Predigt am Hochfest der Unbefleckten Empfängnis Mariens

08.12.2020

Am Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria, welches wir jeweils am 8. Dezember begehen, hielt Abt Urban Federer folgende Predigt:

Eigentlich wollten Sie für einmal ganz ruhig bleiben, sich nicht aufregen. Plötzlich merken Sie, wie Ihr Blut in Wallung gerät und bevor Sie sich fassen können, rasten Sie aus. Peinlich sind uns solche Momente im Nachhinein, liebe Schwestern und Brüder, doch rückgängig machen können wir sie deswegen nicht. Nicht nur in solchen Situationen merken wir, wie sehr wir an unsere Gefühle und Stimmungen gekettet sind. Da träumen wir von Freiheit und kommen von unseren Abhängigkeiten nicht los: dieses ewige Kritisieren anderer, das Gefühl von Neid und vom zu kurz zu kommen, das Verlangen nach Benebelung, Alkohol, Essen, Pornographie und die Gier nach Neuigkeiten, das Nie-zur-Ruhe-Kommen und die Angst, etwas zu verpassen. Und auch Leere, Traurigkeit und das Gefühl, das eigene Leben sei sinnlos, können uns gerade in dieser Pandemiezeit überkommen, in der viele von uns, mehr als uns lieb ist, alleine sind.

Diese Gedanken kamen mir beim Betrachten der heutigen Lesung, der Geschichte von Adam und Eva. Es ist die Geschichte des Menschen, der sich vor Gott versteckt. Es ist Adam und Eva peinlich, dass sie zuerst von der Frucht genommen haben, die ihnen verboten war, und nun ertappt werden. Und sie lügen, denn eigentlich müssten sie Verantwortung übernehmen. Stattdessen schieben sie die Schuld herum: die Frau war es, die Schlange ist schuld, aber nicht ich! Das ist der Mensch, der nicht sich selbst ist, der eher von sich davonrennt – und nicht sich selbst sein, kostet viel Energie. Diese Situation beschreibe ich hier, wenn ich an Sünde denke. Sünde meint die Abwesenheit von Gott in unserem Leben – Gott hat ja in dieser Geschichte keine Chance, denn der Mensch versteckt sich vor ihm. Sünde meint das Getrenntsein vom Leben Gottes. Sünde heisst nicht in erster Linie: ich habe etwas falsch gemacht. Beim Menschen, der sich im Garten in der Sünde einschliesst, kann Gott zuerst einmal gar nicht eintreten, weil dieser Mensch nicht offen für das Leben Gottes ist, weil der Mensch sich wie Adam und Eva versteckt, anstatt das Gegenüber Gottes zu sein und sich lieben zu lassen. Sünde geht also tiefer als unser Tun: Sünde trennt uns vom Leben Gottes.

«Der Mensch gab seiner Frau den Namen Eva, Leben, denn sie wurde die Mutter aller Lebendigen.» Leben tun die beiden, Adam und Eva, aber unter grossen Anstrengungen und ohne Aussicht auf Glück. Sie vegetieren mehr, als sie wirklich leben! Getrennt von Gott leben sie in im Versteck der Schuld, die niemand eingesteht und zu der niemand steht. Mater viventium. Was im Alten Testament von Eva gesagt wird – «Mutter aller Lebendigen» –, steht in der Einsiedler Klosterkirche, von Engeln als Spruchband getragen, unter dem Hochaltarbild, das die Gottesmutter Maria zeigt, wie sie in den Himmel eingeht, dorthin also, wo Gott ist, wo es kein Versteck voreinander gibt. Wir feiern heute Maria als die «Mutter aller Lebendigen», die ohne Sünde empfangen wurde: Sie lebte also von Anfang an in der Gnade. «Sei gegrüsst, Du Begnadete, der Herr ist mit dir», sagt der Engel zu Maria. Gnade steht hier im Gegensatz zur Sünde. Während die Sünde die Abwesenheit von Gott in unserem Leben meint, das Getrenntsein vom Leben Gottes, ist Gnade die Anwesenheit Gottes im Leben des einzelnen Menschen und in der Gemeinschaft der Kirche. Der Anruf zur Gnade kommt von Gott. Er tritt in ihr Leben ein – und findet Maria. Sie versteckt sich nicht, sondern bejaht das Leben, wie Gott es von ihr möchte. Nun ist das aber alles andere als abgehoben kitschig. «Sie erschrak über die Anrede», heisst es zur Reaktion von Maria. Die Begegnung mit dem lebendigen Gott kann im Leben eines Menschen eine Erschütterung sein. Wir fühlen uns oft einfach zufrieden mit unserem Leben und versuchen es in sichere Bahnen zu leiten, was uns viel Energie kostet; da kann die Begegnung mit Gott eigentlich nur stören. Wenn uns nun aber Gott wirklich im Innersten erschüttert, werden wir herausgerissen aus einer falschen und unechten Sicherheit. Wir spüren im Tiefsten, dass wir nicht echt sind, uns teilweise etwas vormachen und oft durchaus nicht bereit sind, dass der Hl. Geist in unserem persönlichen Leben oder im Leben der Kirche etwas verändern möchte. Marias Antwort auf den göttlichen Anruf, auf ihr inneres Erschüttert-Werden: «Mir geschehe, wie du gesagt hast», ist darum alles andere als einfach nachzuvollziehen. Vielmehr ist diese Antwort eine Herausforderung: Bevor wir uns fragen, wie wir am besten gut und richtig leben können, müssen wir uns fragen, ob Gott bei uns überhaupt eine Chance hat, uns zu erschüttern und aufzurütteln. Bevor wir Gott in unser System von Glaube und Kirche einbauen, sollten wir uns von Ihm zuerst ansprechen lassen und unser Leben von Gott her verstehen. Denn Gott bringt das echte und wahre Leben, darum wird Maria Mater viventium, «Mutter aller Lebendigen» genannt.

Liebe Brüder und Schwestern, am heutigen Fest bekennen und glauben wir, dass die Gottesmutter Maria ganz in der Gnade, im Leben Gottes ist. Das ist das erste und das Wichtigste, was wir als Christinnen und Christen leben dürfen: uns von Gott finden, von Gott annehmen und lieben lassen – gerade auch, wenn unser Blut in Wallung gerät und wir uns in Abhängigkeiten verstricken. Bringen wir diese Erfahrung des Paradies-Gartens, wo Gott uns finden und uns wahres Leben geben kann, zu denen, die sich nach Freiheit, Echtheit und göttlichem Leben sehnen! Das heutige Fest lehrt uns: es lohnt sich, sich von Gott finden zu lassen. Die Gottesmutter Maria ist uns dafür Hoffnungszeichen und Fürsprecherin. Amen.

Zum Bild: Das von Abt Urban erwähnte Spruchband „Mater viventium“ unterhalb des Hochaltarbildes in unserer Klosterkirche.