Sonntagsgedanke – 29. November 2020

28.11.2020

Es ist Samstagmittag, da ich diese Zeilen schreibe, und ich weiss: Heute Abend beginnt mit der Vesper bereits der Advent. Jetzt, diese paar Stunden zuvor, scheint mir das noch sehr weit weg. Man ist noch mitten im sogenannten «Jahreskreis». Das ist die Zeit im Kirchenjahr, die nicht durch einen besonderen Charakter geprägt ist: Das Warten auf den Herrn im Advent; die Feier seines Kommens in der Weihnachtszeit; das vierzigtägige Fasten vor Ostern; schliesslich die fünfzigtägige Feier des Ostersieges, die im Pfingstfest gipfelt.

Dennoch weiss ich, dass heute Abend die Dinge sozusagen umgedreht sein werden. Ich werde mitten im Advent sein, und der «Jahreskreis» scheint weit weg. Zumeist geschieht dies, wenn in der Vesper der Hymnus erklingt: Conditor alme siderum, aeterna lux credentium, Christe, redemptor omnium, exaudi preces supplicum – Gütiger Schöpfer der Sterne, ewiges Licht der Gläubigen, Christus, Erlöser aller, erhöre die Bitten der Flehenden.

Advent auf Knopfdruck also? Ja und nein. Zum einen staune ich, wie stark die kirchliche Liturgie uns prägen, uns hineinnehmen kann in das Geheimnis unseres Glaubens mit Namen Jesus Christus, ja wie sie dieses Geheimnis zur Sprache, zum Tönen, zum Singen bringt, so dass man hier gleichsam zur Schule gehen, sozusagen Teil des göttlichen Mysterium werden kann. Und mit dem Advent ertönen nun die Texte, die so voller Erwartung sind, so voller Hoffnung. Texte, die uns gerade in dieser von Corona und anderen Krisen geprägten Zeit gut tun werden; unseren Blick «nach oben» richten werden, auf Den, der da kommt im Namen des Herrn.

Andererseits aber bereitet die Liturgie ja auch auf den Advent vor. Schon die Endzeittexte der vergangenen Tage und Wochen warnten uns davor, uns nicht zu sehr an Dinge zu klammern, auf die im Letzten kein Verlass ist und verwiesen inmitten von Katastrophen und Niedergängen auf Den, der bleibt; und auf den wir unser Leben bauen und unsere Hoffnung setzen können. Vielleicht kann man sagen, sie bewirkten eine Desillusionierung und machten uns so ausschauend und erwartend. Nun bekommt der Inhalt dieser Erwartung immer ein konkreteres Gesicht, bis dieses uns schliesslich aus der Krippe entgegenlächelt.

Allen eine erwartungsvolle und lichtreiche Adventszeit!

P. Daniel Emmenegger