr ernst.  Jonas grösstes Problem war, dass Gott mit Ninive Erbarmen hatte und die Stadt nicht vernichtete. Das böse Ninive müsste doch bestraft werden. „Herrgott, wo ist denn da deine Gerechtigkeit?“ So wie Jona denken sehr viele Menschen bis auf den heutigen Tag. Auch uns selber, wenn wir ehrlich sind, ist diese Haltung nicht fremd. Gleichen wir nicht immer wieder dem Propheten Jona, dem absoluten Egoisten, dem es nur um seinen eigenen kleinen Rizinusstrauch geht, dem aber das Schicksal der 120‘000 egal ist? Um was rufen wir Gott nicht alles an: Um Gesundheit, um Verschonung vor dem Corona-Virus, um Erhalt des Jobs, um Erfolg für unsere Kinder, um Verschonung vor Krieg und islamistischem Terror. Wie’s denn Ärmsten dieser Welt geht, den Randgruppen unserer Gesellschaft, das kümmert mich wenig. Papst Franziskus hat  schon mehrmals vom Jona-Syndrom gepredigt. Sie wissen bestimmt, was ein Syndrom ist – eine Kombination von verschiedenen Krankheitssymptomen. Was meint der Papst, wenn er bei vielen Christen, vielleicht auch bei uns Schweizer Katholiken,  heute ein Jona-Syndrom diagnostiziert? Denkt er  wohl an die europäische Flüchtlingspolitik und an das Heer der Toten im Mittelmeer? Europa schaut zu und denkt, die sind selber schuld, die sollen dort bleiben, wo sie sind. Die beschämende Fremdenfeindlichkeit blüht auch in unserem Land, in unserem Kanton. Jüngstes Beispiel: kein Stimmrecht für ausländische Katholiken. Das sind Anzeichen einer Krankheit. Papst Franziskus nennt sie  das Jona-Syndrom.

Eines unserer häufigsten Gebete ist das Vaterunser. Wir Mönche beten es fünfmal pro Tag. Bestimmt ist das Vaterunser auch bei Ihnen eines der häufigsten Gebete. Konzentrieren wir uns einmal auf die Anrede Vaterunser. Wie wörtlich verstehen wir sie eigentlich? Denken wir dabei nicht zu oft, dass Gott unser ganz persönlicher Vater ist, der Vater unserer Verwandten und Freunde, der Vater der Menschen mit einem Schweizerpass, höchstens noch der Vater aller Menschen mit einem Taufschein. Aber bitte, dann hört es auf. Nicht mehr weiter! Dass Gott auch der Vater aller Migranten ist, der Vater aller Hungernden auf dieser Erde, der Vater aller Heimatlosen, der Vater aller verfolgten Völkergruppen, der Vater auch aller Corona-Toten, der Vater aller Völker und Nationen, sogar der Vater der Bewohner von Ninive und der Vater der IS-Terroristen,  denken wir da wirklich immer daran oder leiden auch wir selbst am Jona-Syndrom? Dagegen kann man sich leider nicht wie gegen Corona impfen lassen. Dagegen kann man nur Eines tun: sein Gottesbild korrigieren, umdenken, umkehren. Sich von Gott einspannen lassen zur Bekehrung der Welt. Noch haben wir Zeit. In 40 Tagen ist sehr viel möglich. Ninive zeigt, was möglich ist, wenn alle mitmachen. Gott will das Heil aller Menschen. Wer das nicht wahr haben will, leidet am Jona-Syndrom. Wer Gott vorschreiben will, wann er barmherzig zu sein  und wann er mit dem Hammer der Gerechtigkeit dreinzuschlagen hat, leidet am Jona-Syndrom. Ninive zeigt, aber auch das ganze Neue Testament zeigt es, dass es bei Gott immer Hoffnung für Jene gibt, die auf Abwegen sind. Spätestens dann, wenn wir selber vor ihm stehen, dann werden wir dankbar sein, dass Gott mit jedem, der umkehrt und Busse tut, barmherzig ist  – hoffentlich dann auch mit mir armem Sünder und mit uns allen.

Gott gebe es.

Amen.