Predigt an Engelweihe 2020

14.09.2020

Zur diesjährigen Engelweihe konnten wir Abtprimas Gregory Polan OSB, den obersten Repräsentanten der weltweiten benediktinischen Ordensfamilie, unter uns begrüssen. Der gebürtige Amerikaner hielt seine Predigt auf Englisch, während Pater Mauritius diese abschnittsweise auf Deutsch übersetzte. Der Einfachheit halber finden Sie die Predigt hier zuerst auf Deutsch und dann auf Englisch.

Predigt an Engelweihe (14. September 2020) von Abt Primas Gregory Polan OSB

Lesungen: Ez 43,1-2.4-7a; Joh 4,23-26

Die Erinnerung an die Weihe einer Kirche ist ein sehr feierlicher Anlass. Und vielleicht fragen wir: “Warum ist das so feierlich, so wichtig, so hochranging?” Ich würde gerne mit euch für einen Moment ins Alte Testament zurückgehen, zu einer Geschichte über den Patriarchen Jakob im Buch Genesis. Jakob musste einmal vor seinem Bruder Esau fliehen, weil er dessen Segen für sich erschlichen hatte. Auf dem Weg ins Land Haran hatte er eines Nachts einen Traum, während er einen Stein als Kopfkissen benützte. In dem Traum sah er an diesem Ort Engel hinauf- und vom Himmel heruntersteigen. Als Jakob aufwachte, merkte er, wie nahe Gott bei ihm gewesen war. Er sagte: «Der Herr ist an diesem Ort und ich wusste es nicht … Das ist nichts anderes als das Haus Gottes, das Tor zum Himmel.» Diese Schriftstelle sagt uns zwei wichtige Dinge: Erstens, Gott hat sich von frühester Zeit an als lebendiger Gott offenbart; und zweitens ist Gott uns näher, als wir es jemals wahrnehmen können. Um diese beiden Glaubenssätze zu zelebrieren, haben Menschen während Jahrhunderten Kapellen und Kirchen gebaut, die uns an Gottes Gegenwart erinnern, an seine Fürsorge, Liebe, Gnade und seinen Schutz für uns. Die Menschen kommen zu Heiligtümern, um auf besondere Weise die liebende Gegenwart Gottes in ihrem Leben zu erfahren. Obwohl wir wissen und glauben, dass Gott jeden Tag mit uns geht, rufen wir in besonderer Weise jene speziellen Gelegenheiten in Erinnerung, bei denen eine Kirche geweiht worden ist. Denn dies erinnert uns an unsere eigene Weihe als Volk Gottes. Das Gebäude, sagt uns der heilige Paulus, ist ein Symbol für das, was wir sind: Wir sind die Kirche, wir sind das Volk Gottes, wir sind das Volk, das Gott beschützt und liebt auf unserer Pilgerreise durch das Leben.

In der Lesung aus dem Buch des Propheten Ezechiel gibt es eine interessante Wendung, die uns hilft, die Entwicklung des Glaubens zu verstehen. Der Glaube kommt von unseren jüdischen Vorfahren. Wenn der Prophet den Tempel beschreibt, sagt er: «Siehst du den Platz für die Sohlen meiner Füsse?» Die Juden glaubten, dass Gott im Himmel thronte und dass die Sohlen seiner Füsse in ihrem Tempel ruhten und ihnen dadurch seine göttliche Gegenwart brachten. Diesen Gedanken finden wir vielleicht merkwürdig, doch er zeigt uns, für wie heilig unsere Vorfahren im Glauben Gottes Gegenwart hielten. Wichtig ist, dass Gott durch den Tempel bei ihnen war. Und diese göttliche Gegenwart strahlte in die ganze Welt aus. Israels Gott war ein lebendiger Gott, der für sie gegenwärtig war. Und der Tempel war ein besonderer Ort seiner Gegenwart.

Das Evangelium bringt unseren Glauben über das hinaus, was wir bei Ezechiel lesen. Die Ankunft Jesu Christi bei uns hat uns die göttliche Gegenwart in der Person Jesu gebracht, der durch unsere Welt wanderte, der unsere menschliche Existenz kennen lernte, der uns sich selber gab, seinen Geist. Weil sein Geist mit uns ist, werden wir angeleitet, wie wir unser Leben führen, unseren Glauben formen und die Kraft der Liebe Gottes in unserem Leben erfahren können. An Pfingsten gab uns der auferstandene Herr seinen Geist, damit er bei uns wohne. Durch seinen Geist, der bei uns ist, sind wir fähig, Gott jene Verehrung entgegenzubringen, die er wirklich verdient. Auf diese Weise erkennen wir, dass wir selber Tempel sind, Tempel des Geistes Christi.

Was bedeutet all das für uns persönlich? Auf welche Weise betrifft das unser Leben? Erstens ist die Erinnerung an eine Kirchweihe immer auch eine Erinnerung an Gottes Gegenwart bei uns. Obwohl die göttliche Gegenwart geheimnisvoll und unaufdringlich ist, bleibt Gott bei uns, sowohl in Zeiten grosser Herausforderungen und Schwierigkeiten, als auch in Zeiten des Segens und der Dankbarkeit. Gott ist nie fern von uns. Dies wollen wir mit ganzem Herzen glauben. Zweitens: So heilig die Gnadenkapelle und die Klosterkirche für uns auch sind, lasst uns die Heiligkeit nicht vergessen, die in jedem von uns wohnt. Bei unserer Taufe ist uns das kostbare Geschenk des Heiligen Geistes gegeben worden, damit er uns führe, uns beschütze und unseren Glauben nähre. Die starken Mauern, die die Gnadenkapelle stützen, der Boden, auf dem sie steht, die Lampen, die Licht spenden und uns das Sehen ermöglichen, die Statuen und Dekorationen, die uns an die Heiligen erinnern, alle diese Dinge sind Symbole für uns selber. Meine lieben Freunde, glaubt an die Heiligkeit, die in euch wohnt. Seid euch der grossen Würde bewusst, die ihr in euch habt. Und glaubt an die Kraft des Geistes Christi, der in euch wohnt. Heute ist das Fest eurer Grösse als Volk Gottes. Jeden Tag lebt ihr in der Liebe, mit der Gott euch liebt. Zweifelt nie daran, dass jedes Gebet, das ihr sprecht, von Gott gehört und zu der Zeit, die Gott bestimmt, beantwortet wird. Freut euch darüber, dass Gott euch zu seinem lebendigen Tempel hier auf Erden gemacht hat. Ihr seid dazu bestimmt, seine Liebe in unserer Welt zu bezeugen, seine Gegenwart zu den Mitmenschen zu tragen durch euren Glauben und durch eure Liebe und Güte. Ja, ihr seid wirklich der Tempel Gottes auf Erden.

(Deutsche Übersetzung von P. Mauritius Honegger OSB)

Englischer Originaltext:

The remembrance of the dedication of a Church is a very solemn occasion. And we ask, “Why is it so solemn, so important, so high-ranking?” For a moment, I would like to take us back to a story about the Patriarch Jacob in the Old Testament, in the Book of Genesis. Once Jacob had to flee from his brother Esau whose blessing he had taken. In going to the land of Haran, one night he had a dream while using stones as his pillow. In this dream, he saw angels ascending and descending from heaven on this spot. When he awoke, Jacob realized how closely God had been with him. He said, “The Lord is in this place and I did not know it … This is nothing other than the house of God, the gateway to heaven.” This Scripture passage tells us two important things: First, from the earliest times, God revealed himself as a living God, ever-present to his people; and second, God is closer to us than we could ever realize. To celebrate these two beliefs, through the centuries, people have built chapels and Churches to remind us of God’s presence, care, love, mercy, and protection over us. People come to sanctuaries to know in a special way the loving presence of God in their lives; even though we know and believe God walks with us each day, we recall those special occasions when a Church has been dedicated because it reminds us of our own dedication as God’s people; this very building, St. Paul tells us, is a symbol of who we are: We are the Church, we are the people of God, we are the people whom God protects and loves in our pilgrimage through life.

In the reading from the Prophet Ezekiel, there is an interesting expression that helps us to see the development of faith that comes from our Jewish ancestors. When the prophet describes the temple he writes, “Do you see the place for the soles of my feet?” For the Jews, their belief was that God sat enthroned in heaven, and that the soles of his feet were resting in their temple, bringing his divine presence to them. This thought strikes us as strange, yet it shows us how holy our ancestors in the faith believed God’s presence to be. Importantly, God was with them through the temple, and that divine presence spread out to all the world. The God of Israel was a living God, present to them, and a special place of his presence was the temple.

The Gospel reading takes our belief beyond what we read in Ezekiel. The coming of Jesus Christ among us has given us the divine presence of God in the person of Jesus, walking our earth, experiencing our human existence, and giving us Himself, His Spirit. Because of this Spirit within us, we are guided in how to live our lives, to form our beliefs, and to know the power of God’s love in our lives. On the day of Pentecost, the risen Lord gave to us, His Spirit to dwell within us. By this Spirit within us, we are able to offer God the worship that is truly due to Him. Thus, we realize that we, ourselves, are temples, temples of the Spirit of Jesus Christ.

What does all of this mean to us in a personal way that touches our lives? First, the commemoration of the dedication of a Church is a reminder of God’s presence among us. Though the divine presence is mysterious and subtle, God is with us in times of difficulty and challenge, and in times of blessing and gratitude. God is never far from us; let us believe this with all our heart. Second, as holy as this Sanctuary and Church is for us, let us know the holiness that dwells in each of us. At our Baptism, we are given the precious gift of the Holy Spirit to guide us, to protect us, and to nourish our faith. The strong walls that support this building, the floors that stand firm, the lights that enable us to see, the statues and decorations that remind us of holy things are all symbols of ourselves. My dear friends, believe in the holiness that dwells in you; know the great dignity you carry within you; and believe in the power of Christ’s own Spirit that dwells in you. Today is the feast of your greatness as God’s people; you live each day in God’s love for you. Never doubt that every prayer you utter in faith is heard by God, and answered in God’s time. Rejoice in the way God has made you to be His living temple on earth, to witness to his love in our world today, to carry his presence to one another in loving faith and in compassionate goodness. Yes, indeed, you are the very temple of God on earth.