Predigt von Abt Urban an Christi Himmelfahrt

21.05.2020

Am Hochfest Christi Himmelfahrt, 21. Mai 2020, hielt Abt Urban eine tiefsinnige Predigt über Brückenbauer, Brücken, einen „missing link“ und das Tanzen. Nachlesen lohnt sich!

Liebe Brüder und Schwestern in Christus: Vermissen Sie etwas, nachdem Sie die Lesungen zum heutigen Festtag gehört haben? Einmal abgesehen davon, dass die beiden Lesungen nicht einfach zu verstehen sind: Gibt es etwas, was Ihnen fehlt, um das heutige Fest der Himmelfahrt Christi zu verstehen? Ja klar, die Himmelfahrt selbst. Die Stelle aus der Apostelgeschichte, in der die Apostel sehen, wie Christus vor ihren Augen emporgehoben wird, und in der sie nicht aufhören, zum Himmel emporzuschauen: diese Stelle haben wir heute nicht gehört. Uns fehlt gleichsam ein «missing link», ein Baustein, um etwas ganz zu begreifen. «Missing links» gibt es im Moment noch viele andere: Für ganz viele Menschen, die jetzt mit uns zusammen die Eucharistie feiern, ist es die Kommunion. Für andere bedeutet der fehlende Baustein in ihrem Glaubensleben das Feiern mit anderen Gläubigen zusammen, der Austausch des Friedensgrusses oder das gemeinsame Singen eines Osterliedes im selben Raum. Ja, wir müssen im Moment wirklich mit vielen «missing links» leben, wohl auch noch nach dem 28. Mai.

Ist das im Glauben nicht sowieso ein Problem: Vieles verstehen wir nicht. Es ist, als würde uns ein Baustein fehlen, um begreifen zu können, was unser Leben mit Gott zu tun hat, was Gott in diese Welt hineingelegt hat. Warum wird heute Jesus überhaupt in den Himmel emporgehoben? Sind wir jetzt nicht wieder so weit wie vor Weihnachten, vor seiner Geburt: Gott ist weit weg von uns und wie fühlen uns oft allein gelassen? Ja, wenn wir heute einfach nur Christi Weggehen feiern, haben wir im Glauben etwas verpasst, dann ist nun Christus wirklich weit weg von uns. Eigentlich sprechen die heutigen Lesungen im Gegenteil von dem «missing link» unseres Glaubens. Gott schlägt nämlich eine Brücke zu unserem Leben, zu uns ganz persönlich. Lassen Sie mich mit Ihnen zusammen diese Brücke begehen.

Wussten Sie, dass eine der berühmtesten Brücken Europas nirgendwo hinführt? Wenn Sie auf die auf das 14. Jahrhundert zurückgehende Brücke von Avignon gehen, stehen Sie irgendeinmal mitten in der Rhone. So kommen mir die Apostel am heutigen Fest vor: Sie sind aufgebrochen mit Jesus zusammen. Doch das Ziel ihrer Lebensreise, von dem das heutige Fest spricht, sehen sie nicht. Jetzt stehen sie mitten im Fluss ihres Lebens – und die weitere Brücke ist abgebrochen. Natürlich hatte die Brücke in Avignon einmal ein Ziel. Doch heute braucht es diese Bücke dafür nicht mehr, es gibt zwei modernere und grössere. Die Menschen besuchen diese alte Brücke dennoch in Scharen – und tun dort, wo diese nicht mehr weiterführt, meist dasselbe: sie tanzen! Nicht nur tanzen sie als Liebende, sondern auch pantomimisch in ihren Rollen, heisst es doch im berühmten Lied «Sur le pont d’Avignon», dass die Leute dort als schöne Frauen und als schöne Männer tanzen, aber auch als Offizier, als Kind und sogar als Priester. Die Brücke verbindet also nicht mehr verschiedenen Ufer der Rhone, sondern Menschen und lässt sie etwas machen, was im Westen sonst höchstens noch in der Hülle des Ballkleides oder unter dem Schutz einer grellen Lichtorgel gemacht wird, aber sicher nicht in der Öffentlichkeit: Sie tanzen. Und bei aller Unterschiedlichkeit der Qualität des Tanzes, den ich dort gesehen habe, ist noch wichtiger: Die Menschen freue sich am Tanzen, auf ihren Gesichtern herrscht die Entspannung vor, das Glück. Nein, dieser Brücke fehlt nicht ein «missing link» zum Ufer. Diese Brücke ist der fehlende Baustein, der aus Menschen, die im Verkehrschaos und den Touristenströmen von Avignon nicht weniger gestresst sind als im Arbeitsalltag, gelöste Menschen macht, Menschen, die zu sich selbst und zu anderen Brücken bauen können.

Die erste Lesung aus dem Brief an die Gemeinde in Ephesus streicht eben auch nicht das vermeintliche «missing link» des heutigen Festes hervor, die Himmelfahrt. Ganz selbstverständlich wird drin gesagt, Christus sei zur Rechten des Vaters im Himmel erhoben worden. Er hat uns also das Tor zum Himmel aufgerissen, zu Gott, denn Christus ist der menschgewordene Sohn Gottes. Viel wichtiger ist der Lesung, eine Brücke zwischen diesem Geheimnis und uns zu schlagen: Christus ist das Haupt, wir sind sein Leib, seine Kirche. Und dieser Kirche und jeder und jedem einzelnen von uns hat er seinen Geist gegeben, den Hl. Geist. Dieser Hl. Geist baut uns keine Brücke zum jenseitigen Ufer, indem er fehlende Brückenteile ansetzt; das können wir selbst. Vielmehr eröffnet uns der Hl. Geist einen grösseren Horizont für unser Leben. Die Lesung sagt dazu: «Der Gott Jesus Christi … erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid.» Dieser Geist ist das «missing link» zwischen Gott uns, sonst würden wir jetzt nicht Gottesdienst feiern. Er gibt uns die Hoffnung, aber auch die Kraft und Stärke, selbst an den Brücken unseres Lebens zu bauen, wenn wir wissen, wozu wir es machen und wohin die Wege unseres Lebens gehen. Im Glauben daran, dass nicht nur für das Haupt, Christus, der Himmel offensteht, sondern uns allen, können wir in der Mitte unseres Lebensstromes diese Hoffnung schöpfen und weitergeben, denn der Hl. Geist ist unsere Beziehung mit Gott, er wohnt in uns und ist uns innerlicher als wir uns selbst.

Meine Lieben, wirtschaftlich gesehen bringt die alte Brücke in Avignon nur dem Tourismus etwas; Waren können über sie keine transportiert werden. Wie sie ist der Hl. Geist aber viel mehr: das «missing link» zu unserer eigentlichen Bestimmung. Der Geist ist die liebende Gemeinschaft mit Gott, er ist der Schlüssel zum Himmel, also zu Gott. Und er lässt uns erfassen, zu welcher Hoffnung wir berufen sind. Das ist mehr, als diese Welt geben kann, wo statt der Hoffnung oft der Zynismus regiert. Wenn Sie nun bei der Kommunion nicht kommunizieren können und darin ihren «missing link» in dieser Zeit der Pandemie ausmachen, dann beten Sie zum Hl. Geist, der in Ihnen wohnt und der Ihnen den Himmel öffnet. Er gibt uns Hoffnung, Freude und Friede, wie das die Welt nicht geben kann. Oder sie beginnen während der Kommunion mit ihren Liebsten zu tanzen. Vielleicht summen sie dazu sogar «Sur le pont d’Avignon». Kommunion heisst «Gemeinschaft», sogar «Einssein». Das geschieht auch im Tanz. Darum wohl sind heute sogar Brücken begehrt, die scheinbar nirgends hinführen, wenn wir auf ihnen tanzen. Tanzen Sie nach dem Takt und in der Hoffnung des Hl. Geistes und der Himmel wird sich Ihnen öffnen! Amen.

Zum Bild: 40 Tage nach Ostern feiert die Kirche das Hochfest Christi Himmelfahrt. Dafür erhält die Statue des Auferstandenen über dem Tabernakel der Klosterkirche statt der österlichen Siegesfahne einen Palmzweig. Am darauffolgenden Tag „entschwindet“ er definitiv und an seine Stelle tritt das grosse Altarkreuz.