Predigt von Abt Urban am 19. Juli 2020

19.07.2020

Am 16. Juli feiern wir das Hochfest Unserer Lieben Frau von Einsiedeln. Am Sonntag darauf begehen wir das Fest der Muttergottes von Einsiedeln als „äussere Feier“ mit grösserer Feierlichkeit. Aus diesem Anlass hielt Abt Urban eine bemerkenswerte Predigt. Hier zum Nachlesen:

Wir alle kennen sie: im Moment mit einem grünen Kleid aus dem Kloster Fahr behängt, schwarz ihre Hände, schwarz das Gesicht, schwarz das Jesus-Kind, auf dem Haupt trägt sie eine Krone – das Gnadenbild Unserer Lieben Frau von Einsiedeln. Seit Jahrhunderten steht es so da. Bereits der heilige Bruder Klaus muss es gesehen haben, auch die heilige Marguerite Bays schaute ihr ins Angesicht sowie Chiara Lubich, die Gründerin der Fokolar-Bewegung. Dieses Bewusstsein kann uns das Gefühl von Stabilität vermitteln, denn das Gnadenbild ist eine Statue – eine Stehende, die noch hier stehen wird, wenn ich und Sie nicht mehr sind.

Wir, liebe Schwestern und Brüder, wünschen uns oft etwas Beständiges, etwas, was für die Ewigkeit und damit für Gott steht. Denn unser eigenes Leben ist ständig in Bewegung und häufig läuft es nicht so, wie wir es gerne hätten. Auch bei der Gottesmutter Maria war das nicht anders. Nur weil eine Statue unbeweglich dasteht, heisst das nicht, dass stillsteht, wer mit Maria zusammen betet. Marias Leben war ausgespannt zwischen Freude und Leid, zwischen Hochgefühl und grossem Schmerz. Zwei Eigenschaften des Einsiedler Gnadenbildes möchte ich hervorheben, um zu zeigen, warum Unsere Liebe Frau von Einsiedeln uns immer wieder anzusprechen vermag in unserer Suche nach Frieden und Glück: die schwarze Farbe und die Krone.

Die Krone macht Maria zur Himmelskönigin. Entfernt sie Maria damit nicht von uns, ja entfremdet sie? Wir alle gehören nicht zu diesen gekrönten Häuptern und regierenden Schichten. Haben wir nicht alle darüber hinaus genug von diesem ewigen Distanz- und Abstand-Halten, das unseren Alltag seit Mitte März prägt? «Krone» heisst lateinisch corona. Die Krone des Einsiedler Gnadenbildes erinnert uns nicht nur daran, dass Maria im Reich ihres Sohnes herrscht und uns darum beistehen kann. Ihre corona zeigt auch, dass Maria viel von Distanz und Entfremdung versteht. Das heutige Evangelium zeigt sie, wie sie nicht nur unter dem Kreuz steht, sondern dort gleichsam erstarrt. Alles ist in Gefahr, gebrochen zu werden: ihre Liebe, die Nähe zu ihrem Sohn. Sie musste zudem unter dem Kreuz einen Abstand zu ihren eigenen Gefühlen aufbauen, sonst hätte sie dieses grausame Martyrium nicht ausgehalten. Und wie reagiert ihr Sohn darauf? Er will nicht, dass seine Mutter stehenbleibt. Es will, dass sie weiter liebt, sich des Jüngers annimmt, den er liebt, also Distanz abbaut. Das gekrönte Einsiedler Gnadenbild fordert uns auf, auch in Corona-Zeiten nicht stehenzubleiben. Wir sollen uns nicht in unserem Opfer-Sein einschliessen. Die Jungen könnten Opfer der Krise sein, weil sie nicht mehr Party feiern und reisen können, wie sie wollen, die Alten, weil sie als Risikogruppe gemieden werden und das Abstand-Halten zur Vereinsamung führt. Das Evangelium ruft uns auf, aus diesem Opfersein aufzubrechen, auch in Corona-Zeiten Beziehungen aufzubauen und für andere da zu sein. Und das aufgrund der Stimme Gottes, die uns noch im Leiden, das uns doch auf uns selbst zurückwirft, auf andere hinweist: Siehe, dein Sohn, deine Mutter, deine Schwester, dein Bruder. Wer auf Gottes Wort hört und vertraut, wird auch in Corona-Zeiten versuchen, Distanzen zu überwinden und Gottes Liebe in dieser Welt aufscheinen zu lassen.

Und das Einsiedler Gnadenbild ist schwarz. Das Schwarz von Madonna und Kind war schon immer eine Identifikationsmöglichkeit für die hart arbeitenden Bevölkerung, die sich etwa auf dem Feld und auf der Baustelle der Sonne aussetzen muss. Jesus und seine Mutter haben jedenfalls nicht die Hautfarbe der Privilegierten Europas – die war immer weiss. Attraktiv ist die schwarze Hautfarbe heute zudem für die vielen Menschen mit Migrationshintergrund aus anderen Kontinenten. Sie fühlen sich bei der Schwarzen Madonna schnell zu Hause. «Bei Maria zu Hause» ist das Einsiedler Pilgermotto dieses Jahres. Bei Gott zu Hause zu sein, auch wenn wir hart arbeiten und kämpfen müssen: Auch das lehrt uns das Einsiedler Gnadenbild. Gott freut sich in der heutigen Lesung aus dem Buch Zefanja und seine Freude ist Grund zum Jubeln für Israel – selbst im Angesicht von Furcht und Resignation. Freude kann nicht gemacht werden, aber Freude können wir verspüren, weil Gott sich freut. Die Lesung fordert uns auch in Corona-Zeiten auf zu jubeln und uns nicht zu fürchten, denn «Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte».

Meine Lieben, das bekrönte und schwarze Gnadenbild Unserer Lieben Frau von Einsiedeln fordert uns auf, nicht stehenzubleiben, sondern auch in dieser Corona-Zeit den Weg zu anderen zu suchen, Distanzen abzubauen und für andere da zu sein, weil wir auf Gott vertrauen, weil er sich an uns freut. Dennoch ist dieses Gnadenbild eine Statue: Maria steht da, schweigend. Auch das ist eine Botschaft an uns. Wenn es in der heutigen Lesung heisst: «Er erneuert seine Liebe zu dir», heisst es in der neuen Einheitsübersetzung richtiger übersetzt: «Er schweigt in seiner Liebe.» Weil Gott liebt, schweigt er. Er schweigt lieber, als dass er (in der Logik der Lesung) erneut zornig wird über sein Volk und ein neues Urteil spricht. In der Schule der Schwarzen Madonna von Einsiedeln können wir auch dies lernen: Lieber zu schweigen als im Zorn zu urteilen und zu verurteilen. Schweigen heisst also nicht, still zu stehen. Auch wenn sie schon seit Jahrhunderten in unserer Gnadenkapelle steht, Unsere Liebe Frau von Einsiedeln, lehrt sie uns, immer wieder Wege des Friedens und des Glücks zu suchen – für uns selbst und für andere. Amen.

Zum Bild: Extra für das „Einsiedlerfest“ wurde die Schwarze Madonna mit dem „Fahrer Kleid“ geschmückt. Dieses schlichte und doch edle Gewand wurde von unseren Mitschwestern im Kloster Fahr bei Zürich gestiftet.