Predigt am Herz-Jesu-Fest

19.06.2020

Acht Tage nach Fronleichnam feiert die Kirche das Hochfest des Heiligesten Herzens Jesu. Unser Dekan, Pater Daniel Emmenegger, hielt im Konventamt am 19. Juni 2020 folgende Predigt:

Das Fest des Heiligsten Herzens Jesu läuft manchmal Gefahr, etwas verkitscht zu wer-den. Der katholisch-religiöse Markt bietet dazu auch süssliche Bilder, welche zur Sentimentalität neigende Seelen zu Tränen rühren können. Man kann sich aber fragen, ob solche Sentimentalität den Zugang zum Geheimnis des Herzens Jesu nicht eher verbaut als freilegt.

Es stimmt zwar: Die Kernaussage gerade des heutigen Festes lautet: „Gott liebt dich“. Aber: für einen Menschen, der vom Unglück getroffen ist; der verwundet und verletzt danieder liegt, kann eine solche Aussage geradezu zynisch sein, auch wenn sie noch so wahr ist.

Es ist deshalb nicht unbedeutend zu sehen, dass die Öffnung des Herzens Jesu traditi-onell mit dem Lanzenstich des Soldaten in den am Kreuz hängenden Leib Jesu in Verbindung gebracht wird. Ausgerechnet am Kreuz wird also Gottes Liebe sichtbar. Sie scheint auf am äussersten Punkt menschlichen Leids; dann, wenn nichts mehr ande-res bleibt als zu schreien: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Das bedeutet nicht, dass der Schmerz und das Leid einfach weggenommen werden. Aber der Mensch, dem im Leidensschmerz, dem in diesem Schrei die Liebe Gottes aufscheint; der also im Leiden Jesu Herz sieht – ein solcher Mensch tritt in ein neues, befreites und befreiendes Verhältnis zu seinem Leid, zu seinem Schmerz, zu seinen Verletzungen, zu seinen Wunden.

Verwundet sind wir alle! Kein Mensch geht unverwundet und schmerzlos durch die-ses Leben. Auch geht kein Mensch durch dieses Leben, ohne dass er selbst anderen Wunden und Verletzungen und damit Schmerz zufügt. Es wäre eine Illusion und eine masslose Selbstüberschätzung des Menschen, wenn er das Gegenteil glaubte. Es wäre eine Anmassung des Menschen, wenn er eine Welt schaffen wollte, die nicht mehr verletzt und in der nicht mehr verletzt wird. Das Resultat wäre in jedem Fall eine Tyrannei, die blind ist für Gott und somit nur neue Verletzungen, neue Wunden, neuen Schmerz schafft, für die dann in der Zukunft neue Genugtuungsfonds eingerichtet werden müssen, die doch nicht heilen können.

Können wir hier etwas tun? Ja, wir können. Jeder einzelne von uns kann. Wir können uns täglich neu darin üben, andere nicht absichtlich verletzen zu wollen; da, wo wir trotzdem andere verletzen und wir uns dessen bewusst werden, können wir um Verzeihung bitten und bereit sein, etwaige Konsequenzen zu tragen. Und wir können uns in der Bereitschaft üben, selber zu verzeihen, wenn uns Wunden zugefügt werden.

Das Herz Jesu ist der nie versiegende Brunnen, aus dem wir die Kraft – oder besser: die Liebe schöpfen, die wir zu solcher Übung brauchen, ja, die uns solche Übung zu einer Selbstverständlichkeit werden lässt. Fern von süss-sentimentalem Kitsch kann sich unsere Herz-Jesu-Frömmigkeit hier bewähren. Amen.

Übrigens: Wie am Hochfest Fronleichnam feiern wir auch am Herz-Jesu-Fest die Vesper (16.30 Uhr) und die Komplet (20.00 Uhr) vor dem ausgesetzten Allerheiligsten. Feiern Sie mit – analog in der Klosterkirche oder digital über unseren Livestream www.kloster-einsiedeln.ch/live