Sonntagsgedanke – 17. Mai 2020

17.05.2020

Vom Unterscheiden der Geister!

An diesem Sonntag ist im Rahmen des Sonntagsgottesdienstes vorgesehen, die Verse 15-18 aus dem dritten Kapitel des ersten Petrusbriefes vorzutragen. Drei Aufforderungen finden sich darin:

  1. Wir sollen Christus im Herzen tragen
  2. Wir sollen bereit sein, jedem zu antworten, der nach dem Grund unserer Hoffnung fragt
  3. Wir sollen dabei bescheiden und ehrfürchtig antworten.

Zur Bescheidenheit und Ehrfurcht gehört ein «reines Gewissen». Warum dieser Hinweis auf ein reines Gewissen? Für Petrus scheint es offensichtlich, dass das bescheidenste Zeugnis für den Auferstandenen Widerstand hervor- und entsprechende Gegner auf den Plan ruft. Ja, er rechnet mit handfesten Verleumdungen und Beschimpfungen. Und er rechnet zurecht damit: Nicht nur, weil er es am eigenen Leib erfahren hat, sondern weil wir es am Auferstandenen selbst gleichsam «ablesen» können: Er ist der vollends «Gerechte», den die «Welt» nicht ertrug und ans Kreuz schlug. Und seine Apostel und Jünger, ja die Glieder seiner Kirche (seines Leibes!) sind nicht grösser als er: «Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen», sagt der Herr explizit zu seinen Jüngern.

Nun kann man aber auch Verleumdung und Beschimpfung «erleiden», weil man etwas Böses getan hat, wofür einen das Gewissen anklagt, dieses also nicht rein ist. Hier sagt Petrus klar: «Es ist besser, für gute Taten zu leiden als für böse». Schwieriger ist es allerdings, wenn man Verleumdung und Beschimpfung erleidet, weil man anderen gegenüber hart, stur, unnachgiebig, unversöhnlich, hochmütig usw. ist. Hier klagt einen das eigene Gewissen oft nicht oder kaum hörbar an, da die eigene Sturheit und Unnachgiebigkeit lauter ist als die leise Stimme des Gewissens. Erst recht vertrackt wird die Situation, wenn der Sture und Unnachgiebige ein «Verkünder des Glaubens» ist oder zumindest sein will: Wie leicht schreibt er dann etwaige Verleumdung und Beschimpfung dem Umstand zu, ein (vermeintlicher!) «Apostel» des Auferstandenen zu sein, ohne dass er sieht, dass sie eine Folge seines Hochmuts sind! Welch kolossale Täuschung!

Wie können wir uns davor hüten? Vielleicht hilft uns ein Wort des heiligen Maximus des Bekenners: «Wer Christus liebt, ahmt ihn auf alle Fälle auch nach Kräften nach. So hat Christus zum Beispiel nicht aufgehört, den Menschen Gutes zu tun; und als ihm Undank erwiesen und er geschmäht wurde, war er langmütig. Wurde er von diesen Menschen geschlagen und getötet, ertrug er es, ohne jemandem überhaupt diese Untat anzurechnen. Diese drei sind die Werke der Nächstenliebe. Wer ohne sie sagt, er liebe Christus oder er erlange sein Reich, täuscht sich selbst.»

Wir begegnen also wiederum den obigen drei Punkten aus dem ersten Petrusbrief, wenn auch mit etwas anderen Worten:

  1. Christus nach Kräften nachahmen, weil wir ihn lieben
  2. Nicht aufhören, den Menschen Gutes zu tun
  3. Dabei Undank und Schmähung geduldig ertragen.

Das können wir üben. Tag für Tag. Wo es aber gelingt, ist es reine Gnade. Es ist ein Angerührt-Sein von der Liebe Gottes im tiefsten Grund der eigenen Seele.

Daniel Emmenegger | 15.05.2020