Predigt am Fest Taufe des Herrn 2021

11.01.2021

Mit dem Fest Taufe des Herrn endet die Weihnachtszeit und die Zeit im Jahreskreis beginnt. An diesem „Schwellentag“, dem Sonntag, 10. Januar 2021, hielt Pater Justinus Pagnamenta folgende Predigt:

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Heute feiern wir die Taufe unseres Herrn Jesus Christus. Er, der Gerechte, Mensch ohne Sünde, der Fürst und Gebieter der Nationen, der König der Könige, Er stellt sich in die Reihe der Sünder, um die Taufe des Johannes zu empfangen. Er macht es stillschweigend, ohne aufzufallen, in der Anonymität. Niemand merkt, dass der Messias mitten unter ihnen ist. Und Jesus wartet geduldig wie alle anderen.

Endlich ist auch Er an der Reihe und tritt vor Johannes den Täufer. Wir können sehr wohl den verblüfften Blick des Täufers verstehen, als er Jesus zu sich kommen sieht. Wie ist es möglich, dass Er, der ohne Sünde ist, der stärker ist, der mit dem Heiligen Geist und mit Feuer tauft … Wie ist es möglich, dass gerade Er sich mit der Menge der sündigen Menschen mischt und um die Taufe zur Vergebung der Sünden bittet?

Was für einen Unterschied zwischen Jesus und den Machthabern dieser Welt! Aber die Wege des Herrn sind nicht unsere Wege und seine Gedanken überragen bei Weitem unsere Gedanken. Nicht nur mit seinen Worten, sondern auch mit seiner Lebensführung, mit seinem Schweigen und heute mit seiner Taufe lehrt uns Jesus, den Weg der Demut zu gehen.

Aber aufgepasst: Demut ist nicht gleich Kleinmut; Demut bedeutet nicht, die eigenen Begabungen und Fähigkeiten zu verkennen. Demütig ist nicht derjenige, der sich aus Bequemlichkeit zurückzieht und verantwortungsvolle Aufgaben ablehnt. Das hat nichts mit Demut zu tun, ganz im Gegenteil.

Denn Demut ist eng mit einer anderen grossen Tugend verbunden, mit der Tugend der Grossmut. Der demütige Mensch erkennt, dass er alles von Gott empfangen hat, alles was er ist und hat: das Leben, die Begabungen, die handwerklichen und geistigen Fertigkeiten (vgl. 1 Kor 4,7). Im Bewusstsein dessen weiss der demütige Mensch, dass er sich nicht über andere erheben soll, sondern dass er seine Fähigkeiten verantwortungsvoll einsetzen soll, selbstverständlich nicht um sich selbst materiell zu bereichern, sich zu rühmen oder andere zu beherrschen, sondern um seinen Beitrag zum Wohl der gesamten Gesellschaft zu leisten. «Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben» (Mt 10,8).

Wahrscheinlich ist keiner von uns vollkommen in den Tugenden der Demut und der Grossmut. Umso mehr müssen wir uns darin üben. Der Alltag bietet zahlreiche Gelegenheiten dazu. Denn demütig und grossmütig sein heisst z.B. auch, kleine Beleidigungen, wie sie uns im menschlichen Zusammenleben widerfahren, rasch vergessen; heisst lächeln und anderen das Leben freundlicher gestalten; heisst über andere nicht zu streng, sondern verständnisvoll urteilen; heisst weniger angenehme Pflichten bei der Arbeit und in der Gemeinschaft übernehmen; heisst andere so annehmen, wie sie sind, und sich nicht so sehr an ihren Schwächen aufhalten; heisst überflüssige und häufig auch ungerechte Beanstandungen unterlassen … Demut und Grossmut erleichtern das Zusammenleben.

Mit ein bisschen Aufmerksamkeit und ein wenig Feingefühl werden wir an jeder Ecke des Alltags viele Gelegenheiten entdecken, bei denen wir unsere Grossmut ausüben können. Jeden Tag haben wir einen Schatz zu verschenken. Verschenken wir ihn nicht, verlieren wir ihn. Geben wir ihn aber hin, so wird ihn der Herr vervielfachen. Wer grossmütig ist, weiss ganz selbstlos Liebe, Verständnis und Hilfe zu geben. Er gibt und vergisst gleich, dass er gegeben hat. Er erhebt keinen Anspruch auf eine Belohnung. Doch er weiss auch, dass er nicht um seinen Lohn kommen wird (vgl. Mt 10,42). Er erfährt, dass geben seliger ist als nehmen (vgl. Apg 20,35). Seine wahre Freude besteht darin, die anderen glücklich und zufrieden zu machen. Die Grossmut öffnet unser Herz und verleiht ihm Jugend und Kraft zur Liebe. Grossmut ist das Geheimnis innerer Zufriedenheit; sie befreit die Seele von jeder Verbitterung und hilft zu einem heiteren und anspruchslosen Leben. Jesus hat es versprochen: Wer grossmütig ist, wird in dieser Zeit das Vielfache und in der kommenden Welt das ewige Leben erhalten (vgl. Lk 18,28–30).

Liebe Schwestern und Brüder! Wir feiern jetzt die heilige Eucharistie, das grosse Geheimnis Jesu, der sich selbstlos für uns alle hingibt. Wenn wir heute dieses heiligste Sakrament empfangen, so bitten wir Jesus, Er möge uns helfen, in der Demut und in der Grossmut zu wachsen und in den gegenseitigen Dienst zu treten. Wir haben nichts zu verlieren und alles zu gewinnen. Amen!

Zum Bild: Ausschnitt einer Ikone der Ostkirche, welche die Taufe Jesu im Jordan darstellt.