Predigt zum Sechsten Sonntag der Osterzeit

17.05.2020

Unser Mitbruder, Pater Jean-Sébastien Charrière, hielt am 17. Mai 2020 eine Predigt zu Joh 14, 15-21, die sich nachzulesen lohnt:

Liebe Schwestern und Brüder

Eine allzu schnelle oder oberflächliche Lesung dieses Evangeliums-Abschnitts, könnte den Eindruck hinterlassen, dass Gott uns nur dann liebt, wenn wir ihn lieben und seine Gebote befolgen. Nach dem Motto: «Ich liebe Dich, wenn Du mich liebst und erst dann, wenn Du meine Bedingungen erfüllst». Eine solche Vorstellung würde uns zu einer unglücklichen und vielleicht sogar gefährlichen Spiritualität führen, die auf Angst und Leistung basiert: auf Angst, im Angesicht unserer Unvollkommenheit nicht geliebt zu werden; und auf Leistung, um zu versuchen, durch unser eigenes Tun, uns diese Liebe zu erkaufen.
Ein solches Verständnis wäre im Widerspruch mit dem Geist der Frohen Botschaft.

Gott liebt uns bedingungslos. Er «ist die Liebe» (1 Johannes 4, 8). Deshalb ist das Hohelied der Liebe im Ersten Korintherbrief auch eine Beschreibung Gottes. Paulus erklärt dort: « Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Und Sie hört niemals auf» (1 Kor 13,7-8). Er schreibt weiter in seinem zweiten Brief an Timotheus: «Wenn wir untreu sind, bleibt Gott doch treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen» (2 Timotheus 2,13). Und in seinem Brief an die Römer verkündet er: «Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren» (Römer 5, 8). Dies alles ohne zu vergessen, was Paulus an anderer Stelle schreibt: «Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn» (Römer 8,39). Und dieser «Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit» (Hebräer 13,8).

Die Liebe Gottes ist uns garantiert. Aber Liebe verlangt Freiheit. Die Liebe kann nicht zwingen, geliebt zu werden. Deshalb braucht Gott unsere Zustimmung, um sich uns hingeben zu können. Auch wenn es mir bewusst ist, dass Bilder immer begrenzt sind, wage ich trotzdem einen Vergleich: Wenn wir die Liebe Gottes nicht annehmen, sind wir wie eine leere, geschlossene Flasche unter Wasser. Das Wasser möchte hineindringen, kann es aber nicht, solange die Flasche geschlossen bleibt. Das Wasser ist wie die Liebe Gottes. Es braucht unsere Zustimmung, damit er unser Leben erfüllen kann. In diesem Sinn schrieb Jakobus in seinem Brief: «Nähert euch Gott, dann wird er sich euch nähern» (Jakobus 4,8). Anders gesagt: In dem Mass, wie wir uns der Gegenwart Gottes – seiner Liebe – öffnen, wird er unser Leben erfüllen und sich mit uns vereinen. Auch so können wir die Lehre Jesus verstehen: «Wer mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben» (V. 21).

Wenn Jesus von der Liebesbeziehung spricht und sagt «Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten» (V. 15) oder «Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt» (V. 21), spricht er nicht erst von einer Bedingung, sondern von einer Folge der Liebe. Es ist nicht, weil wir seine Gebote halten, dass wir ihn lieben, sondern weil wir ihn lieben, halten wir seine Gebote. Erinnern wir uns dabei an die Geschichte der Pharisäer und Zöllner im Tempel. Der Sünder wurde gerecht, jener aber, der hochmütig die Gebote gehalten hat, nicht. Allein die Gebote zu befolgen genügt nicht, um zu lieben. Dies kann sogar zu Mangel an Barmherzigkeit oder noch weiter zu Fanatismus führen. Es ist auch bekannt: «der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig» (2 Korinther 3,6). Dieser Geist der Wahrheit, der Gott uns als Beistand schenkt. Nur dieser Geist kann uns durch seine Gaben helfen in Wahrheit zu lieben. Und «die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes», wissen wir aus dem Römerbrief (Römer 13, 8.10 ; siehe Galater 5,14).

Im Kontext des Johannesevangeliums sind die Gebote mehr als eine Sammlung von Vorschriften (vgl. Johannes 8,31; 13, 14-16.35f.). Sie sind die ganze Lehre Jesu, und vor allem er selbst. Er ist das fleischgeworden Wort Gottes, das wir aus dem Griechischen auch mit «die fleischgewordene Lehre oder das fleischgewordene Gesetz Gottes» hätten übersetzten können (siehe Johannesprolog). So ist Lieben nicht bloss ein Gefühl, sondern ein Leben in Einklang mit Jesus und seiner Lehre. Es ist eine Antwort dem gegenüber, der uns zuerst geliebt hat (siehe 1 Johannes 4,10). Jesus lieben, und vor allem sich von ihn lieben lassen, verändert uns. Denn nur seine Liebe, sein Geist, gibt uns die Kraft, uns selbst zu übertreffen und unsere Ich-bezogenheit zu überwinden. Er ist der, der uns die Kraft gibt, nicht mehr zuerst unser eigenes Wohl zu suchen, sondern das des anderen. Die kleine Thérèse von Lisieux fasste es so zusammen: «Lieben heisst alles geben, und sich selbst hingeben». Wie bei Jesus am Kreuz gilt wahre Liebe nicht nur denen, die uns lieben, oder denen, die uns die Liebe zurückgeben können, sondern die Liebe schenkt sich auch unseren Feinden und jenen, die uns verfolgen (siehe Matthäus 5, 43ff.).

Da Gott die Liebe ist, sprudelt die Quelle der Liebe nicht ausserhalb von uns, sondern in uns. Das können wir von der Samariterin lernen (Johannes 4, 5-43). So lange wir die Liebe nach aussen suchen, werden wir zu kurz kommen, enttäuscht und verletzt. Liebe ist nicht etwas, das man nimmt oder besitzen kann, sondern Liebe ist etwas das man gibt. Die Quelle ist in uns, und je mehr wir aus dieser Quelle schöpfen und weitergeben, desto mehr werden wir beschenkt, wie Jesus uns lehrt: «Gebt und ihr werdet empfangen» (Lukas 6,38).

Liebe Schwestern und Brüder

Wie es einen Teufelskreis gibt, der uns von Gott, vom Nächsten, von der Schöpfung und sogar von uns selbst entfernt, gibt es einen göttlichen Kreis, der uns heilt und mit Gott vereint. Natürlich: Je mehr wir dieses Geheimnis der Liebe Gottes erfahren und in dieses hineintauchen, desto mehr erkennen wir, wie unsere Liebe klein, unvollkommen, berechnend und selbstbezogen ist. In diesem Fall ist es wichtig unser Blick vermehrt auf Gott und seine grenzenlose Liebe zu richten, denn unser unvollkommenes Ego oder unser spiritueller Hochmut sind nicht relevant. Und vor allem: Sie können uns nicht heilen! Nur Gott, der die Liebe ist, kann uns verändern und uns seinen Beistand, seinen Geist, schenken, damit wir eines Tages erkennen, was Jesus uns verkündet und offenbaren will: «Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch» (V. 20). AMEN