Predigt zum Christkönigsonntag 2020

22.11.2020

Am 22. November hielt Abt Urban Federer zum Christkönigsonntag folgende Predigt:

Sind Sie eine gute Katholikin, ein guter Katholik? Ich stelle Ihnen diese Frage so direkt, da man im Moment den Eindruck bekommt, die eigene Einstellung zur Konzernverantwortungsinitiative mache aus, ob Sie ein guter Katholik oder eine gute Katholikin sind. Dabei berufen sich beide Seiten – Unterstützer oder Gegnerinnen der Initiative – auf das eigene Gewissen. Das ist eine gute Botschaft: Nur wer sich mit einer Sache wirklich auseinandersetzt, kann sich auf einen Gewissensentscheid berufen. Aber um gut katholisch dem Gewissen zu folgen, muss dieses christlich gebildet sein. Was heisst das denn: einem christlich gebildeten Gewissen zu folgen?

Wenn etwas «christlich» ist, muss es mit Jesus Christus in Verbindung gebracht werden können. Wie für alle vier Evangelien ist der Kern des Christentums auch für das Matthäusevangelium die Passion, der Tod am Kreuz und die Auferweckung Jesu. Davon berichten die drei letzten Kapitel 26 – 28 dieses Evangeliums, darauf läuft das ganze Evangelium zu. Wer also glaubt, dass Jesus Christus für uns gelitten hat und gestorben und auferstanden ist, befindet sich im Kern christlicher Hoffnung. Nur: Was heisst dieser Glaube für das eigene Leben, für das eigene Gewissen? Auch der Kern eines Glaubens kann an mir abgleiten, wenn er nicht mein Leben bestimmt und damit mein Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst. Darum stellt das Matthäusevangelium am Ende des 25. Kapitels im heutigen Evangeliumsabschnitt, kurz vor der Geschichte von Tod und Auferstehung Jesu also, eine Frage. Es ist die Frage nach unserer Beziehungsfähigkeit mit diesem Jesus, der für uns in den Tod geht, damit wir leben.

Um die Frage nach unserer Beziehungsfähigkeit zu beantworten, müssen wir zuerst wissen, wo wir uns genau, Sie und ich, in diesem Evangelium befinden. Wenn darin steht: «Und alle Völker werden vor ihm versammelt werden und er wird sie voneinander scheiden», dann gehen heute viele Kommentatoren dieser Stelle davon aus, dass mit «Völker» die Heiden gemeint sind. Heiden sind in biblischer Tradition alle, die nicht zum Volk Gottes gehören. Wir, die an Christus glauben, kommen also so gesehen im heutigen Evangelium gar nicht vor, sondern schauen Christus gleichsam über die Schultern und lernen von ihm, worauf er schaut, wenn er Menschen beurteilt. Und was fällt uns beim Hören dieser Stelle auf? Auch wenn wir hier vor einer Gerichtszene stehen, kommt der Ausdruck «Gericht» gar nicht vor. Vielmehr fordert Christus von allen, die an ihn glauben, Barmherzigkeit. Gerechtigkeit wird im Evangelium also mit Barmherzigkeit gepaart. Und noch etwas lernen wir Christinnen und Christen vom Menschensohn: Viele Menschen in all diesen Völkern finden zum Leben, auch wenn sie Christus nicht kennen. Sie folgen ihrem Gewissen und sind darum barmherzig. Dass sie damit Christus gedient haben, erfahren sie erst in der Begegnung mit Christus in seiner Herrlichkeit. Er nimmt jedenfalls ernst, was wir Menschen getan oder nicht getan habe. Wir lernen also in diesem Evangelium nicht eine Barmherzigkeit, die wie ein Zuckerguss über unser Leben gelegt wird und uns letztlich gar nicht ernst nimmt. Christus fordert ganz konkret die Hinwendung zu den Kleinen dieser Welt, zu den Armen und Notleidenden. Das muss unsere Gewissensentscheide prägen, auch wenn es um politische Initiativen geht. Weitere Fragen werden im Evangelium keine gestellt, offenbar triumphiert die Barmherzigkeit über alles andere, Gottes Verzeihen in Barmherzigkeit bestimmt sein Richten.

«Wahrheit heisst sein Reich, Kraft, Gerechtigkeit, Treu und Billigkeit.» So habe wir am heutigen Christ-König-Sonntag im Eingangslied «König ist der Herr» gesungen. Diese Worte christlicher Tugenden lassen mich aufschauen in die Weihnachtskuppel dieser Kirche, unter der ich jetzt stehe und predige. Auf dem Bild da oben wird Gottes Wort Fleisch, Mensch. Es will uns leiten in unserem Leben. Wie beziehungsfähig sind wir?, fragt uns diese Weihnachtskuppel. Die Künstler der Kuppel waren überzeugt: Wenn wir aus der Beziehung mit Jesus Christus heraus leben, kommt sein Friede zu uns, denn er ist der Friede, der uns den Weg zum Vater eröffnet, den Weg in den Himmel auftut. Und so steht dort oben auf einer Tafel zwischen dem Weihnachtsbild und uns, zwischen Himmel und Erde: iustitia et pax osculatae sunt – Gerechtigkeit und Friede küssen sich. Diese Worte stammen aus Vers 11 von Psalm 85 und sind eine Fortführung der Worte, die auf der Tafel auf der anderen Seite der Weihnachtskuppel stehen: misericordia et veritas obviaverunt sibi – Barmherzigkeit und Wahrheit begegnen sich. Wie das heutige Evangelium fordert uns dieser Kirchenraum auf, aus der Beziehung mit dem menschgewordenen Sohn Gottes zu leben, der für uns in den Tod gegangen ist, um uns den Himmel zu öffnen, das Tor zu Leben in Gott. Gerechtigkeit, Friede, Barmherzigkeit und Wahrheit kommen uns für unser Leben aus unserer Beziehung mit Jesus Christus zu. Und damit wir dies nicht vergessen, schauen uns aus den Ecken der Weihnachtskuppel vier Tugenden, vier Frauengestalten an: Gerechtigkeit und Frieden, Barmherzigkeit und Wahrheit. Diese Tugenden rufen uns zu: «Hier in der Kuppel sind wir zusammengekommen, weil wir Teil von Gottes Reich sind und aus Jesus Christus heraus leben! Wo sind wir in Deinem Leben? In Deinem Gewissen?»

Zum Bild: Abt Urban spannte in seiner Predigt den Bogen vom Christkönigsonntag zum Weihnachtsfest. Er kam deshalb auch auf unsere wunderschöne, von Cosmas Damian Asam gemalte Weihnachtskuppel zu sprechen. Um die in der Predigt genannten Bibelzitate und die Personifikationen von Friede und Gerechtigkeit zu sehen, muss man aber persönlich nach Einsiedeln kommen – in dieser Coronazeit am besten unter der Woche.