Sonntagsgedanke – 16. August 2020

15.08.2020

Diesen Sonntag haben wir einen provokativen Evangeliumstext vor uns. Vielleicht nicht auf den ersten Blick. Aber wenn wir genauer hinhören und den Kontext dieser Worte vor Augen halten, dann können wir folgendes feststellen:

Jesus lässt sich belehren. Die Bitte der heidnischen Frau wird zuerst abgelehnt, weil sich Jesus nur zum Volk Israel gesandt versteht. Aber die Frau antwortet schlagfertig, selbstbewusst und klug, so dass Jesus ganz getroffen ist. Er staunt über ihren Glauben und lobt sie dafür. Er lässt sich von dieser Frau umstimmen und ändert seine Haltung. Einige Gläubige könnten einwenden: „Halt mal! Jesus weiss doch alles. Gottes Sohn hat keine Belehrung nötig.“ Doch was lesen wir im 4. Hochgebet der Eucharistiefeier: „Er hat wie wir als Mensch gelebt, in allem uns gleich ausser der Sünde“. Ist Lernen eine Sünde? Wohl kaum. Lernen gehört ganz wesentlich zu unserem Menschsein. Lernen ist etwas Natürliches und auch Schönes. Jesus ist Gottes Sohn und hat das Menschsein ganz angenommen. Zum Menschsein gehört das Lernen. Lernen ist keine Sünde. Und wenn selbst Jesus die Demut besass, von einem anderen Menschen etwas zu lernen, dann sollten wir uns nicht erhabener fühlen und meinen, andere hätten uns nichts zu sagen und wir bräuchten keine Belehrung. Wir alle bleiben ein Leben lang Schüler und Schülerinnen des Lebens. Für uns Christen geht der Lernstoff sicher nie aus. Das Evangelium ist reichhaltig an Lektionen und Aufgaben. In Jesus Christus haben wir ein leuchtendes Vorbild an Demut und einen geduldigen Lehrmeister zugleich.

P. Benedict