Predigten zum Pfingstfest

02.06.2020

Am Pfingstsonntag hielt P. Justinus Pagnamenta die Predigt und am Pfingstmontag richtete P. Lukas Helg das Wort an die Gottesdienstgemeinde in unserer Klosterkirche. Beide Predigten können Sie hier nachlesen:

Predigt am Pfingstsonntag, 31. Mai 2020, von P. Justinus Pagnamenta

Liebe Schwestern und liebe Brüder in Christus!

Was wir heute an Pfingsten feiern, ist kein Ereignis der Vergangenheit; es ist nicht bloss die Erinnerung an die Ausgiessung des Heiligen Geistes auf die allererste christliche Gemeinde. Wir feiern heute ein Ereignis, das nie an Aktualität verloren hat. Und wir Christen haben das Recht, die Pflicht und die Freude, das Pfingstereignis heute zu verwirklichen (vgl. Johannes Paul II., Predigt vom 25.5. 1980). Was meine ich damit?

Eine grundlegende Eigenschaft, die unmittelbar nach dem Pfingstereignis die christliche Gemeinde auszeichnete, war der Friede und die Eintracht. Die Apostelgeschichte berichtet von einer einträchtigen und solidarischen Gemeinschaft: Niemand lebte egoistisch, niemand war anmassend, niemand nutzte andere aus oder lebte auf Kosten anderer. Ganz im Gegenteil! Jedes Mitglied leistete seinen Beitrag und man half sich gegenseitig, so dass keiner von ihnen Not litt. Die erste christliche Gemeinde war – wie die Apostelgeschichte berichtet – ein Herz und eine Seele (vgl. Apg 4,32)

Gewiss, der Verfasser der Apostelgeschichte zeichnet ein Idealbild. So vollkommen war wahrscheinlich die Urgemeinde auch nicht. Und doch in den ersten Jahrhunderten, in einer noch heidnisch geprägten Gesellschaft, waren die Christen besonders durch ihre geschwisterliche Liebe und ihren friedlichen Umgang bekannt; ganz den Worten Jesu entsprechend: «Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt» (Joh 13,35).

«Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch» (Joh 14,27). Diese Verheissung Jesu ist in der allerersten christlichen Gemeinde Wirklichkeit geworden. Dabei muss man hervorheben, dass Jesus diese Verheissung im Rahmen seiner ersten Abschiedsrede macht, als er seinen Jüngern die Sendung des Heiligen Geistes, des Beistands, ankündigt. Auch im heutigen Evangelium wünscht Jesus den Aposteln den Frieden und unmittelbar danach gibt er ihnen den Heiligen Geist. Der Heilige Geist und der Friede Christi sind eng miteinander verbunden: Der Friede, die Eintracht und die geschwisterliche Liebe sind greifbarer Ausdruck der Gegenwart des Heiligen Geistes inmitten der christlichen Gemeinde.
Das kann und muss auch heute greifbare Wirklichkeit werden. Wir haben alle Voraussetzungen dafür; sie heissen Charismen, Gnadengaben, Gaben des Heiligen Geistes. Einige Theologen unterscheiden die Charismen von den Talenten. Letztere wären bloss natürliche Gaben, die der menschlichen Natur selbst innewohnen. Charismen hingegen wären übernatürliche und aussergewöhnliche Gaben. Persönlich teile ich diese Unterscheidung nicht. Selbst der Apostel Paulus, wenn er in seinen Briefen die verschiedenen Charismen auflistet, erwähnt nicht nur übernatürliche Gaben – wie z.B. die Gabe, Krankheiten zu heilen, oder die Macht, Wunder zu wirken – sondern auch Gaben, die keineswegs als übernatürlich zu bezeichnen sind, wie z.B. die Fähigkeit zu lehren, zu verwalten, zu ermahnen, oder einfach die Gabe des Dienens (vgl. Röm 12,6-9; 1 Kor 12.8–11.18–30; Eph 4,11). Alle unsere intellektuellen und handwerklichen Fertigkeiten sind als Charismen, als Gaben des Heiligen Geistes, anzusehen. Ist schliesslich nicht das Leben selbst ein Geschenk des Heiligen Geistes, «der Herr ist und lebendig macht»? (vgl. Grosses Glaubensbekenntnis)

«Wir haben unterschiedliche Gaben, je nach der uns verliehenen Gnade» (Röm 12,6). Der Prophet Mose war ein grosser Führer, aber er brauchte seinen Bruder Aaron, der ihm als Sprecher half (Ex 4,14–16). Manche von uns haben die Begabung der Leitung und Führung wie Mose oder sind gute Sprecher wie Aaron. Andere können gut singen oder beherrschen ein Musikinstrument. Wieder andere sind gute Sportler oder sind handwerklich begabt. Verständnis für andere, Geduld, Fröhlichkeit und die Fähigkeit, andere zu unterrichten, sind weitere Begabungen, Gnadengaben; keine ist wichtiger als eine andere, alle sind nötig für ein gutes Zusammenleben.

Gabe bedeutet aber auch Aufgabe. Wir sind in die moralische Pflicht genommen. Wir haben es in der ersten Lesung gehört: «Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt» (1 Kor 12,7) … damit sie anderen nützt! Die Charismen, die Gnadengaben, die Talente, die Fähigkeiten – oder wie man sie auch immer benennen will – diese Gaben müssen eingesetzt und gut eingesetzt werden! Wir Christen sind keine Faulenzer, die ihre Talente in den Boden vergraben, es sich bequem machen und sich bedienen lassen. Umso weniger missbrauchen wir unsere Talente für egoistische Zwecke; das wäre eine Beleidigung des Heiligen Geistes. Wir Christen setzen unsere Charismen, unsere Talente, für das Gute ein. Wir geben uns Mühe und arbeiten für das Wohl aller. Jede und jeder tut es auf seine Weise, wie sie oder er kann, je nach den Gaben, die ihr oder ihm der Heilige Geist geschenkt hat.

«Gilt das nicht eigentlich auch für Nicht-Christen?», könnte jemand fragen. Selbstverständlich gilt das auch für Nicht-Christen. Auch sie haben Begabungen. Es ist auch ihre ethische Pflicht, diese Begabungen gut zu nutzen. Es gibt aber einen Unterschied: Jesus hat uns, seine Jüngerinnen und Jünger, ausdrücklich mit einer wichtigen Aufgabe beauftragt: «Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als Erstes: Friede diesem Haus!» (Lk 10,5). Das ist nicht bloss eine Grussformel; es ist der Friede Christi, den wir Christinnen und Christen an jede Ecke dieser Welt bringen müssen. Nur so kann die Kirche als Sakrament der Einheit für alle Menschen erfahrbar sein (vgl. Fürbitten, 4. Ostersonntag, Vesper). Nur so kann Pfingsten eine greifbare Wirklichkeit werden … in unserem eigenen Leben, im Leben unserer Familie, im Leben der Kirche und im Leben der gesamten menschlichen Gemeinschaft. Amen!

Predigt am Pfingstmontag, 1. Juni 2020, von P. Lukas Helg

Liebe Schwestern und Brüder hier in der Klosterkirche! Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer zu Hause! Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer im Spital und in den Altersheimen!

Als Christus in den Himmel aufgefahren war, fragten ihn die Engel sehr besorgt:“ Du, Jesus! Wie soll es denn mit Deinem Reich auf der Erde weitergehen?“- „Ich habe doch meine Jüngerinnen und Jünger auf der Erde“, beruhigte sie Christus. Aber die Engel liessen sich nicht beruhigen, denn sie sahen, wie unbedeutend, wie schwach, wie ungebildet, wie verängstigt und von Zweifeln bedrückt seine Jüngerinnen und Jünger waren. Deshalb fragten sie ganz erschrocken: „Herr, hast Du denn wirklich keinen anderen Plan?“ – „Nein“, antworte Jesus, „nein, einen besseren Plan habe ich nicht“.

Pfingstmontag. Wir verlassen heute endgültig die Zeit der Hochfeste, die mit Weihnachten begonnen hat, vorbereitet durch den Advent. Dann kam Ostern, das höchste Fest, angekündigt durch den Aschermittwoch, gezielt vorbereitet durch die Fastenzeit und feierlich eingeleitet durch die Karwoche. Und gestern feierten wir Pfingsten. Oder vielleicht besser: gestern wurden wir von Pfingsten überrascht. Pfingsten kennt keinen Countdown. Das Fest schleicht sich fast lautlos heran und steht plötzlich da wie ein unangemeldeter Gast. An Weihnachten und Ostern ist Jesus Christus im Zentrum. Er ist die Hauptperson. An Pfingsten agiert die Hauptperson, um die sich alles dreht, der Heilige Geist, hinter der Bühne oder unten im Souffleurkasten. Auf der Bühne agieren die Jüngerinnen und Jünger als Beschenkte, als vom Geist Gepackte, als im wahrsten Sinne Begeisterte, die von jetzt an dafür besorgt sind, dass es mit dem Reich Jesu auf der Erde weitergeht. Deshalb kann Jesus seine Engel beruhigen: „Ich habe keinen besseren Plan, aber glaubt mir, der ist gut!“ Wir feiern an Pfingsten den spürbaren Motivationsschub. Den verzagten und verunsicherten Jüngerinnen und Jüngern wird nach 50-tägiger Durststrecke endlich das Wasser, das Feuer, der Sturm des Geistes Gottes gereicht. Jetzt geht ihnen das Licht auf, jetzt fangen sie Feuer. Jetzt beginnen sie, öffentlich in allen Sprachen zu reden. Es ist der Geburtstag der Kirche. Es ist nicht bloss das Fest der ersten Jüngerinnen und Jünger, es ist auch unser Fest, das Fest aller Getauften und Gefirmten.

Doch ist es das auch wirklich? Ist das mein Geburtstag? Hat Pfingsten überhaupt etwas mit mir zu tun? Stehen mir Weihnachten und Ostern nicht viel näher? Natürlich, sie haben es auch leichter durch die vielen Zutaten, die wir ihnen gegeben haben. Adventskranz, Kerzen, Weihnachtsmarkt, Samichlaus, Krippenspiel, Christbaum, Weihnachtslieder. Ostern hinkt da schon etwas hintendrein mit Palmzweigen, Kreuz, Passionsspielen, Ostereiern, Osterhasen und Osterkerze. Pfingsten erinnert uns vielleicht spontan an Pfingstrosen, Pfingsturlaub, an Pfingstlager, an Pfingstkonzerte in der Kartause Ittingen oder an den jährlichen Pfingststau am Gotthard, fast alles lauter Dinge, die wegen der Corona-Pandemie dieses Jahr mehr oder weniger ins Wasser fallen. Teils bedauern wir das, teils sind wir sogar dankbar dafür. Pfingsten hat kirchlich tatsächlich nichts anderes zu bieten als feurige Zungen, Sturm und Sprachenvielfalt. Ist deshalb Pfingsten ein unterschätztes, ein irgendwie anonymes und verkanntes Fest? Ein Fest, das mir fremd geworden ist, weil es scheinbar nichts mit mir zu tun hat? Moment mal! Haben wir vergessen, dass wir, Du und ich, bei der Firmung unseren Lebensauftrag als Christinnen und Christen bekommen haben und jedes Jahr an Pfingsten daran erinnert werden?

Haben Sie sich auch schon überlegt: Wo wären wir, wenn es Pfingsten nicht gegeben hätte? Jesus wäre vergessen. Die junge Kirche wäre zur Sekte verkommen und nicht über Jerusalem hinausgewachsen. Die Welt wäre ein Chaos, die Gesellschaft korrupter, als sie es schon ist. Deshalb ist es schon richtig, dass Pfingsten wie Weihnachten und Ostern an zwei Tagen gefeiert wird – mit dem eigentlichen Festtag und dem Nachheiligtag. Auf Weihnachten folgt der Stefanstag – erst noch feierten wir das Kind in der Krippe und tags darauf schon den ersten Märtyrer. Der Ostermontag ist der Tag der Emmausjünger. Aber der Pfingstmontag. Ist er nicht irgendwie leer? Für was ist er eigentlich gut? Damit nicht so urplötzlich wieder Werktag wird? Der Pfingstmontag als sanfte, nicht abrupte Überleitung vom Fest in den Werktag. Der Pfingstmontag als Chance, sich für den Alltag zu rüsten. Denn darauf kommt es an, dass wir den Geist Gottes in unseren Alltag wirken lassen. Dafür schenkt uns die Kirche diese pfingstmontägliche Vorbereitung, dieses pfingstmontägliche Innehalten. Wir tun gut daran, diese Chance zu nutzen.

Wenn ich aus dem heutigen Evangelium vom Pfingstmontag nur einen einzigen Satz in die kommende Zeit im Jahreskreis, in mein Alltagsleben mitnehmen will, dann ist es dieser Satz: „Und auch Ihr sollt Zeugnis ablegen“. Weil Christus mit jedem Einzelnen von uns, mit Dir und mit mir rechnet, deshalb kann er zu den Engeln sagen: „einen besseren Plan habe ich nicht“. Amen.

Zum Bild: Der Heilige Geist als Taube dargestellt auf dem Antependium (um 1750), welches am Pfingstfest den alten Hochaltar in unserer Klosterkirche ziert.