Sonntagsgedanke – 17. Juli 2020

18.07.2020

Ein Sonntagsgedanke

Von Karl Jaspers, einem Philosophen aus dem 20. Jahrhundert, 1969 gestorben, stammt folgendes, in einem Interview[1] gesprochene Wort, das ich hier verschriftliche:

«Es kommt mir manchmal vor, als ob diese ganze helle Welt wissenschaftlichen Wissens, technischen Könnens, die ja wunderbar ist, und mit der ich mitgehe, auf die ich stolz bin, und an der ich mich freue – dass diese ganze Welt des klaren Denkens im Ganzen eine ungeheure Verschleierung ist, weil sie das verdeckt, was die Voraussetzung des eigentlichen Menschen ist. […] Woher sind wir eigentlich? Wir sind erwacht in einer Welt, von der wir heute wissen, dass sie physikalisch wahrscheinlich aus verschiedenen Gründen vor fünf Milliarden Jahren ihren Ausgangspunkt nahm, was vorher war, wissen wir nicht. […] Wir sehen dieses gewaltige Ereignis dieser Welt, die eine Geschichte hat – in einem anderen Sinne wie die Geschichte der Menschen; und in dieser Welt kommen wir zum Erwachen und sehen das alles und wundern uns. Dieses Stäubchen des Erdballs und auf diesem Stäubchen noch winziger wir Menschen, auf diesem Stäubchen erst seit ein paar tausend Jahren, während wir seit fünfhunderttausend Jahren, ja vielleicht seit Millionen Jahren körperlich als Menschen da sind – wunderlich! Was ist das für ein Rätsel? Das Rätsel ist aber das, dass in dieser Welt, die stumm ist und nichts von sich weiss, Wesen auftreten, die davon wissen. Woher kommen wir? – Dass wir uns aus dieser stummen Welt erklären, als ob wir da her kämen: Das ist die grosse Verschleierung! […] Wir kommen anderswo her! Woher, das ist aber nicht in der Verschleierung der Welt zu erfahren […].»

Die grosse Verschleierung: Dass wir die «stumme Welt» nach dem Woher von uns Menschen befragen. Die grosse Entschleierung: Das WORT Gottes, das «im Anfang» war – GESPROCHEN viele Male und auf vielerlei Weise, zuhöchst in Jesus Christus (Hebr 1,1-2); GESPROCHEN «von anderswo her» in diese Welt, in unsere Geschichte, in unser Leben. In dieser Entschleierung offenbart sich unser «Anderswoher». Sie erklärt nicht das «Rätsel der Welt», eher enthüllt sie es als ein Geheimnis; sie lässt uns nicht aufhören zu staunen, aber aus dem Staunen wird Anbetung.

Der Sonntag: Der Mensch tritt heraus aus der «stummen Welt» (auch wenn sie in ihrer Geschäftigkeit noch so viel redet). Er stellt sich vor das WORT seines «Anderswoher». Er will sich von diesem WORT ANSPRECHEN lassen. Er will dem GESPROCHENEN WORT begegnen, es im Sakrament empfangen. Er will danken und anbeten.

So wird der Mensch wahr. Und diese Wahrheit beginnt durch ihn zu SPRECHEN, auch wenn er schweigt. Sie SPRICHT in die stumme Welt hinein – ganz still, durch allen Lärm und alles Gerede hindurch. Ob sie es hört? Ob wir es hören?

P. Daniel Emmenegger | 17.07.2020

 

[1] vgl. https://www.youtube.com/watch?v=nPRXef5GJxQ [ab 46min30s].