Predigt an Maria Himmelfahrt, 15. August 2020

15.08.2020

Coronabedingt fiel das diesjährige Hochfest der Aufnahme Marias in den Himmel deutlich bescheidener aus als gewöhnlich. Dennoch konnte Abt Urban im Pontifikalamt zahlreiche Gläubige begrüssen, welche trotzdem den Weg in unsere Klosterkirche gefunden haben. Unsere Klostergemeinschaft ist jedoch froh, dass der übliche Pilgerstrom weitgehend ausblieb und viele Leute verantwortungsvoll auf einen Besuch unseres Wallfahrtsortes am heutigen Tag verzichtet haben. Für jene, welche die Festpredigt des Wallfahrtsverantwortlichen, P. Philipp Steiner, nachlesen möchten, sei hier die Gelegenheit geboten:

«Bei Maria zu Hause» – so, liebe Brüder und Schwestern, lautet das Motto für die diesjährige Wallfahrtssaison. Ausgehend von zwei Zusammenkünften von Wallfahrtsverantwortlichen im deutschen Sprachraum und in Europa hier in Einsiedeln wollten wir damit das Verbindende der einzelnen Marienwallfahrtsorte herausstellen. Wir wollten zeigen, dass wir bei der Gottesmutter Maria nicht einfach nur zu Gast, sondern wirklich zu Hause sein dürfen. Denn unser Zuhause ist dort, wo wir bedingungslos willkommen und angenommen sind.

Doch dann kam das Coronavirus dazwischen.

Die erste Wallfahrtsrektorenkonferenz konnte im Januar zwar noch wie geplant durchgeführt werden, doch die zweite, für September geplante internationale Zusammenkunft musste zwischenzeitlich abgesagt werden. Doch nicht nur das: Während Wochen mussten wir Mönche die Gottesdienste unter Ausschluss der Öffentlichkeit feiern und Einsiedeln war ganz und gar kein einladender Ort mehr. Auch am heutigen Festtag spüren wir die mit dem Coronavirus verbundenen Einschränkungen sehr schmerzlich, mussten wir die ansonsten so zahlreich erscheinenden Gläubigen für den heutigen Festtag doch richtiggehend «ausladen», um kein «Corona-Hotspot» zu werden.

Aber keine Sorge – wir sind dankbar, dass wenigstens Sie, liebe Mitfeiernde, trotzdem gekommen sind…

Doch statt hier in den Kirchenbänken sitzen viele Menschen zu Hause vor dem Bildschirm und feiern diesen Festgottesdienst aus der Ferne mit. Und viele Menschen, für die Einsiedeln ein wichtiger Ort darstellt, haben unsere Schwarze Madonna in diesem Jahr noch nicht besuchen können. Wie unzählige andere Wallfahrtsorte weltweit ist auch dieses Heiligtum von Abstandsregeln, Besucherbeschränkungen und Hygienevorschriften geprägt.

Ist das Motto «Bei Maria zu Hause» deshalb eine leere Floskel geworden?

Vielleicht hilft uns die aktuelle Pandemie, die Frage nach unserem Zuhause und der Rolle der Gottesmutter Maria neu zu stellen und vielleicht sogar neu zu deuten. Das heutige Fest kann hierfür eine Fährte legen.

Denn die Coronakrise hat nicht nur unseren Wallfahrtsort verwandelt. Wir haben in dieser vom Coronavirus geprägten Zeit auch unser eigenes Zuhause ganz neu erfahren: als Ort des Rückzugs und der Sicherheit, aber auch als Ort der Einschränkung und der Isolation. Wir haben gemerkt, dass das Zuhause – wie so vieles im Leben – ambivalent ist: Es hat gute und schöne Seiten, aber unsere eigenen vier Wände können auch zu einem wirklichen Gefängnis werden. Und das nicht nur in der Coronazeit…

Das Hochfest der der Aufnahme Marias in den Himmel weist jedoch über diesen engen Begriff von «Zuhause» hinaus. «Unsere Heimat ist im Himmel», wie Paulus im Philipperbrief schreibt (Phil 3,20). Das heutige Hochfest der Vollendung der Gottesmutter Maria weitet also unseren Blick über unser eigenes Zuhause und über die Wallfahrtsorte hinaus in die wahre Heimat.

Auch wir Christen unterliegen immer wieder der Versuchung, uns in dieser Welt einzurichten und so zu leben, als gäbe es nichts danach. Wir verwechseln das Zuhause mit Heimat.

Ich finde es deshalb spannend, dass wir in unserer Klosterkirche diese zwei Pole unserer menschlichen Existenz auch sinnbildlich vor uns haben.

Im Westen befindet sich die Gnadenkapelle, quasi das «Zuhause Marias», wo sie in Gestalt der Schwarzen Madonna die Menschen empfängt und ihnen ihren Sohn zeigt. Die Gnadenkapelle kann mit etwas Fantasie auch als «Haus von Nazareth» gedeutet werden, als Ort der Inkarnation des Wortes Gottes, aber auch als Symbol für den Ort unserer je eigenen «Inkarnation», unserer Menschwerdung im Schosse einer Familie.

Dann haben wir hier, im Osten der Klosterkirche, das von Franz Anton Kraus gemalte Hochaltarbild mit der Aufnahme Marias in den Himmel. Diese Darstellung erinnert uns an jene Vollendung, die Maria bereits geschenkt ist, die aber uns allen verheissen ist.

Beides, das häusliche, und damit statische Element der Gnadenkapelle und das in barocker Inszenierungsfreude abgebildete, dynamische Vollendungsgeschehen umspannen diesen Kirchenraum. Und wir sind mittendrin!

Liebe Schwestern und Brüder, wir müssen diese Spannung zwischen irdischem Zuhause und himmlischer Heimat, welche es auch in unserem Leben gibt, wahrnehmen, annehmen und gestalten. Denn als Menschen sehnen wir uns nach dem Schutz und der Sicherheit eins Zuhauses. Als Christinnen und Christen aber sind wir gerufen, mit unserer ganzen Kraft nach den ewigen Wohnungen zu streben, die Christus uns bereitet hat. Das heutige Fest und die aktuelle Coronakrise zeigen, dass das «Zuhause Marias» nicht primär die Wallfahrtsorte sind, an denen die Gottesmutter besonders verehrt wird. Das wäre eine Engführung, welche theologisch nicht haltbar ist. Bei Maria war das «Zuhause» immer Gott. Denn kein anderes Leben war derart mit Gott verbunden und niemand anders durfte Gottes Sohn auf jene Weise in sein Zuhause aufnehmen wie sie. Und am Ende ihres irdischen Lebens, das so durchdrungen war von der Gegenwart Gottes, geschieht ein Rollenwechsel, den die Dichternonne Silja Walter so beschreibt: «Maria, aufgenommen in den Himmel. Ihn, den sie aufnahm, er nimmt sie auf. Der Himmel ist Gott.»

Als Christinnen und Christen ist uns die Hoffnung geschenkt, dass auch uns diese Aufnahme in die Wirklichkeit Gottes einmal geschenkt werden wird.
Unser Leben hat damit ein Ziel. Dadurch sind wir hier auf Erden nur Gäste, Pilger. Doch gleichzeitig ist kein anderes Wesen auf Erden so sehr auf den Schutz und die Geborgenheit eines Zuhauses angewiesen wie der Mensch. Die Spannung zwischen Zuhause und Heimat bleibt also bestehen. Und das ist gut so. Denn nur wo jemand zuhause ist, geschieht Begegnung.

Das heutige Evangelium erinnert uns daran. Das Unterwegssein Marias zu ihrer Verwandten Elisabeth macht diese Dynamik christlicher Existenz deutlich: Wir sind stets unterwegs zum anderen. Maria trägt den eben empfangenen Sohn Gottes zu Elisabeth und Zacharias, Gott lobend und dankend für seine barmherzige Liebe. Mit diesem Evangeliumstext ermutigt uns die Kirche, aus unseren eigenen vier Wänden gleichsam auszubrechen und Christus in die Welt zu tragen und einzustimmen in das Lob der Jungfrau Maria. Denn der Mächtige hat Grosses auch an uns getan (vgl. Lk 1,49) und er wird es auch weiter tun, wenn sich unsere Lebensreise erfüllt und wir in die ewige Heimat eingehen dürfen. Verwechseln wir das Zuhause nicht mit der Heimat – Maria zeigt uns, wie das geht!

Amen.