Predigt am Meinradssonntag, 11. Oktober 2020

12.10.2020

Zum Fest der Übertragung der Gebeine des hl. Meinrad (auch „Meinradssonntag“ genannt), hielt Pater Lorenz Moser folgende Predigt:

Liebe Schwestern und Brüder, Zuhörerinnen und Zuhörer!

Der 6. Oktober 1039 ist für unser Kloster ein ganz wichtiges Datum, auch wenn es uns kaum so im Bewusstsein ist. An diesem Tag wurden die Gebeine des hl. Meinrad, der bekanntlich Mönch des Klosters Reichenau war, hierher nach Einsiedeln gebracht; fast möchte ich sagen, seine Gelübde seien dadurch posthum auf unser Kloster übertragen worden – jedenfalls ist er damit einer von uns geworden. Und seither geht unsere benediktinische Gemeinschaft zusammen mit ihm den Weg des monastischen Lebens, den Weg des Gotteslobes, den Weg der Gottsuche.

Auf diesem Weg begleitet uns die Frage des Mannes im heutigen Evangelium: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?“

Jesus gibt darauf zwei verschiedene Antworten, eine minimale und eine maximale:
– „halte die Gebote“, und
– „geh hin, verkaufe alles, was du hast, gib den Erlös den Armen, und dann komm und folge mir nach“.

Für den Mann ist die erste Forderung selbstverständlich, er hat die Gebote immer schon gehalten, er möchte jedoch noch etwas mehr tun, ein Christentum „light“ ist ihm zu wenig, doch die zweite Forderung ist ihm nun doch zu viel: er ging traurig weg, denn er hatte ein grosses Vermögen.

Als Mönche haben wir uns der zweiten Forderung verpflichtet, doch dieser Weg ist nicht eines jeden Christen Sache. Deshalb stellt sich die Frage, ob es da nicht auch noch einen Zwischenweg gibt, etwas mehr als das blosse Halten der Gebote.

Setzen wir an die Stelle der 10 Gebote, auf die Jesus wohl anspielt, das Doppelgebot der Gottes- und der Nächstenliebe, dann sieht die Aufforderung, die Gebote zu halten, etwas anders aus.  Im Rahmen der 10 Gebote kann man gleichsam ankreuzen, was man getan oder nicht getan bzw. wo man gesündigt hat, wie es in der früheren Beichtpraxis oft der Fall war: gelogen: ja, ein paar Mal, gestohlen: nein!

Das Gebot der Nächstenliebe hingegen setzt all unsere Beziehungen zur Umwelt und zu den Mitmenschen in ein anderes Licht. Es stellt sich immer die Frage: entspricht mein Tun dem Gebot der Nächstenliebe, wird durch mein Tun, meine Haltung, meine Entscheidungen die Würde des Mitmenschen geachtet und gewahrt, eine Frage, die oft gar nicht so leicht zu beantworten ist, weil wir ja selber auch unsere berechtigten Ansprüche haben. Erst recht schwierig wird es bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen, wo es oft schwer zu beurteilen ist, welche Sicht nun der christlichen Botschaft am besten entspricht, zumal da oft Kompromisse gemacht werden müssen; das mag mit ein Grund sein, warum man neuestens das „C“ aus der Parteienlandschaft verschwinden lassen möchte.
Christliches Leben erschöpft sich nicht im Halten der Gebote, es muss bestimmt sein von der Grundhaltung der Gottes- und der Nächstenliebe, und das setzt die stets neue Begegnung und Auseinandersetzung mit der Botschaft Jesu Christi voraus, die uns immer wieder neu stützen und inspirieren muss.

Angesichts der Veränderungen in der heutigen kirchlichen Disziplin und Praxis ist es eine geradezu existentielle Frage, wie wir in unserer modernen bzw. postmodernen Gesellschaft diese Botschaft Christi präsent halten und an die Leute herantragen können.

Da hat uns der hl. Meinrad ohne Zweifel ein wertvolles Erbe hinterlassen: er hat den Grundstein gelegt zu diesem Ort, wo bis auf den heutigen Tag nicht nur durch die Klostergemeinschaft, sondern auch durch die unzähligen Pilgerinnen und Pilger die Gegenwart Gottes lebendig erhalten wird. Das ist unser aller Beitrag zur Verkündigung des Reiches Gottes. Viel mehr müssen wir gar nicht tun, wie auch Jesus einfach da war und die frohe Botschaft denen verkündete, die sie hören wollten. Seien wir dankbar, dass wir der heutigen Gesellschaft diesen wertvollen Dienst erweisen können; es ist eine Aufgabe, die uns immer wieder mit Freude und Dankbarkeit erfüllen kann.

Amen.

Bild: Rückkehr der Gebeine des hl. Meinrad, gemalt von Bruder Martin Erspamer, Erzabtei St. Meinrad, USA.