Predigt zu Neujahr 2021 von Pater Benedict Arpagaus

01.01.2021

Pater Benedict hielt am Neujahrstag, 1. Januar 2021, den wir als Hochfest der Gottesmutter Maria begehen, eine eindrückliche Predigt:

„DU selbst hast mein Innerstes geschaffen, hast mich gewoben im Schoß meiner Mutter.“ Diesen Vers finden wir im Psalm 139. Ein wunderschöner Psalm, von Gottvertrauen getränkt. Genau das Richtige für einen Jahresanfang. Genau das Richtige in einer schwierigen Zeit. Und der zitierte Vers gibt in Worten dar, was wir heute, am Oktavtag von Weihnachten, dem hohen Fest der Gottesgebärerin Maria, feiern. Nicht nur, dass derjenige, der diesen Psalm dichtete und betete, sich staunend als ein von Gott gewobenes, sprich geschaffenes Lebewesen erkannte, vielmehr, Gott selbst, der EWIGE, liess sich verwoben werden mit der Jungfrau Maria. Der Schöpfer aller Dinge und Ursprung allen Lebens machte sich selbst zum Geschöpf, wurde Mensch. In manchen Ikonen leuchtet dieses Verwobensein von Gottheit und Menschheit in der Darstellung von Maria mit dem Christuskind auf.

„DU selbst hast mein Innerstes geschaffen, hast mich gewoben im Schoß meiner Mutter.“ Und wir wurden geboren. Und Gott liess sich gebären als ein Mensch. Wer bei einer Geburt schon mal dabei sein durfte, wird diesen hochheiligen Moment nie vergessen. Vor über 25 Jahren wurde mir einmal, während meiner Ausbildung zum Fachmann für Krankenpflege, diese Möglichkeit geschenkt: Ich durfte bei einer Geburt dabei sein. Und es erfasste mich ein überwältigendes Glück und ein ehrfurchtsvolles Staunen, als das Kindlein den ersten Atemzug vollbrachte und zu schreien begann. Neues Leben! Ein Wunder!

Mehrmals erlebte ich, wie ein Mensch seine irdische Pilgerschaft beendete und starb. Es erfassten mich auch da eine tiefe Ehrfurcht, eine bewegte Ruhe, ein heiterer Friede, als der Mensch seinen letzten Atemzug vollbrachte.

Genauso wie die Geburt, so ist auch der Tod ein hochheiliger Moment. Geburt und Tod sind Momente höchster „Dichte“, voll des Lebens.

Geburt und Tod. Anfang und Ende. Mag sein, dass solche Übergänge oft mit Bedrängnis, Unsicherheit und Dunkelheit einhergehen. So war es auch zur Zeit der Geburt Jesu. Und da hinein, in diese Bedrängnis, in die Unsicherheit, in die Dunkelheit, da hinein wurde Christus Jesus, der Sohn des lebendigen Gottes – hineingewoben und herangereift als Leibesfrucht im Schosse der Jungfrau Maria – hineingeboren in unsere Welt und Zeit.

Welt und Zeit standen und stehen immer wieder in der Bedrängnis und wir Menschen erfahren unzählige Unsicherheiten, werden von dunklen Ängsten und Sorgen zerrieben. Unabhängig von der gegenwärtigen Pandemie erleiden viele Regionen dieser Welt seit Menschengedenken Ungerechtigkeit, Krankheit und vielfältige Not. Nun trifft es auch uns, die wir so verwöhnt sind und für die alles selbstverständlich scheint. Alles planbar. Alles versichert, abgesichert. Alles käuflich. Doch nicht alles?

„Mag sein, dass wir bisher zu sehr im Vordergrund gelebt und den Hintergrund zu wenig beachtet haben. Mag sein, dass wir in die Versuchung geraten sind, zu sehr in die Breite zu leben, alles haben, alles sein zu wollen – und nun auf die Tiefe verwiesen werden“, um es mit den Worten von Andrea Schwarz auszudrücken (Andrea Schwarz, Eigentlich ist Weihnachten ganz anders, S. 44).

Aufgrund der gegenwärtigen Pandemiekrise verlieren wir viele andere Baustellen dieser Erde aus den Augen: Soziale Ungerechtigkeit, Zerstörung der Natur, Missachtung der Menschenwürde, Hungersnöte, Flüchtlingslager. Und ehrlich gesagt, nicht nur der Klimawandel bereitet mir Sorge, auch das zunehmend vergiftete Klima unter den Menschen. Die Polarisierungen in unserer Gesellschaft wachsen und verschärfen sich. Und wir werden überflutet mit Informationen und Botschaften, mit Wahrheiten und Unwahrheiten von vielen Seiten. Da wurde immer schon versucht und wird auch heute versucht, uns allerlei einzutrichtern oder einzuimpfen, wie man das zu sagen pflegt.

 

Ja, manchmal macht das mir Angst. Ich habe grosse Fragezeichen zu manchen Entwicklungen in unserer Welt. Und nicht alle Menschen meinen es gut mit ihren Mitmenschen, auch wenn es vordergründig so aussehen mag. Gestern war der 31. Dezember 2020 und heute haben wir den 1. Januar 2021. Und nun? Das hat für mich keine Bedeutung, weil die Welt heute dieselbe ist wie gestern. Das ist bloss ein von Menschen gemachtes Datum.

Aber es gibt etwas, dass mich aufrichtet und stärkt: Berührt vom Geheimnis des Lebens, das mir in der Geburt und im Tode eines Menschen in grosser „Dichte“ begegnet ist, fühle ich mich im Glauben bestärkt, dass damals wie heute der EWIGE hineingeboren wird, hineingewoben ist in unser Menschsein, damit unser so verwundbares und begrenztes Leben in SEINE EWIGE GOTTHEIT hineingewoben ist, unsere Zeitlichkeit verwoben ist mit der Ewigkeit, unser Tod verwoben mit dem Leben, das aus GOTT fliesst. Wir sind hineingewoben in den Atem des EWIGEN. So heisst es schon im Buch Genesis: „Da formte Gott, der HERR, den Menschen aus Erde, und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen“ (Gen 1,7). Und der EWIGE lächelt uns in der Heiligen Nacht in einem kleinen Kindlein namens Jesus zu, voll Liebe und Güte, voll Mitgefühl und Erbarmen. ER weiss alles. ER hat immer den Überblick und den Durchblick.

Das Dunkle der Welt aber, selbst das Böse in der Welt, sie sind genauso zerbrechlich, verwundbar und begrenzt, wie alles, was irdisch ist. Einer allein ist der EWIGE: Gott, das wahre LICHT, das alle erleuchtet, die befreiende LIEBE, die nicht nur das Volk Israel aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit und ins Gelobte Land heraufgeführt hat, sondern mehr noch, die alle, die IHN suchen, aus dem Totenreich heraufführt und heimbringt in die Fülle des Lebens, die Gott selbst ist. JETZT bin ich eingewoben, verwoben mit seinem ATEM, mit seiner LIEBE. JETZT. Und das ist IMMER.

Gott, der einst das erste Wort sprach: „Es werde Licht…“ (Gen 1,3), ER wird auch das letzte Wort sprechen. Dessen bin ich mir gewiss. Nicht Not, Krankheit oder Tod, nicht die Boshaftigkeit profitgieriger Menschen, nicht die Manipulationsbemühungen bestimmter Machthaber und einflussreicher Organisationen, nein, Gott hat das letzte Wort: „Seht, ich mache alles neu“ (Off 21,5).

Wir gehören zu IHM. Das ist die Frohe Botschaft von Weihnachten. Und an Ostern wird diese Botschaft nochmals mit Nachdruck und end-gültig besiegelt. In diesem Glauben zu leben heisst nichts anderes, als GOTT, dem EWIG SEIENDEN – in aller Herausforderung, Not und Bedrängnis – immer und immer wieder einen Vertrauensvorschuss zu schenken. Das wollen wir auch heute am Anfang eines neuen Jahres tun. Die Worte von Psalm 139 können hierzu eine hilfreiche und kostbare Wegbegleitung sein.

Und Maria, die Gottesgebärerin, ist und bleibt für uns das grossartige Vorbild des gläubigen, des auf Gott hörenden, des vertrauenden Menschen.

Wir ehren sie als diejenige, die das Verwobensein mit Gott leibhaftig erfahren hat, in einer Intensität wie kein Mensch vor ihr und kein Mensch nach ihr.

Geehrter bist Du als die Cherubim und unvergleichlich herrlicher als die Seraphim! In tiefem Vertrauen hast Du Gottes Wort empfangen und geboren. Du wahrhaft Gottesgebärerin, sei hochgepriesen!

Zum Bild: Ausschnitt aus dem Deckengemälde in der „Weihnachtskuppel“ von Cosmas Damian Asam. Foto: Franz-Kälin jun., Einsiedeln.