Kurzpredigt am 16. Oktober 2020

16.10.2020

Immer wieder veröffentlichen wir auf unserer Webseite Predigten, welche an Sonn- und Feiertagen gehalten werden. Doch auch unter der Woche beschenken uns einzelne Mitbrüder mit guten Gedanken. Hier eine Kurzpredigt von Pater Patrick Weisser, gehalten im Konventamt zum Gallustag 2020:

In der Klosterkirche von St. Gallen stehen über dem Altar des heiligen Gallus die Worte: „Haec requies mea“ – „Das ist der Ort meiner Ruhe“. Wie Gott im Psalm sich selbst den Ort seiner Ruhe, den Ort der Bundeslade auswählt, so hat auch Gallus den Ort seines Bleibens gefunden. Nach der Legende hat ihm ein Bär das Bauholz getragen und ihm gezeigt, wo er seine Zelle bauen sollte.

Wie so oft entspricht die spätere Deutung und Legende nicht ganz der Wirklichkeit des Lebens. Gallus hat nicht ganz aus eigenem Entschluss gehandelt, als er sich am Ort des späteren Klosters St. Gallen niedergelassen hat. Die Wahrheit ist vielmehr: Gallus war krank und musste zurückbleiben, während sein Meister Kolumban im Jahr 612 nach Italien weiterzog.

Und doch sind wir heute froh darum, dass Gallus krank wurde, denn sonst hätte es das Kloster St. Gallen vielleicht gar nie gegeben.

Wenn wir ehrlich sind, sieht es in unserem Leben nicht viel anders aus als im Leben des heiligen Gallus. Zwar sind auch wir gerne selbst am Steuer unseres Lebens und wollen die wichtigen Entscheidungen gerne selbst treffen. Und doch kommt so vieles anders als von uns gewünscht. Was dann?

Ein Blick zurück auf unser Leben kann hilfreich sein: Das Wertvollste, die wichtigsten Begegnungen sind oft nicht das Resultat unserer eigenen Anstrengung, sondern das Ergebnis von Zufall oder Fügung. Ja noch mehr: Manchmal sind es gerade unsere scheinbaren Schwächen und Mängel, die unser Leben entscheidend mitbestimmen.

Wir alle sind Kranke und Verwundete, die den Ort ihres Heils, den Ort der Begegnung mit Gott, nicht selber wählen. Viktor Frankl sagt es so: „Wie oft sind es erst die Ruinen, die den Blick freigeben auf den Himmel!“