Predigt zum Fest der Heiligen Familie, 27. Dezember 2020

27.12.2020

Am Sonntag nach Weihnachten, den wir als Fest der Heiligen Familie begehen, hielt Pater Patrick eine beachtenswerte Predigt:

Ludwig Feuerbach, gestorben 1872, wird mit seinem Buch „Das Wesen des Christentums“ mit einem Schlag berühmt. Er wird damit zu einem der bekanntesten Religionskritiker des 19. Jahrhunderts. Feuerbach schreibt: „Der Mensch ist der Anfang der Religion, der Mensch ist der Mittelpunkt der Religion, der Mensch ist das Ende der Religion.“ Was meint er damit? Gehen wir diese drei Sätze Schritt für Schritt durch.

Erstens: „Der Mensch ist der Anfang der Religion.“ – Der Mensch steht am Anfang der Religion, weil nach Feuerbach Gott eine Erfindung des Menschen ist. Der Mensch ist der Schöpfer Gottes, denn der Mensch erschafft sich Gott nach seinem Bild, nicht umgekehrt, nicht wie es im Buch Genesis steht. Wie genau erschafft sich der Mensch sein Bild von Gott? Nach Feuerbach ist Gott nichts anderes als die Projektion menschlicher Wünsche. Wir Menschen erfahren uns als sehr begrenzt; deshalb träumen wir von einem unendlichen Gott. Wir Menschen können und wissen leider nicht alles; so kommen wir zum Glauben an einen allmächtigen und allwissenden Gott. Wir Menschen wissen, dass wir sterben müssen; deshalb glauben wir, dass Gott ewig und unsterblich ist. – Auf diese Weise erschaffen wir Menschen uns Gott nach unserem Bild.

Damit können wir nun auch die zweite Aussage von Feuerbach verstehen: „Der Mensch ist der Mittelpunkt der Religion.“ Gott ist die Idealvorstellung, die der Mensch von sich selber hat. Gott ist so, wie der Mensch es gerne wäre. In der Religion geht es nach Feuerbach also nicht wirklich um Gott, sondern das Zentrum und die Mitte der Religion ist der Mensch. Feuerbach bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Gott ist das von aller Widerlichkeit befreite Selbstgefühl des Menschen.“

Drittens: „Der Mensch ist das Ende der Religion.“ – Feuerbach findet die menschlichen Wünsche und Ideale nicht schlecht – im Gegenteil. Aber Feuerbach glaubt, dass es für den Menschen nicht gut ist, wenn er seine Idealvorstellungen und Wünsche auf einen jenseitigen Gott projiziert, den es doch gar nicht gibt.
Nach Feuerbach soll der Mensch aufhören mit Religion und sich auf andere, wirksamere Weise um die Verwirklichung seiner Wünsche und Idealvorstellungen bemühen, und zwar konkret, hier und jetzt auf dieser Welt. Feuerbach schreibt: „Der Mensch soll das Christentum aufgeben, dann erst wird er Mensch.“ Feuerbach ist überzeugt: Wenn wir Menschen einmal diese Zusammenhänge zwischen menschlichen Wünschen und religiösem Glauben entdeckt haben, dann werden wir die Religion von selbst aufgeben. Der Mensch ist somit auch das Ende der Religion.

Soweit Feuerbach. Die für uns spannende Frage lautet natürlich: Hat Feuerbach Recht? Wenn wir ehrlich sind, müssen wir Feuerbach weitgehend zustimmen. Wir machen uns von Gott oft ein Bild, das mehr mit unseren eigenen Wünschen und Problemen zu tun hat als mit der Wirklichkeit.

Es gibt aber eine zentrale Ausnahme: Weihnachten. An Weihnachten feiern wir, dass in Jesus von Nazaret Gott Mensch geworden ist. Wir glauben, dass Gott in Jesus unsere Schwächen, unsere Unwissenheit, unsere Ohnmacht und das Bewusstsein, sterben zu müssen, auf sich genommen hat.

An Weihnachten feiern wir, dass Gott Mensch geworden ist. Das ist das genaue Gegenteil dessen, was Feuerbach behauptet: Wir Menschen wollen sein wie Gott.
In Klammer: Dieses Seinwollen wie Gott ist übrigens der Grund, weshalb Adam und Eva, d.h. der Mensch, sich am Baum der Erkenntnis, d.h. an der von Gott geschaffenen Ordnung, vergreifen. Die Schlange verspricht ihnen nämlich, „ihr werdet nicht sterben“; „ihr werdet [sein] wie Gott“. So steht es wörtlich im Buch Genesis (3,4f.). Natürlich ist Weihnachten ein schönes und gemütvolles Fest. Aber das ist nur vordergründig der Fall. Tiefgründig geht es um eine Geschichte, vor der wir alle spontan zurückschrecken.

In Jesus von Nazaret gibt Gott es auf, Gott zu sein. Gott wird nicht nur uns Menschen gleich, sondern er stirbt auch noch für uns am Kreuz. Paulus schreibt dies in aller Deutlichkeit an die Philipper: Jesus Christus „hielt nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäusserte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“ (Phil 2,6-8; gekürzt).

Ein Gott, der ein ohnmächtiger und sterblicher Mensch wird und (noch dazu) einen blutigen und ehrlosen Tod erleidet – das ist alles andere als Wunschdenken. Mensch werden und am Kreuz sterben, das ist nicht das, das wir Menschen an Gottes Stelle tun würden.

Was immer wir von Weihnachten, Karfreitag und Ostern halten: Diese Geschichte geht auf kein Wunschdenken zurück. Sie ist zu gewagt und zu brutal, um menschliche Erfindung zu sein. Das zeigt sich unter anderem daran, dass die frühen Christen grosse Mühe haben mit dem Kreuzestod Jesu, mit der Tatsache, dass ihr Hoffnungsträger, ihr Messias, wie ein Schwerverbrecher hingerichtet wird. Das Ringen um diese unangenehme Wahrheit durchzieht sämtliche Schriften des Neuen Testaments. Besonders eindrückliche Formulierungen finden wir bei Paulus. So schreibt er an die Galater: Christus ist „für uns zum Fluch geworden“, „denn es steht in der Schrift: Verflucht ist jeder, der am Pfahl hängt.“ (Gal 3,13). Noch Anselm von Canterbury im 11. Jahrhundert schreibt ein Buch mit genau dieser Frage im Titel: Cur Deus homo – Warum wird Gott Mensch? Und damit meint er natürlich vor allem die Frage: Warum stirbt Gott am Kreuz?

Wir müssen vor Feuerbach und allen anderen Religionskritikern keine Angst haben. Im Gegenteil. Ihre Kritik ist uns eine grosse Hilfe, den christlichen Glauben tiefer zu verstehen und dadurch auch mehr zu schätzen.

Zum Schluss braucht Feuerbach noch eine Antwort von uns. Feuerbach schreibt: „Der Mensch ist der Anfang der Religion, der Mensch ist der Mittelpunkt der Religion, der Mensch ist das Ende der Religion.“ Wir können darauf gerne antworten: „Gott ist der Anfang und der Ursprung des Menschen, Gott ist die Mitte und das Heil des Menschen, Gott ist das Ende und das Ziel des Menschen.“

Amen.

Zum Bild: Ludwig Feuerbach, Stich von August Weger (Ausschnitt)