Gleichnis vom Sämann – 12. Juli 2020

13.07.2020

Die Leseordnung bringt am heutigen Sonntag zwei Texte zusammen, die auf eindrückliche Weise zeigen, dass die Bibel eine Bibliothek ist mit Büchern verschiedenster Art, die doch alle die gleiche  Grundüberzeugung zum Ausdruck bringen. Und sie zeigen auch, wie sehr die Person des Autors jeweils den Text prägt. Da ist auf der einen Seite Jesus, ohne systematische Ausbildung, aber ein erzählerisches Naturtalent, auf der anderen Seite Paulus, der von Gamaliel, einem der bekanntesten theologischen Lehrer jener Zeit, unterrichtet worden ist und dessen Methoden immer wieder anwendet.

Jesus erzählt ein Gleichnis, vom Sämann, der aufs Feld geht, um zu säen. Zuerst ist die Rede von den vielen Hindernissen, die den Samen daran hindern Frucht zu bringen. Auf dem Weg wird er zertreten, auf dem felsigen Grund verdorrt er, von den Dornen wird er erstickt. Aber es gibt doch den Samen, der Frucht bringt, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreissigfach, wie Jesus fast triumphierend ausführt. Jesus spricht in seinen Gleichnissen gewöhnlich vom Reich Gottes. Dieses begegnet also unzähligen Hindernissen und setzt sich doch durch, wird fruchtbar für die Menschen.

Paulus legt im Römerbrief einen systematischen Traktat vor. Er spricht von den Leiden der Menschen, ja vom Seufzen der ganzen Schöpfung, die wie in Geburtswehen liegt. Und doch ist er überzeugt, „dass die Leiden dieser Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll.“

Beide Texte sind realistisch, sie wissen sehr wohl um all das, was die Menschen bedrückt, was das Gute in der Welt behindert. Aber trotzdem ist dieses Gute bereits ausgesät, ist bereits wirksam und wird einmal für alle sichtbar werden.

Auch wir, an die diese Texte heute gerichtet sind, sind persönlich den verschiedensten Leiden unterworfen, sehen die zahllosen Hindernisse, denen das Reich Gottes auch in der Kirche ausgesetzt ist. Und doch – so die Botschaft beider Texte – braucht uns dies nicht mutlos zu machen. Wir dürfen darauf vertrauen, dass uns eine Herrlichkeit geschenkt werden wird, wie wir sie uns gar nicht vorstellen können, dass das Gute schliesslich Frucht trägt, für die ganze Menschheit, ja in der ganzen Schöpfung.

Pater Markus Steiner