Sonntagsgedanke zum 7. Juni 2020

06.06.2020

Es ist spannend zu beobachten, wie die meisten Menschen beim Betreten einer Kirche intuitiv still werden. Selbst Kinder flüstern meist nur noch. Woran das liegen könnte? Vielleicht daran, dass wir uns bewusst werden, dass es für einmal nicht an uns ist, zu sprechen. Wir merken, dass es vielmehr der Ort und die Zeit ist, hinzuhören und darauf zu horchen, was jemand anderes uns sagen möchte: Worte des Trostes, der Hoffnung und der Stärkung – Worte, die uns bereichern und weiterbringen.

Bei den Stichworten «still werden» und «Gotteshaus» fällt mir eine Stelle aus dem ersten Korintherbrief ein, in dem Paulus schreibt, dass wir alle Tempel Gottes sind, weil der Heilige Geist in uns wohnt (1Kor 3,16). Damit verbinde ich ein wesentliches Element unserer benediktinischen Spiritualität: Wir versuchen allen Menschen im Glauben zu begegnen, dass uns in ihnen Gott entgegenkommt. Durch alle Menschen dürfen wir Gottes Stimme hören, selbst durch jene, die uns herausfordern oder gar kritisieren, indem sie uns beispielsweise zum Wachsen in Geduld und Liebe anspornen.

Dieser Gedanke führt mich zu einer kleinen Übung, die wir heute alle machen könnten: Lasst uns doch bei der nächsten Begegnung mit jemandem zuerst einmal hinhören. Lasst uns die Ohren spitzen, bevor wir selbst zu reden beginnen. Wir können gespannt sein, welche Worte, welche Botschaften sie uns mitgeben.

P. Thomas Fässler