Sonntagsgedanke – 13. Dezember 2020

12.12.2020

Das Große Walsertal, das im Moment meine Wahlheimat ist, wurde einmal sehr treffend als „ein von Tobeln durchzogenes Tobel“ beschrieben. Es war tatsächlich lange Zeit unklar, ob man da hinein je einmal eine einigermaßen gerade Straße würde bauen können. Es gelang tatsächlich. Aber nur, indem man die Anweisung Johannes‘ des Täufers beherzigte: Jedes Tal muss ausgefüllt, jeder Hügel abgetragen werden.

Was heißt das für uns? Das wollten auch die Leute von damals wissen und baten Johannes, da bitte etwas konkreter zu werden. Er tat es vielleicht mehr als uns lieb ist: „Wer zwei Gewänder hat, der gebe dem eines, der keines hat“. Das ist nicht nur konkret, sondern fast peinlich. – Vor einiger Zeit wurden mitten auf der Straße junge Leute gefragt, wie viele Gewänder sie zuhause im Schrank liegen hätten. Eine junge Frau antwortete ganz spontan: „Das weiß ich nicht genau. Fragen Sie lieber, wie viele Schränke voll Kleider ich habe!“ Und sie fügte etwas verlegen hinzu, dass sie nur die wenigsten von ihnen regelmäßig anziehe, dass sie aber trotzdem immer wieder aufs Neue shoppen geht.

Wer kennt das nicht selber …

Imelda Marcos, die frühere First Lady der Philippinen, besaß ganze 1060 Paar Schuhe. Als sie 1986 aus dem Land gejagt wurde, konnte sie nur ein einziges Paar mitnehmen, nämlich jenes, das sie gerade an den Füßen trug. Und im Kloster werden einem, wenn man in den Sarg gelegt wird, die Sandalen an den Füßen weggenommen. So geht man den Weg alles Irdischen nur in schwarzen Wollsocken.

Um auf Johannes zurückzukommen: Es ging ihm nicht um Askese, sondern um das Zuviel bei uns und das Zuwenig bei anderen.

So könnte man/frau im Advent ganz konkret den/die Kleider- und Schuhkasten mal durchgehen und (auf Rat Johannes des Täufers) 50% weggeben. Und man/frau könnte bei Neuanschaffungsgelüsten die Geldsumme anderswohin fließen lassen. Irgendwie wird man es zwar dann ab und zu bereuen. Und ebenso sicher wird sich im Herzen eine jener kleinen Freuden einnisten, die so echt sind und wo man genau weiß: das war richtig so.

P. Christoph Müller