Predigt zu Allerheiligen 2020

02.11.2020

Am 1. November hielt unser Dekan, Pater Daniel Emmenegger, eine ausgezeichnete Predigt, die wir hier gerne wiedergeben:

Schwestern und Brüder im Herrn, können wir noch feiern, was wir heute feiern? Wir feiern alle Heiligen, also die grossen Menschen unserer Kirche. Können wir das noch? Vermögen wir noch an Grösse von Menschen zu glau-ben? Wenn die Coronapandemie unsere Nachrichten nicht derart dominieren würde, würden wir vermutlich noch mehr davon hören, wie da und dort Denkmäler gross geglaubter Menschen entfernt; wie nach angeblich grossen Menschen benannte Strassen umbenannt werden sollen. Dies deshalb, weil neuere Forschungen, Entdeckungen, Enthüllungen zeigen, dass sich bei diesen Menschen nebst «Zügen von Adel, Verlässlichkeit, Güte»; nebst Grossem, das sie getan und geleistet haben, sich auch viel «Unzulänglichkeiten, Bosheiten und Hässlichkeiten» finden. Man entdeckt ihre Menschlichkeit und damit ihre menschlichen Grenzen, bedingt durch ihre konkrete zeitlich-geschichtliche Situation; bedingt durch die Endlichkeit, die allem menschlichen Tun anhaftet; bedingt durch ihre Irrtümer, denen sie vielleicht oblagen; bedingt durch charakterliche Schwächen und persönliche Verletzungen. Personen, die wir in der Kirche als Heilige verehren, sind von solchen Entdeckungen nicht ausgenommen. Also müsste unser Fazit doch lauten: Der Mensch ist kein Heiliger. Wie können wir heute also heilige Menschen als die wahren Grössen unserer Kirche feiern?

Eines steht jedenfalls fest: Heilig wird niemand dadurch, dass wir unsere höchsten Ideale eines vollkommenen Menschen in bestimmte Personen projizieren, dieses Ideal also in der Realität anzutreffen verlangen,2 nur um dann enttäuscht festzustellen, dass dieses Ideal über das menschenmögliche hinausging.
Wir tun besser, wenn wir uns nochmals die heutigen Schriftlesungen vergegenwärtigen: Im Buch der Offenbarung wurde gefragt: «Wer sind diese alle, woher sind sie gekommen?» (vgl. Offb 7,13). Die Antwort lautete: «Es sind die, die aus der grossen Bedrängnis kommen» (Offb 7,14). Daran schlossen die Seligpreisungen aus dem Matthäusevangelium unmittelbar an, man muss nur mal ein wenig auf die Spannung achten, die in ihnen steckt: «Selig, die Armen, Trauernden, Verfolgten und Beschimpften» (vgl. Mt 5,3-11); und diese Spannung lässt sich noch steigern: Je ärmer, trauernder, verfolgter und beschimpfter – desto seliger! Heilige sind in vielerlei Hinsicht Be-drängte. Aber wovon und von wem?

Wer das Buch der Offenbarung kennt, weiss um die unzähligen Bedrängnisse, welche die Menschen in Form von Kriegen, Krankheiten und Seuchen einholen – Katastrophen in einem eben apokalyptischen Ausmass, angesichts dessen unsere gegenwärtige Coronapandemie geradezu harmlos erscheint. Um solche Einzelkatastrophen geht es aber nicht. Die Bedrängnis der Heiligen ist viel grundlegender. Nicht einzelne Schicksale, sondern die Welt an sich wird ihnen zur Bedrängnis und darin ihr eigenes Dasein und ihr Leben in ihrer menschlichen Begrenztheit. Sie erfahren die Grundeinsicht unseres Glaubens, dass der Mensch und das Dasein, wie ihn bzw. wie es die ganze Geschichte zeigt, nicht der Mensch und das Dasein der ersten von Gott geschaffenen Wirklichkeit ist; dass hier vielmehr etwas geschehen ist, das die Verfassung des Lebens, wie es ursprünglich war, verändert hat3 – traditionell sprechen wir vom Sündenfall. Weshalb aber bekommen die Heiligen diesen Umstand in besonderer Weise zu spüren? – Weil sie mitten in dieser Welt, in diesem Dasein, in diesem Leben, inmitten ihrer menschlichen Begrenztheit, Unzulänglichkeit und – ja eben! – Gebrochenheit die über alle Erkenntnis hinausgehende Liebe Jesu Christi erkannt haben (vgl. Eph 4,19). Für diese Menschen wird der Kontrast zwischen der erkannten Liebe und der Gebrochenheit des Daseins und des Menschseins, die im Grunde eine Verneinung dieser Liebe ist, nur umso schärfer – und bedrängender. Glaube und Taufe nimmt diese Bedrängnis nicht einfach hinweg, sondern verschärft sie im Gegenteil noch!

Denn erstens verkörpert der Mensch Jesus Christus nicht das Ideal eines vollkommenen Menschen gemäss unseren Vorstellungen eines solchen Idealmenschen. Vielmehr führt er uns die ganze Gebrochenheit unseres Da-seins und unseres Menschseins vor Augen. Ja mehr noch: Er nimmt diese Gebrochenheit auf sich bis hinein in den Tod, um sie von innen her zu erlösen. «Ecce homo» – «seht den Menschen», spricht Pilatus zur Volksmenge und zeigt auf den in einen Purpurmantel gekleideten, mit Dornen gekrönten und mit Blut überströmten Jesus (Joh 19,5)!

Zweitens gilt, dass der Knecht nicht grösser ist als sein Herr (Joh 13,16). Wenn schon der Herr die ganze Gebrochenheit unseres Daseins auf sich nahm; wenn er sich von der Verneinung der Liebe Gottes tödlich treffen liess, wird auch der Heilige, der diesem Herrn nachfolgt, ihn glaubt und bekennt, nicht einfach aus der Gebrochenheit des Daseins in eine heile Welt hineinkatapultiert. Er hat den Herrn in dieser nicht-heilen Welt, in der Gebrochenheit des Daseins und eben auch in der Gebrochenheit der eigenen Existenz zu glauben und zu bezeugen.

Je mehr nun der Heilige über Glaube, Bekenntnis und Taufe hinaus sich von der Liebe Christi treffen lässt; je mehr er selbst in dieser Liebe entflammt, desto ärmer erfährt er sich in dieser Welt; desto trauriger ist er über die Verneinung dieser Liebe in der Welt und in sich selbst; desto mehr bedrängt ihn die Enge dieser Welt: «Ich sehne mich danach, aufzubrechen und bei Christus zu sein – um wie viel besser wäre das!», schreibt Paulus an die Philipper (Phil 1,23). Aber: Der Heilige weiss sich seliggepriesen ob dieser Ar-mut, ob dieser Trauer, ob all dieser Bedrängnis; ja er bejaht seine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die er für Christus erträgt (vgl. 2 Kor 12,10) – die Bedrängnis ist nun selbst Ausdruck der Liebe Christi!

Getragen von dieser Liebe würden die Heiligen auch aus ihren persönlichen durch die Gebrochenheit des Daseins bedingten Schwächen, Fehlern und Irrtümern keinen Hehl machen. Wozu auch? Sie verkündigen ja nicht sich selbst, sondern Christus (vgl. 2 Kor 4,5). Sie würden uns davor warnen, ihnen Denkmäler zu errichten und Strassen nach ihnen zu benennen. Vielmehr würden sie uns zurufen: «Freut Euch darüber, dass Ihr zusammen mit uns Anteil an der Liebe Christi habt!» (vgl. 1 Petr 4,13). Dies macht uns noch auf einen entscheidenden Aspekt des Allerheiligenfestes aufmerksam: Die Heiligen, die wir heute feiern, feiern wir nicht als Personen einer geschichtlichen Vergangenheit, sondern als Personen, mit denen wir hier und heute in der einen Kirche Gemeinschaft haben – eine Gemeinschaft, die über die Grenzen von Raum und Zeit und damit auch weit über coronabedingte Begrenzungen hinausgeht.

Können wir heute alle Heiligen, also die Grossen unserer Kirche feiern? – So haben wir eingangs gefragt. Und wir antworten: Ja, wir können, denn ihre Grösse ist Christus. Ja mehr: Wir müssen, denn durch den Vollzug dieser Feier wird Christus auch hier und heute bezeugt – durch uns, in Gemeinschaft mit allen Heiligen. Wie könnten wir schweigen über die Liebe Christi, die wir erkannt haben (vgl. Apg 4,20)? Die Liebe Christi drängt uns (2 Kor 5,14).

Amen.

Zum Bild: Pater Daniel nannte in seiner Predigt Strassen, die nach grossen Persönlichkeiten benannt sind und nun umbenannt werden sollten. Wir gehen davon aus, dass die „Meinradstrasse“ auf der Insel Reichenau ihren Namen behalten kann…