Weihnachtspredigten von Abt Urban und Pater Philipp

25.12.2020

Wir blicken auf zwei feierliche Weihnachtshauptgottesdienste mit festlicher Musik in unserer wunderschönen Klosterkirche zurück. Doch wie haben uns jene Menschen gefehlt, mit denen wir normalerweise Weihnachten feiern dürfen! Für all jene, die weder in der Kirche dabei sein konnten noch via Livestream mitgefeiert haben, bieten wir die Predigten von Abt Urban und Pater Philipp zum Nachlesen:

Predigt von Abt Urban Federer in der Mitternachtsmesse, 24. Dezember 2020

Wo findet heute Abend Weihnachten statt? Bei uns in der Klosterkirche? Liebe Mitfeiernde in der Klosterkirche, wir geniessen tatsächlich ein paar Privilegien, die andere nicht haben: Wir können körperlich anwesend zusammen feiern, wir haben eine Krippe und wir sind um den Altar versammelt, auf dem Gott Fleisch, Mensch wird. Und auch wenn wir nicht miteinander singen dürfen, wurde uns doch das weihnachtliche Gloria der Engel gesungen.

Oder findet Weihnachten bei Ihnen zu Hause statt, liebe Mitfeiernde hinter der Kamera? Sie haben den Vorteil der Wärme und vermissen die kalte Klosterkirche nicht – so jedenfalls hat es mir jemand von Ihnen nicht ganz ohne verschmitzte Freude anvertraut. Vermutlich haben auch Sie eine Krippe oder einen Christbaum in Ihrer Nähe und dank moderner Technik sind auch Sie Teil unserer feiernden Gemeinde. Das weihnächtliche Gloria dürften Sie zudem ebenso gut gehört haben wie wir hier vor Ort – und: Sie dürfen zu Hause singen und einander einen Friedensgruss weitergeben! Auch bei Ihnen wird also Gott Fleisch, wird er Mensch. Wo also findet denn nun Weihnachten statt?

Das heutige Evangelium scheint eine klare Antwort zu geben: zur Zeit des Kaisers Augustus in Bethlehem. Gut gibt es in unserer unsicheren Zeit noch diese vertraute Geschichte der Geburt Jesu. Weihnachten fand statt, die Hirten bezeugen es. Und das Zeichen dafür ist die Krippe, in dem ein Kind liegt. Auch das sagt das Evangelium. Und diese Botschaft, dass Weihnachten stattfand, ist mit jeder Krippe gegeben: bei Ihnen zu Hause und bei uns in der Kirche.

Meine Eingangsfrage lautete nun aber nicht, ob Weihnachten stattgefunden habe. Ich fragte uns, wo Weihnachten heute stattfindet! Wenn es im Evangelium heisst, Jesus sei in Bethlehem geboren worden, ist das weniger eine Ortsangabe als ein Aufruf zum Glauben, denn der Prophet Micha hatte verheissen, in Bethlehem werde der Retter geboren (vgl. Mi 5,1-5). Und auch das Lukasevangelium sucht unseren Glauben. Der entscheidende Satz in diesem Weihnachtsevangelium sagt der Engel zu den Hirten: «Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr.» «Christ, der Retter ist da», heisst es darum im «Stille Nacht». Weihnachten also will retten. Aber wen? Haben Sie sich schon einmal gefragt, an wen diese Schrift eigentlich gerichtet ist? Am Anfang des Lukasevangeliums heisst es: «Nun habe auch ich mich entschlossen […] es für dich, hochverehrter Theóphilus, der Reihe nach aufzuschreiben» (Lk 1,3). Das Evangelium richtet sich also an einen Theóphilus, der ein römischer Beamter gewesen sein muss. Dieser Name ist aber auch Programm, denn Theophilus heisst übersetzt «der Gott liebt». Das Lukasevangelium ist an einen konkreten Menschen gerichtet wie Sie und ich. Im allerersten Satz des Evangeliums heisst es zudem: «Schon viele haben es unternommen, eine Erzählung über die Ereignisse abzufassen, die sich unter uns erfüllt haben» (Lk 1,1). Das Lukasevangelium will also dem Theóphilus nur von Dingen berichten, die sich unter uns erfüllt haben. Lukas richtet sich dafür an einen Menschen, der Gott lieben möchte, der glauben möchte. Und so dürfen wir auch die Weihnachtsgeschichte nach Lukas verstehen. Weihnachten ist nicht irgendwann einmal gewesen. Weihnachten erfüllt sich, wo Menschen Gott ihre Liebe entgegenbringen, wo sie sich ihm öffnen, wo Menschen eben glauben. Weihnachten erfüllt sich darum auch heute bei uns, hat uns doch unsere Sehnsucht den Livestream einschalten lassen oder uns in diese Kirche gebracht. Bethlehem ist dort, wo Sie und ich sind, für uns wird der Retter jetzt geboren. Und wenn ich noch konkreter frage: Wo genau ist Bethlehem heute?, dann gibt das Lukasevangelium darauf in der Kindheitsgeschichte Jesu gleich zweimal den Ort an, wo sich Gottes Heilsbotschaft erfüllt. Von Maria wird nach dem Besuch der Hirten und nach dem Besuch im Tempel gesagt: «Seine Mutter bewahrte all die Worte in ihrem Herzen.» Weihnachten kann in unseren Herzen stattfinden, wenn wir sie öffnen für die Ankunft des Retters in uns.

Ich habe die Vermutung, meine Lieben, dass es nicht ganz einfach ist, meinen Gedanken zu folgen. Aber die ganzen Umstände dieser Weihnachtszeit sind nicht einfach. Und die heutige Lesung macht das Ganze auch nicht einfacher, da in ihr Weihnachten folgendermassen umschrieben wird: «Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.» Weihnachten will uns tatsächlich retten. Gottes Nähe, Gottes Gnade in Jesus Christus will uns retten. Weihnachten will also hier und jetzt bewirken, dass wir uns im Leben nicht verrennen und uns abhängig machen von vielem, was uns unfrei macht. Vielmehr, sagt die Lesung, sind wir für die Hoffnung gemacht, denn wir glauben nicht nur an Weihnachten vor mehr als 2’000 Jahren, sondern daran, dass Jesus Christus lebt und wiederkommt. «Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit», werden wir bald staunend und glaubend ausrufen. Und so wird Weihnachten plötzlich doch ganz konkret. Denn wenn unserer Gesellschaft heute eines fehlt und wir Christinnen und Christen uns dafür einbringen können, dann ist es die christliche Hoffnung. In dieser Hoffnung wird auch in Corona-Zeiten Weihnachten. Wir glauben an mehr als an Tod und Untergang, wir glauben an das Leben! Und wir glauben daran, dass uns Weihnachten Kraft gibt, Abstand, Distanz, Vereinsamung und Verzweiflung zu überwinden und uns für die Hoffnung einzusetzen. Wer an Weihnachten beschenkt wird, schenkt weiter. Denn wer mit Gottes Liebe in Berührung kommt, gibt Liebe weiter.

Meine Lieben zu Hause und hier in der Kirche, Weihnachten findet statt, jetzt. Und Bethlehem ist unser eigenes Herz, in dem Gott Mensch werden möchte, um uns und durch uns andere zu retten von Pessimismus und dem Teufelskreis von Unzufriedenheit, Jammern und Zynismus. Setzen Sie sich doch einmal in Ruhe vor Ihre Krippe und lassen sie so Weihnachten in Ihr Herz einziehen. Papst Franziskus sagt zur Betrachtung der Krippe: Wir «können […] dadurch ein bisschen wie die Kinder werden und in uns das Staunen wiederfinden über die wundersame Art und Weise, auf die Gott in die Welt kommen wollte. Bitten wir um die Gnade des Staunens! Möge uns der Herr angesichts dieses Geheimnisses die Gnade des Staunens schenken, damit wir ihm und allen Menschen nahekommen» (Generalaudienz vom 23. Dezember 2020). In diesem gemeinsamen Staunen kommen wir uns auch über den Livestream nahe, denn es ist wirklich Weihnachten – bei Ihnen zu Hause und bei uns in der Klosterkirche! Amen.

Predigt von Pater Philipp Steiner im Pontifikalamt am Weihnachtstag, 25. Dezember 2020

Liebe Schwestern und Brüder hier in der Klosterkirche und via Livestream mit uns verbunden!

Von all den zahlreichen Bräuchen, die wir rund um das Weihnachtsfest pflegen, habe ich zum Kartenschreiben die schwierigste Beziehung. Es hinterlässt jedes Jahr den süss-sauren Beigeschmack, endlich wieder mal etwas in die Beziehungspflege investiert zu haben und dennoch dem eigenen Anspruch daran nicht genügen zu können.

Hinzu kommt die Frage nach einem passenden Bild, das ansprechend, aber nicht kitschig sein darf, nach einem tiefsinnigen Text, der gehaltvoll, und doch nicht zu theologisch-abstrakt sein soll…

Umso schlimmer war es dieses Jahr. Denn 2020 ist kein Jahr für idyllische Weihnachtskarten und fromme Sprüche: Das Zusammenkommen im Familien- und Freundeskreis ist unerwünscht, die Mitfeier eines Gottesdienstes in der Kirche das Privileg einiger weniger, die Freizeitgestaltung über die Feiertage von Verboten geprägt – kurz: «Frohe Weihnacht» sähe definitiv anders aus.

Und welche Weihnachtskarte soll man zu so einem Weihnachtsfest seinen Liebsten senden? Ich wusste es bis vor Kurzem auch nicht.

Doch dann erinnerte ich mich an ein Bild, das unser Mitbruder Pater Jean-Sébastien im Jahr 2013 gemalt hatte und seither eher ein Schattendasein unter den Weihnachtskarten gefristet hat. Denn dieses Bild ruft wenig «weihnächtliche» Gefühle hervor und auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei es auf den Kopf gestellt.

Ich hatte meine Weihnachtskarte also gefunden.

Als ich dann auch noch den von Pater Jean-Sébastien gewählten lateinischen Titel des Bildes gelesen hatte, wusste ich, dass ich hier nicht nur eine Weihnachtskarte, sondern zugleich auch das Thema meiner Weihnachtspredigt gefunden habe: «… ET VERBUM CARO FACTUM EST – … und das Wort ist Fleisch geworden» (Johannesevangelium 1,14).

Und wie sieht dieses Bild nun aus? Freundlicherweise hat mir unser Hauskünstler das Original zur Verfügung gestellt und die hier anwesenden Mitbrüder und Gäste erhalten nun von unseren freundlichen Ministranten eine Karte. Kandidat Gregory hält das Bild für Sie, liebe Online-Gemeinde, kurz vor die Kamera:

Liebe Schwestern und Brüder, Sie sehen auf dem Bild einen voll ausgebildeten, neun Monate alten Fötus mit Heiligenschein, umgeben von einem «Ensō», einem Kreis aus der japanischen Kalligrafie, der den bergenden Mutterschoss andeutet.

Wie gesagt: Auf den ersten Blick sieht es so aus, als stehe das Bild auf dem Kopf. Doch dem ist nicht so. Denn das Kind steht kurz vor seiner Geburt. «Kopf voran» macht er, der das Licht der Welt ist, sich daran, das Licht der Welt durch Kinderaugen erstmals zu erblicken: «Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt» (Johannesevangelium 1,9).

Die am letzten Wochenende in der «NNZ am Sonntag» vorgebrachte Klage, dass in der christlichen Theologie und folglich auch in der christlichen Kunst die Konkretheit der Geburt als solche schlicht unterschlagen wird, trifft auf dieses Weihnachtsbild definitiv nicht zu.

Es hilft uns, an einem Weihnachtsfest inmitten einer globalen Pandemie und ohne allen Kitsch der Konkretheit der Liebe Gottes näher kommen. Die Coronakrise stellt unser Weihnachten auf den Kopf, damit wir seine Wahrheit wieder richtig erkennen und in unser Leben hineinsprechen lassen.

Es gibt wenig, das uns in diesen Tagen von der Radikalität der Weihnachtsbotschaft ablenkt. Wir sind auf uns selbst zurückgeworfen und vielleicht spüren wir gerade darum die Verletzungen in unserer Biografie, die Brüche in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen und all die vielen Enttäuschungen und Ernüchterungen, die zwangsläufig mit unserem Menschsein verbunden sind, umso intensiver.

Was wir im kleinen Horizont unseres eigenen Lebens erfahren, das prägt auch das Zusammenleben in unserer Kirche und in unserer Gesellschaft. Die Menschheit ist nicht zuerst vom Coronavirus bedroht, sondern von ihrer Verstrickung in Schuld, die sie seit ihrem Uranfang an stets neu auf sich lädt. Dieses kleine Virus deckt Seiten unseres Menschseins auf, die wir oft nicht wahrhaben wollen, die uns aber doch Schritt für Schritt durch unser Leben begleiten: die eigene Verletzlichkeit und die doch sehr drastisch spürbaren Grenzen unserer Freiheit.

Und genau in diese Realität hinein wird Gott Mensch! Er wird einer von uns! Mit den Worten des vorhin gehörten Johannesprologs: «Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit» (Johannesevangelium 1,14)

Und hier liegt der brandaktuelle Bezug zu unserer Situation heute: Gott kam nicht in diese Welt, um sie von allem Leid zu befreien, sondern um sie mit seiner Gegenwart zu erfüllen. Er kam nicht in die Welt, um das Leid zu erklären, sondern es mit uns zu ertragen. Er kennt unsere Verletzlichkeit, unseren Schmerz, unser Leid. Und unser Menschsein mit allen Facetten ist Gott so kostbar, dass er sich nicht scheut, es selbst zu erleben und zu durchleiden.

Das Blutrot in diesem Geburtsbild ist auch am Ende des Lebens Jesu präsent. Damit sollte sich am Kreuz erfüllen, was uns in unserer Taufe zugesprochen wird: «Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind» (Johannesevangelium 1,12-13).

Liebe Schwestern und Brüder, hier in der Kirche und zu Hause vor dem Bildschirm, wie dieses so völlig ungewohnte Weihnachtsbild uns die Konkretheit der Inkarnation, der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, erahnen lässt, so kann uns dieses «auf den Kopf gestellte» Weihnachtsfest auch unser Christsein neu erfassen lernen. Es kann auch in diesem Jahr Weihnachten werden, wenn wir uns heute von jener Liebe berühren lassen, die uns vor 2020 Jahren im Kind von Betlehem begegnen wollte.

Warten wir nicht bis zum nächsten Advent, um Weihnachtskarten zu schreiben. Seien wir selbst eine Karte des lieben Gottes an unsere Mitmenschen – ohne viel Text und Schnörkel, sondern mit der schlichten Botschaft: «Ich liebe dich!»

Amen.