Sonntagsgedanke – 27. Sept. 2020

26.09.2020

Vom Murmeltier und dem Milchmann

Letzthin sah ich im Schaufenster zweier Apotheken bereits wieder Werbung für pflanzliche Medikamente, die bei nervösen Spannungszuständen und unruhigem Schlaf helfen sollen. Das ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Herbst am Ankommen ist – und mit ihm die für viele typischen leichteren oder schwereren Verstimmungen.

In den Ferien hat mich auf einer Wanderung ein Murmeltier überrascht. Es war schon fast kugelrund und offensichtlich bestens ausgerüstet, den Winter schlafend im weichen Nest zu verbringen. Im Gegensatz zu Tieren, die einen Winterschlaf machen, ruhen viele von uns in der hellen und warmen Jahreszeit aus, um dann in der dunklen und kalten doppelt viel zu arbeiten. Sollte es nicht eigentlich umgekehrt sein? Von der Natur wäre einiges zu lernen!

Obwohl wir keine Murmeltiere sind, könnten wir uns trotzdem ein Nestlein bauen. Wir könnten die Wohnung wieder einmal richtig aufräumen und reinigen und gemütlich einrichten, um lange Winterabende mit einem guten Buch, einem warmen Getränk oder einem Gläschen Wein zu geniessen. Wir könnten den winterlichen Rückzug auch dazu benutzen, uns unserem Inneren zuzuwenden, Bilanz zu ziehen, nachzudenken und, warum nicht, zu beten.

Dazu braucht es unter Umständen gar nicht so viel. Ein alter spanischer Priester betete jeweils morgens in seiner Kirche das Brevier. Da hörte er zu einer bestimmten Zeit regelmässig vor der Kirche Milchkannen klappern, die Kirchentüre quietschen und nach kurzer Zeit wieder zugehen. Eines morgens konnte er der Neugierde nicht mehr widerstehen und wartete vor der Kirche auf den Gast; es war der Milchmann. Da fragte ihn der Pfarrer: «Ja, was, um Himmels willen, tust Du denn da eigentlich?» Darauf der Mann: «Ich komme jeden Tag, mache die Kniebeuge und sage: ‘Jesus da bin ich wieder! Ich bin es, Juan, der Milchmann’».

 

P. Theo Flury