Keine Einsiedler "Cavalli della Madonna", sondern die beiden Pferde von Achilleus, neoklassizistisches Ölgemälde von Giorgio de Chirico (1963)
Keine Einsiedler "Cavalli della Madonna", sondern die beiden Pferde von Achilleus, neoklassizistisches Ölgemälde von Giorgio de Chirico (1963)

Predigt von Pater Mauritius zum 4. Sonntag im Jahreskreis

31.01.2021

Am Sonntag, 31. Januar 2021, hielt Pater Mauritius Honegger folgende Predigt über das Sonntagsevangelium (Markus 1, 21–28):

Liebe Mitchristen,

kürzlich, bei einer Prüfung mussten die Schülerinnen und Schüler die Frage beantworten: „Wer sind Xanthos und Balios und was ist ihre besondere Fähigkeit?“ – Hätten Sie die Antwort gewusst?

Erfreulich viele Schüler haben sich an die zwei weissen Hengste des griechischen Helden Achilleus erinnert und richtig geschrieben, dass es ihre besondere Fähigkeit war, in menschlicher Sprache zu reden. Sie sagten nämlich Achilleus sein Schicksal voraus, dass er vor den Toren Trojas sterben würde.

Mit den sprechenden Pferden Xanthos und Balios wendet der griechische Dichter Homer eine Technik an, um seinen Lesern auf originelle Weise Informationen mitzuteilen, die sie eigentlich noch gar nicht wissen könnten. In der Stimme der Pferde hören wir Homer selber sprechen, der als Erzähler natürlich auch schon das Ende der Geschichte kennt.

800 Jahre nach Homer hat Markus sein Evangelium geschrieben – in derselben Sprache wie Homer, mit denselben Buchstaben und nach denselben Regeln der Grammatik. Und wie Homer ist auch Markus ein hervorragender Erzähler, einer, der seine Zuhörer mitreisst und begeistert. Markus lässt in seinem Evangelium zwar keine Pferde sprechen, aber auch er wendet literarische Tricks an, um seinen Lesern mehr Informationen zu geben, als sie allein aus den erzählten Ereignissen eigentlich wissen könnten.

Die grosse Dramatik des Markusevangeliums besteht in der Frage: „Werden die Menschen die wahre Identität Jesu erkennen? Werden sie verstehen, wer dieser Mann aus Nazareth in Wirklichkeit ist?“

Heute tut Jesus sein erstes Wunder, einen Exorzismus in der Synagoge von Kafarnaum. Die Leute, die dabei waren, stellen eine Frage, die in die richtige Richtung weist: „Was ist das? Eine neue Lehre mit Vollmacht?“ Sie merken, hier ist etwas Besonderes im Gange.

Später im Verlauf des Evangeliums, nach der Sturmstillung auf dem See, werden die Jünger fragen: „Wer ist denn dieser, dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?“ Da sind sie schon einen Schritt weiter: Denn es geht nicht um eine Sache: „Was ist das?“ – Sondern es geht um eine Person: „Wer ist denn dieser?“

Dass dies eine entscheidende Frage ist, bezeugt Jesus selber, wenn er auf dem Weg nach Cäsarea Philippi seine Jünger fragt: „Für wen halten mich die Menschen?“ beziehungsweise: „Für wen haltet ihr mich?“ Die Dramatik des Markusevangeliums besteht in der Frage nach der Identität Jesu. Und auch nachdem Petrus sein berühmtes Bekenntnis abgelegt hat – „Du bist der Christus“, heisst das noch lange nicht, dass er wirklich verstanden hat, was das bedeutet: der Christus sein.

Denn sobald die Jünger einmal zu dieser Einsicht gekommen sind, beginnt Jesus damit, ihre falschen Vorstellungen zu widerlegen. Christus sein, der Gesalbte, der Messias zu sein bedeutet eben nicht, was die Jünger sich darunter vorstellten, nicht, was der allgemeinen Meinung damals bei den Juden entsprach. Sie wünschten sich einen Triumphator, einen militärischen Anführer, der das Joch der römischen Besatzung zerbrechen würde.

Nein, sofort nach dem Christusbekenntnis des Petrus beginnt Jesus mit der Dekonstruktion falscher Vorstellungen: „Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“. Denn der Christus wird leiden müssen, wird verurteilt und gekreuzigt werden. Das ist der paradoxe Plan Gottes, dass der, der von ihm gesandt ist, nicht in Macht und Herrlichkeit auftritt, sondern in Demut und Bescheidenheit. „Denn der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“.

Liebe Mitchristen, die grosse Dramatik des Markusevangeliums besteht darin, ob die Menschen, die Jesus begegnen, auch wirklich erkennen, wer er ist. Es ist ein langer Lernprozess, der das ganze Evangelium hindurch andauert. Erst ganz am Schluss wird der römische Soldat unter dem Kreuz als erster Mensch den entscheidenden Satz aussprechen: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn“.

Für die Personen im Evangelium ist es schwierig, die verborgene Identität Jesu als Sohn Gottes zu erkennen. Sie lassen sich zwar von Wundern wie der Brotvermehrung begeistern, weil sie dann einen vollen Bauch haben, aber sie verstehen ihren tieferen Sinn nicht. „Habt ihr denn immer noch nicht verstanden?“, fragt Jesus seine Jünger mehrmals in vorwurfsvollem Ton.

Wir aber, die Leserinnen und Leser des Evangeliums, sind in einer privilegierten Stellung. Denn uns teilt der Evangelist Markus von Anfang an die entscheidenden Informationen mit. Markus, der talentierte Erzähler, greift zu diesem Zweck auf eine originelle Technik zurück. Nicht die Pferde sind es, die er sprechen lässt, wie Homer es getan hat, sondern die Dämonen. Der unreine Geist des Besessenen in der Synagoge von Kafarnaum beginnt zu reden. In der Stimme dieses Geistwesens hören wir, was Markus uns über Jesus sagen will: „Ich weiss, wer du bist: der Heilige Gottes“. Wie die sprechenden Pferde des Achilleus treten hier im Evangelium die Dämonen auf und legen für uns Leserinnen und Leser die Wahrheit offen.

Liebe Mitchristen, wir sind in einer privilegierten Stellung. Uns sind von Anfang an alle wichtigen Informationen gegeben. Und damit wir sie sicher nicht überhören, wendet Markus den Trick mit den sprechenden Dämonen an. Denn wenn wir hören, dass die Dämonen Jesus als den Heiligen Gottes und später als den Sohn des Allerhöchsten bezeichnen, soll uns das aufhorchen lassen. Nehmen wir es nicht einfach zur Kenntnis wie eine Meldung in der Zeitung oder wie jede andere mehr oder weniger überflüssige Information. Kehren wir nicht einfach zur Tagesordnung zurück. Die Aussage des Dämons soll etwas verändern in der Art und Weise, wie wir das Evangelium lesen.

„Ich weiss, wer du bist: der Heilige Gottes“. Nehmen wir uns diese Aussage zu Herzen. Hier spricht der Evangelist Markus aus, worum es ihm geht. Er will uns Leserinnen und Lesern helfen, in unserem persönlichen Erkenntnisprozess voranzukommen. Wer ist dieser Jesus von Nazareth? Unsere Antwort auf diese Frage wird alles verändern: die Art und Weise, wie wir das Evangelium lesen, die Art und Weise, wie wir unser Leben gestalten, die Art und Weise, wie wir heute in dieser Feier das eucharistische Brot empfangen. Amen.